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23. Februar 2010 14:47 Uhr

Risse

Hoffnung in Staufen: Quellvorgänge lassen nach

Seit zweieinhalb Jahren hebt sich die Erde unter Staufen und treibt Risse in die Häuser. Ist ein Ende in Sicht? Zumindest die Quellvorgänge im Untergrund lassen nach.

  1. Viele Besucher kamen zu der Informationsveranstaltung des Regierungspräsidiums. Foto: Hans Christof Wagner

  2. Podium mit Vertretern Bundesverband Geothermie. Foto: Hans Christof Wagner

  3. Csaba-Peter Gaspar von der Interessensgemeinschaft der Rissegeschädigten Foto: Hans Christof Wagner

  4. Hydrogeologe Nico Goldscheider Foto: Hans Christof Wagner

  5. Viele Besucher kamen zu der Informationsveranstaltung des Regierungspräsidiums. Foto: Hans Christof Wagner

Das Fragezeichen dahinter mussten die Experten auf dem Podium in der Aula des Faust-Gymnasiums stehen lassen. Reichen die angelaufenen Maßnahmen aus, um die Hebungen zu stoppen? Müssen weitere veranlasst werden?

"Abdichten und Abpumpen, mit beidem können wir das Problem an der Wurzel packen", sagte Bürgermeister Michael Benitz in der Veranstaltung desRegierungspräsidiums Freiburg. Den Schaubildern zufolge, die Clemens Ruch vom Landesamt für Geologie den zahlreichen Besuchern präsentierte, besteht Grund zur Hoffnung. Im Vergleich zum Herbst 2009 ist die lila Zone – sie zeigt den Bereich in der Innenstadt, der sich am schnellsten hebt – kleiner geworden.

Es war ein weiter Weg, sich Klarheit darüber zu verschaffen, was sich da im Untergrund von Staufen abspielt. Heute ist der Schadensfall Staufen analysiert. Die Erdwärmebohrungen im Herbst 2007 haben eine seit Jahrtausenden in sich ruhende und abgedichtete Gesteinsformation in Unordnung gebracht. Unter Spannung stehendes Grundwasser nutzt die undichten Erdwärmelöcher zum Aufstieg in eine fast 40 Meter mächtige Quellschicht und wandelt das darin befindliche Mineral Anhydrit in Gips um, der ein größeres Volumen hat und so nach oben drückt. "Lange Zeit war das nur eine Arbeitshypothese", so Ruch. Dass natürliche Erdbewegungen das Wasser freigesetzt haben, sei aber auszuschließen. Die Geologen haben schon lange keinen Zweifel mehr daran: Die Erdwärmebohrungen sind schuld an der, wie es Benitz formulierte, "größten Katastrophe für Staufen seit dem Fliegerangriff vom 8. Februar 1945". Dabei ist wohl vor allem eines der sieben Löcher der Störenfried – Nummer 7. Um es nachträglich abzudichten, waren fast 8000 Liter Zement notwendig, ein Vielfaches dessen, was in die anderen sechs geflossen ist. "Bei der Entwicklung geeigneter Gegenstrategien haben wir Neuland betreten", sagte Ruch. Die in den Erdwärmelöchern verlaufenden Plastikschläuche sind zu eng für marktübliche Messgeräte. So mussten neue im Miniformat konstruiert werden. Über die Schläuche Zement in 140 Meter Tiefe zu bekommen – auch wie das geht, wusste anfangs niemand.

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So gab es auch viel Lob für die Arbeit der Geologen im Regierungspräsidium. "Kompliment an Clemens Ruch und sein Team", sagte Professor Helmut Bock von der Deutschen Gesellschaft für Geotechnik. Es sei beeindruckend, wie es gelungen ist, für Staufen so viel Sachverstand ins Boot zu holen.

Watzel: Es gab keinen Anlass, das Projekt zu verbieten

Auch Hydrogeologe Nico Goldscheider sprach von einer "beeindruckenden Qualität der Sanierungsarbeiten", fügte aber kritisch an, dass man 2007 hätte wissen müssen, auf was man sich einlässt, sämtliche Risikofaktoren seien bekannt gewesen. "Warum angesichts dieses Wissens die billigste Bohrtechnik zur Anwendung kam, ist mir nach wie vor unbegreiflich", sagte Goldscheider und bekam dafür Applaus. "Wir gingen davon aus, dass die geologische Situation bei sachgemäßer Ausführung der Arbeiten beherrschbar ist", sagte Ralf Watzel, Leiter des Landesamts für Geologie. "Wir konnten nicht anders, es gab 2007 keinen Anlass, das Projekt zu verbieten", ergänzte Ruch. Gipsvorkommen im Boden seien kein K.o.-Kriterium.

Es ist aber fraglich, ob die österreichische Firma Wälderbau die Bohrarbeiten tatsächlich sachgemäß ausgeführt hat. Funde wurden gemacht, die darauf hindeuten, dass entgegen den behördlichen Auflagen 2007 kein sulfatbeständiger Zement verwendet worden ist, dem Gips nichts anhaben kann. So war auch für die im Faust-Gymnasium anwesenden Vertreter des Bundesverbands Geothermie klar: In Staufen wurde schlampig gearbeitet, werde richtig und sorgfältig gebohrt, gebe es auch keine Probleme. Widerspruch ernteten sie damit nicht – Vertreter von Bohrfirma und Planungsbüro saßen ja keine auf dem Podium.

Auch wenn die sieben Erdwärmelöcher nun dicht sind, bedeute das noch lange nicht das Ende der Hebungen – darüber waren sich alle auf dem Podium einig. Wie viel Wasser schon in der Quellschicht steckt und ob es bereits andere Wege nimmt als die Bohrungen, ist unbekannt. Den Ausführungen von Geotechniker Robert Breder zufolge gibt es weiteres quellfähiges Material, das bislang noch trocken ist. "Dass hier Wasser eindringt, gilt es unbedingt zu vermeiden", sagte er. Andernfalls drohen Hebungen von bis zu 60 Zentimetern.

Robert Breder sagte auch, dass das Abdichten der Löcher und das Abpumpen von Grundwasser alleine nicht ausreichen könnten. Womöglich müssten Druckpolster in den Untergrund eingebaut werden, um den Hebungsdruck abzufangen.

In dieser Situation gelte es zu zusammenzustehen, appellierte Benitz. Klemens Ficht, der in Vertretung für den erkrankten Regierungspräsidenten Julian Würtenberger begrüßte, brachte sein Mitgefühl für die 250 betroffenen Hausbesitzer zum Ausdruck. Csaba-Peter Gaspar, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Rissgeschädigten, versprach, "konstruktiv an der Lösung der Krise mitzuwirken", schloss für die Zukunft eine Klage aber nicht aus.

Autor: Hans Christof Wagner