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01. April 2015 11:20 Uhr

Die Akte Klümper (6)

Doping in Freiburg: Laut Werner Franke ist der Fußball verseucht

40 Jahre lang hat Werner Franke behauptet, Freiburger Sportmediziner hätten systematisch gedopt. Nun ist klar: Er hat Recht. Ein Interview mit dem Doping-Bekämpfer aus Heidelberg.

  1. „Die Wahrheit hat es an der Dreisam nicht leicht“, sagt Werner Franke. Foto: DPA

  2. Kontrollen in einem Anti-Doping-Labor. Foto: dpa

Vier Jahrzehnte lang hat Werner Franke behauptet, Freiburger Sportmediziner hätten systematisch gedopt. Vier Jahrzehnte lang hat man ihm nicht geglaubt. Jetzt steht fest: Franke sagte die Wahrheit, die Freiburger Ärzte haben gelogen. Bis zum Jahr 2012 gehörte Franke selbst der Kommission zur Geschichte der Sportmedizin an. BZ-Sportredakteur Andreas Strepenick sprach mit dem international renommierten Doping-Bekämpfer aus Heidelberg.

BZ: Herr Franke, Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Freiburg belegen, dass der ehemalige Freiburger Sportmediziner Armin Klümper den Bund Deutscher Radfahrer flächendeckend mit Anabolika beliefert hat, und zumindest in einigen Fällen auch die Fußballklubs VfB Stuttgart und SC Freiburg. Sehen Sie sich bestätigt?
Franke: Klümper versorgte auch viele andere Sportarten, vor allem in der Leichtathletik. Meine Frau, Brigitte Berendonk, und ich haben das schon 1991 in dem Buch Doping-Dokumente nachgewiesen. Übrigens nicht nur für Klümper, sondern auch für das Dopingzentrum von Joseph Keul.

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Sowohl Anabolika als auch Epo sind im Fußball verbreitet.

BZ: Warum bekamen Fußballklubs vor drei Jahrzehnten Anabolika? Es heißt doch immer, Doping bringe nichts im Fußball. Erst kürzlich hat Robin Dutt, Sportvorstand beim VfB Stuttgart, das wieder bekräftigt.
Franke: Quatsch! Selbst Bundestrainer Jogi Löw hat das ja vor kurzem klargestellt. Sowohl Anabolika als auch Epo und Aufputsch- sowie sogenannte Awareness-Drogen sind im Fußball – wie in anderen Ballsportarten – verbreitet. Einen europäischen – gerichtlich erwiesenen – Dopingrekord für Epo hält bekanntlich Juventus Turin. Über Doping im Fußball kann ich Vorträge halten. Dass und wie verbreitet im Fußball gedopt wird, ist übrigens seinerzeit schon am besten durch die Ergebnisse von Kontrollen beim ehemaligen DDR-Klub Dynamo Berlin bewiesen worden: fast alle Spieler doping-positiv.
Die Nationale Anti-Doping-Agentur zum Beispiel ist nachweislich korrupt.
BZ: Das ist Vergangenheit. Bundestrainer Joachim Löw glaubt aber nicht, dass der Fußballsport heute noch mit Medikamenten verseucht sein könnte. Er sagt, gegen Doping werde "wahnsinnig viel" getan. Stimmt das?
Franke: Öffentliche Lüge zur Beruhigung der Zuschauer und Sponsoren. Bisher hat es so gut wie keine intelligente, überraschende und von einer unabhängigen Institution durchgeführte Kontrolle gegeben, also eine vom Deutschen Fußball-Bund völlig unabhängige. Die Nationale Anti-Doping-Agentur zum Beispiel ist nachweislich korrupt – ihr langjähriges medizinisches Mitglied war ja der Freiburger Sportmediziner Georg Huber, unter anderem Testosteron- und Stromba-Doper, zeitweise wohl auch mit Klümpers Anabolikum Megagrisevit.

