"Wir wachsen als Familie zusammen"

Theresa Ogando

Von Theresa Ogando

Di, 13. Juni 2017

Staufen

Landrätin Dorothea Störr-Ritter besuchte die neue Demenz-WG Mittendrin in Staufen / Angehörige ziehen eine positive Bilanz.

STAUFEN. Landrätin Dorothea Störr-Ritter hat am Samstag die Demenz-WG Mittendrin besucht. "Ich freue mich, dass ich in Staufen bei einem so positiven Beispiel der Altenpflege hinter die Kulissen schauen kann", sagte sie.

Die Bezirksvorsitzende der Freiburger Landfrauen, Luise Blattmann, ließ sich einen Tag lang von der Landrätin begleiten und führte sie unter anderem in die Wohngemeinschaft Mittendrin. Dort leben seit April dieses Jahres zehn Menschen mit Demenz. In der WG ist das Konzept des sogenannten Freiburger Modells verwirklicht, was heißt, dass die Verantwortung geteilt ist. Es gibt verschiedene Rechtsträger: die Investoren, den Verein Mittendrin als Hauptmieter und – als Mittelpunkt – das Bewohnergremium.

Das Bewohnergremium, das aus den rechtlichen Vertretern der Bewohner besteht, entscheidet über den Pflegedienst und neue Mitglieder. Somit hört die Beteiligung der Angehörigen nicht an der Haustür auf, sondern sie bekommen sogar einen eigenen Schlüssel für die WG. "Das Miteinander ist das Allerwichtigste", sagte Waltraud Kannen, Geschäftsführerin der Sozialstation Südlicher Breisgau, die mit der Pflege betraut wurde.

Es solle ein partnerschaftlicher Mix aus Engagierten, Angehörigen und Professionellen entstehen. Und genau das kann Ulrike Heidinger-Möllmann, Vorsitzende des Vereins Mittendrin, beobachten: "Wir sind alle auf einer Ebene und jeder hat das gleiche Recht". Das sei der entscheidende Unterschied zu anderen Konzepten, denn hier könnten die Angehörigen mitbestimmen, seien aber nicht zur Mithilfe verpflichtet. "Es läuft richtig gut", freute sich die Sprecherin des Bewohnergremiums, Stefanie Waldmann-Kittler. "Wir treffen uns einmal im Monat zu einem Stammtisch, und wir wachsen als Familie zusammen." Sie erzählte, dass die Angehörigen unterschiedliche Aufgaben übernähmen, sie kümmerten sich um die Deko, mähten den Rasen oder brächten einfach mal Erdbeeren vorbei.

Da die Behandlung der Demenz nur zum Teil von medizinischen Komponenten bestimmt ist, aber auch von der Umgebung, gibt es in der WG innovative Technik zur Unterstützung der Bewohner. Hierfür erhielt "Mittendrin" 100 000 Euro Zuschuss vom Land. Als ein Beispiel für die fortschrittlichen Methoden wurde der Landrätin "circadianes Licht” gezeigt, das Sonnenlicht simuliert und dadurch einen positiven Effekt auf einen gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus hat, unter dem viele Menschen mit Demenz leiden. Ein weiteres Beispiel ist das Sicherheits- und Schließsystem der Wohngemeinschaft.

"Wir versuchen den Spagat zwischen Sicherheit, Autonomie und Privatsphäre zu schaffen", so Kannen. Die Bewohner können ihre eigenen Möbel mitbringen, und sogar die Wellensittiche Hansi und Susi durften mit in die WG im Vogesenring. "Es ist ähnlich wie eine Studenten-WG", sagte Kannen und lachte. Es ist das Zuhause der Bewohner und Angehörigen. Alle anderen, auch die Mitarbeiter, die die Bewohner 24 Stunden am Tag betreuen, sind nur zu Gast.

Und das Konzept scheint aufzugehen: Eine Angehörige berichtete, dass ihre Mutter in der WG aufblühe und sich wieder mehr am Alltagsleben beteilige – sie backe zum Beispiel wieder Hefezopf. Ein Bewohner soll sogar dazu animiert worden sein wieder zu sprechen. Kannen zufolge kostet ein Platz in der WG mit 2380 Euro im Monat nicht mehr als ein gewöhnliches Pflegeheim. Störr-Ritter lobte in dem Kontext aber auch die Altenheime, die in der Region sehr gute Arbeit leisteten. Ohne sie wäre die Pflege nicht zu bewältigen, so die Landrätin.

Nach den erfolgreichen ersten Wochen ist geplant, dass die Wohngemeinschaft auch mehr in die Bürgerschaft hineinwirkt. So wird für Menschen aus der Nachbarschaft ein kleiner Kurs mit dem Titel "Fit im Umgang mit Demenz" angeboten. Für Samstag, 15. Juli, ist ein Fest geplant, bei dem ein Parcours aufgebaut wird. Auf diesem Parcours könne jeder nachempfinden, wie das Leben als dementer Mensch ist, kündigte Kannen an.