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20. August 2009 07:57 Uhr

Landwirtschaft

Stoppt ein Wurm den Maiswurzelbohrer?

Man nennt ihn Jetset-Käfer und Millionen-Dollar-Käfer. Klingt spaßig, ist es aber nicht: Der Maiswurzelbohrer kann enorme Schäden in der Landwirtschaft anrichten und ist ein ziemlich hartnäckiger Geselle. Können Fadenwürmer ihn stoppen?

  1. Der Maiswurzelbohrer muss bekämpft werden – aber wie? Foto: dPA

  2. Biologische Waffe? Ein Fadenwurm unterm Mikroskop. Foto: MPG

FREIBURG. Bislang ist es nicht gelungen, den winzigen Käfer in Südbaden auszurotten. Im Gegenteil: Er breitet sich aus. Wie man gegen den Maiswurzelbohrer vorgehen soll, ist noch unklar. Immerhin gibt es nun erste Versuche mit Fadenwürmern als einer potenziellen biologischen Waffe .

Der Stand der Dinge: Diesen Sommer ist der Maiswurzelbohrer an so vielen Stellen wie noch nie entdeckt worden. Inzwischen wurden 170 Käfer im Land gefangen, in der Region vor allem in der Ortenau, aber auch in den Landkreisen Lörrach und Emmendingen. Das Agrarministerium versucht den Käfer nach EU-Vorgabe mit Insektiziden und Maisanbauverboten auszurotten, wo er auftaucht, denkt jetzt aber über einen Strategiewechsel nach. Auch weil klar ist, dass die Ausbreitung zwar verzögert, aber nicht mehr verhindert werden kann. Denn ständig reisen neue Exemplare mit Flugzeugen, Lastern und Zügen ein, sagt Agrarminister Peter Hauk. Er meint allerdings: Noch ist der Kampf gegen den Käfer, der in den USA Ernteausfälle in Millionenhöhe verursacht, nicht verloren. Das sehen die Maisbauern ganz anders.

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Die Sicht der Bauern: "Die Ausrottungsstrategie ist gescheitert", sagt Martin Armbruster vom Badischen Landwirtschaftsverband BLHV. Der Käfer breitet sich aus, die Behörden weisen immer mehr Zonen aus, in denen die Bauern zeitweise keinen Mais anpflanzen dürfen. "Mit der Strategie rottet man nicht den Käfer, sondern den Maisanbau aus", so Armbruster. Stattdessen sollte es den Bauern überlassen werden, wie sie gegen den Schädling vorgehen. "Es gibt schließlich auch heute genug Kartoffeln, trotz des Kartoffelkäfers." Das Land könnte zur "Eingrenzung" übergehen wie Bayern. Dort gibt es um Käferfundorte Sicherheitszonen mit einem Radius von 30 Kilometer. Laut Armbruster hieße das am südlichen Oberrhein, "dass riesige Monomaisgebiete in die Fruchtfolge gezwungen würden". Das Resultat beider Bekämpfungsstrategien sieht deshalb für die Maisbauern gleich aus: Der intensive Anbau im Rheintal würde eingeschränkt.

Hauk will bis Ende September eine Entscheidung treffen. Der BLHV fordert eine Lösung, die den Maisanbau so weit wie möglich erhält. Zudem will er eine Sonderregelung für die Saatgutvermehrung. Um die zu ermöglichen, muss Jahr für Jahr Mais auf denselben Äckern angebaut werden, erklärt Armbruster. Zum einen, weil Bewässerungsanlagen nicht einfach verlegt werden könnten, und zum anderen, weil sich viele Bauern verständigen müssen, damit die verschiedenen Sorten nicht zu dicht stehen und sich vermischen.

Die Sache mit dem Wurm: Der Maiswurzelbohrer wird bekämpft, indem man ihn mit Insektiziden vergiftet oder ihm die Nahrung, also den Mais, entzieht. Er wurde zwar aus Amerika eingeschleppt, hat aber auch in Europa natürliche Feinde: Fadenwürmer, die an seine Larven gehen. Mit den Würmern beschäftigt sich inzwischen auch das Landwirtschaftliche Technologiezentrum Augustenberg (LTZ). Die Idee: Man bringt die Würmer direkt mit der Maissaat aus. Dieses Jahr wurde das im Raum Freiburg getestet, um zu sehen, ob sie sich lange genug beim Mais halten. "Wir konnten zeigen, Nematoden sind in der Nähe der Maiswurzel, wenn die Larven schlüpfen", sagt Michael Glas vom LTZ. Ob sie die Schädlinge töten, kann er noch nicht sagen. Im Rheintal gibt es dafür zu wenig Larven. Versuche in Ungarn hätten aber einen Wirkungsgrad wie bei einem chemischen Insektizid nachgewiesen.

Das Prinzip ist einfach: Die Larve orientiert sich Richtung Futter. Und auch der Fadenwurm bewegt sich normalerweise in diese Richtung. Eine Gruppe internationaler Forscher hat nun einen Genmais getestet, der bei einem Schädlingsangriff vermehrt einen Stoff in den Boden abgibt, der den Nützling lockt. Aber Genmais ist keine Option für Südbaden. Agrarministerium und BLHV lehnen seinen Einsatz ab. Glas dagegen findet die Idee bestechend, Mais so zu verändern, dass er mehr Lockstoff sendet: "Aber das kann man auch über konventionelle Züchtung erreichen." Die biologische Methode wäre seiner Meinung nach ein wichtiger Baustein zur Lösung des Käfer-Problems – neben Fruchtfolge und chemischer Bekämpfung. Noch ist die Wurm-Waffe Zukunftsmusik. Doch das LZT will die Versuche fortführen.

STICHWORT: MAIS
Mais ist die wichtigste Ackerfrucht am südlichen Oberrhein mit den höchsten Erträgen. Die Region ist die einzige in Deutschland, wo es so lange warm ist, dass Maissaat produziert werden kann.

STICHWORT: MAISWURZELBOHRER
Der Westliche Maiswurzelbohrer (Diabroticavirgifera virgifera) stammt ursprünglich aus Mexiko. 1992 wurde er erstmals in Europa beim Flughafen von Belgrad gefunden. Wahrscheinlich landete er dort mit einem Flugzeug aus Nordamerika. 2007 tauchte er in Deutschland auf – in Lahr. Gegen den Käfer wurde das Insektizid Clothianidin eingesetzt, das 2008 ein massives Bienensterben im Rheintal verursachte.

STICHWORT: FADENWÜRMER
Fadenwürmer
(Nematoda) sind die größte Gruppe im Tierreich. Es gibt gut 20 000 Arten , die fast überall vorkommen – auch als Parasiten in Pflanzen (etwa Rübenälchen) und Menschen (zum Beispiel). Die meisten Nematoden sind winzig, der größte lebt in der Pottwal-Placenta und wird acht Meter lang, ist allerdings hauchdünn. So vielfältig wie die Nematoden selbst ist die Nahrung, auf die sich die verschiedenen Arten spezialisiert haben – sie reicht von Bakterien bis zu Tieren. Fadenwürmer werden auch als Nützlinge, zum Beispiel gegen Schnecken, eingesetzt.

Autor: Simone Höhl