BZ: Doping-Vorwürfe gegen Fußballer gibt es seit Jahrzehnten. Welche Rolle spielt der Deutsche Fußball-Bund? Klärt er auf?
Franke: Einfache Antwort: Nein. Er redet nur beschwichtigend herum. Aufklärung ist in Deutschland bisher nur durch die beiden Bücher meiner Frau und von Gerhard Treutlein sowie Andreas Singler gekommen, am meisten natürlich durch die von meiner Strafanzeige ausgelösten Strafprozesse gegen DDR-Dopingmediziner und -Funktionäre. Der Bundesgerichtshof hat Doping damals sogar kategorisch als Straftat, als Beihilfe zur Körperverletzung, beurteilt. Aber das gilt anscheinend nur für Kommunisten-Doping, nicht für christlich-kapitalistisches.

BZ: Der Wille, alles auf den Tisch zu bringen, muss doch groß sein. Als der "Spiegel" im Jahr 2007 das systematische Doping beim Radsportteam Telekom/T-Mobile enthüllte, versprachen auch die Freiburger Universitätsklinik und die Universität rigorose Aufklärung. Haben Klinik und Uni ihr Versprechen gehalten?
Franke: Na, selbst die "kleine", milde Aufklärungskommission von 2007 hat den Freiburger Uni-Ärzten doch schon massenhaftes Doping nachgewiesen, das zum Teil wohl sogar über Keuls Telekom-/T-Mobile-Stiftung Dopingfreier Sport bezahlt wurde. Geht’s noch korrupter?

Frau Paoli leistet hervorragende Arbeit.
BZ: Seit Ende 2009 leitet die Kriminologin Letizia Paoli die "große" Kommission zur Vergangenheit der Freiburger Sportmedizin. Wie bewerten Sie ihre Arbeit?
Franke: Frau Paoli leistet hervorragende Arbeit. Sie ist eine weltweit führende Kriminologin auf dem Gebiet des organisierten Verbrechens, vor allem auch als Autorin mehrerer Standardbücher zur Mafia-Kriminalität bekannt. Eins – mit dem italienischen Koautor Alessandro Donati – ist übrigens gerade erschienen. Das passt also thematisch-kompetent sehr gut!

BZ: Schon seit 2010 fordert die Universität Paoli und Co. in regelmäßigen Abständen dazu auf, ihre Arbeit doch nun endlich zu beenden. Warum braucht sie so lange?
Franke: Weil viele wichtige Akten und Protokolle aktiv vor der Kommission versteckt worden sind. Das hatte ich selbst übrigens schon sehr früh gemerkt! Was für eine Uni, was für eine Staatsanwaltschaft!

BZ: In der Kommission wurde viel gestritten. Paolis Schuld?
Franke: Natürlich nicht. Frau Kollegin Paoli wollte – und will – eben keinen unvollständigen Bericht abgeben.

BZ: Warum hat die Kommission sich zwischen 2007 und 2012 nur mit dem Wirken von Joseph Keul befasst, also mit dem früheren Abteilungschef an der Universitätsklinik? Warum hat sie nicht auch Armin Klümpers Arbeit untersucht? Wollte sie das nicht oder durfte sie das nicht?
Franke: Ich habe persönlich und laut schon damals immer erklärt, dass beides zur Uni Freiburg gehört. Das hatte ich auch gegenüber dem ursprünglichen Auftraggeber, dem früheren Stuttgarter Wissenschaftsminister Professor Peter Frankenberg, erklärt. Freiburger Doping ist unteilbar, manche Sportler waren ja bei beiden: Keul und Klümper.

Die Arbeit der Kommission wurde von Anfang an behindert und manipuliert.
BZ: Wie kam es, dass Paoli und Co. sich erst im Jahr 2012 endlich auch Klümper zuwandten?
Franke: Die Arbeit der Kommission wurde von Anfang an behindert und manipuliert. Ich selbst habe mir das übrigens nicht gefallen lassen, sondern mich selbstverständlich auch mit Klümper beschäftigt.

BZ: Die Kommission verdankt ihre aktuellen Erkenntnisse zu Klümper rund 60 Aktenordnern, die bei der Staatsanwaltschaft Freiburg lagerten. Zweieinhalb Jahre lang hat Paoli versucht, an die Papiere heranzukommen. Ist es Paolis Schuld, dass es erst im November 2014 geklappt hat?
Franke: Nein, natürlich nicht. Diese und weitere Dokumente wurden der Kommission vorenthalten, zum Teil sogar mit speziellen juristischen Gutachten – anscheinend mit dem Argument, man müsse Personen schützen.

BZ: Wie bewerten Sie den Umgang der Staatsanwaltschaft mit Freiburger Dopingärzten in den vergangenen vier Jahrzehnten ganz generell?
Franke: Dreisam-speziell! An anderen Orten hat es wenigstens öffentliche Prozesse gegeben – und Urteile, zumindest wegen Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz. Aber Freiburger Promi-Bürger zerren sich ja doch nicht gegenseitig vor Gericht.

BZ: Welche Rolle spielt nach Ihrer Auffassung Oberstaatsanwalt Christoph Frank? Er war 1988 am ersten Prozess gegen Klümper beteiligt und ermittelte von 2007 bis 2012 gegen die Dopingärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich. Heute leitet Frank die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft Doping in Freiburg.
Franke: Ein müder Witz. Seine Nichtanklage in den Fällen Schmid und Heinrich steht übrigens in vollem Gegensatz zu anderen Gerichten. Das Landgericht Berlin zum Beispiel hat viele öffentliche Strafverfahren gegen Dopingärzte durchgeführt und mit – berufungsfesten – Urteilen abgeschlossen.

Die Wahrheit hat es an der Dreisam eben nicht leicht!
BZ: Viele in Freiburg haben die immer neuen Doping-Schlagzeilen satt. Wann wird die Stadt von diesem Thema endlich erlöst?
Franke: Wenn die geschichtliche Wahrheit festgestellt und kriminelle Täter bestraft sind. Der Uni-Dopingtäter Doktor Georg Huber zum Beispiel hat ja vor Gericht in einer gemeinsamen Vereinbarungserklärung mit der Universitätsklinik in einem Vergleich gegen mich erreicht, dass man ihn nicht als Dopingtäter bezeichnen darf. So bin ich also gezwungen gewesen, gegen diese gemeinsame Lüge Hubers und der Klinik vor Gericht anzugehen. In einem Fall – dem des ehemaligen Bahnradfahrers Robert Lechner – ist diese Lüge vor kurzem vom Freiburger Gericht auch mit einem Urteil und 9000 Euro Strafe geahndet worden. In Freiburg muss ich nun also – gegen Huber und seine Alma Mater – Fall für Fall für jeden einzelnen Radsportler Doping nachweisen und so das Recht auf zeitgeschichtliche Wahrheitsberichte erkämpfen. Die Wahrheit hat es an der Dreisam eben nicht leicht!
Werner Franke

Der Molekularbiologe am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg gehört seit den 1970er Jahren zu den entschiedensten Kritikern der Doping-Praktiken in Freiburg. Bereits 1977 prangerte er im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF die Ärzte Joseph Keul (verstorben 2000) und Armin Klümper (ausgewandert nach Südafrika) an. Zahlreiche Veröffentlichungen folgten, unter anderem das Buch "Doping-Dokumente" 1991. Dort sind Anabolika-Rezepte Freiburger Ärzte abgebildet – mit dem Stempel der Universitätsklinik. Staat, Land und die Uni Freiburg haben Frankes Vorwürfe bis zum Jahr 2007 – der Aufdeckung des Telekom-Dopings durch den Spiegel – beharrlich ignoriert. Franke deckte zusammen mit anderen auch das Staatsdoping der DDR auf. Von 2007 bis 2012 gehörte er der Freiburger Kommission zur Aufklärung der Doping-Vergangenheit an. Dann musste er sie verlassen, weil er eine Zeitzeugenbefragung öffentlich gemacht hatte. Der Bundesverdienstkreuzträger hat im Januar seinen 75. Geburtstag gefeiert.

Im 7. Serienteil

am Samstag lesen Sie: Wie die Stadt Freiburg, das Land und der Bund die Sporttraumatologische Spezialambulanz von Professor Armin Klümper über Jahre gefördert haben.

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Autor: str