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19. Juli 2012 00:00 Uhr

Sorgerechtsaktivist

Entführungshelfer in Scheidungsfällen?

Wird der französische Sorgerechtsaktivist Olivier Karrer nach Deutschland ausgeliefert? Er soll in sieben Fällen geholfen haben, Kinder aus binationalen Ehen nach der Trennung der Eltern aus Deutschland zu entführen.

  1. Lassen sich Eltern unterschiedlicher Nationalität scheiden, entbrennt oft ein Kampf ums Kind. Foto: dpa

COLMAR. An diesem Donnerstag entscheidet das Appellationsgericht in Colmar über einen Auslieferungsantrag der Staatsanwaltschaft München gegen den französischen Sorgerechtsaktivisten Olivier Karrer. Karrer war vor wenigen Tagen in Straßburg festgenommen worden und befindet sich seitdem in Haft. Gegen ihn läuft ein europäischer Haftbefehl. Der 52-Jährige soll in sieben Fällen geholfen haben, Kinder aus binationalen Ehen nach der Trennung der Eltern aus Deutschland zu entführen.

Zudem wirft ihm nach Angaben seines Anwaltes die Staatsanwaltschaft vor, für jede der Entführungen 10.000 Euro erhalten zu haben. Karrers Anwalt Grégory Thuan, der auf internationale Sorgerechtsfälle spezialisiert ist, erklärt diesen Vorwurf für nicht haltbar: "Karrer ist quasi mittellos, er verfügt nicht einmal über das Geld, um einen Anwalt zu bezahlen."

Sorgerechtsfälle oft nicht einvernehmlich zu regeln

Es geht vor allem um einen Fall, der mehrfach die deutsche und italienische Justiz beschäftigt hat. Karrer soll der Italienerin Marinella C. geholfen haben, ihre beiden Söhne aus Bayern, wo der Vater wohnt, zu entführen. Das hatte sie mehrfach getan, aber beim letzten Mal versteckte sie die Kinder, wie der Spiegel im November berichtete, mit Hilfe des von Karrer gegründeten französischen Selbsthilfevereins ein Jahr lang in Slowenien. Dafür verurteilte sie ein Mailänder Gericht zu eineinhalb Jahren Gefängnis. Nun beschäftigt sich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg mit ihrem Fall. "Für Karrers Beteiligung gibt es keinerlei Beweise", sagt Anwalt Thuan. "Frau Colombo und ein Dutzend weiterer Zeugen werden vor Gericht aussagen, dass die Anschuldigungen falsch sind." Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft München wollte angesichts der laufenden Ermittlung am Mittwoch keine Angaben zu den Tatvorwürfen machen. Im Moment sei dies Sache der französischen Behörden.

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Obwohl in Deutschland 2011 das Haager Kinderschutzübereinkommen in Kraft getreten ist, hat dies wohl nichts daran geändert, dass Sorgerechtsfälle insbesondere bei Scheidungen binationaler Paare oft nicht einvernehmlich zu regeln sind. So führt die zentrale Behörde für internationale Sorgerechtskonflikte beim Bundesamt für Justiz in Bonn 333 Fälle von Kindesentzug oder Entführung für 2011 auf.

Vorwürfe von Karrer

Karrers Bild in der Öffentlichkeit ist schillernd. 2006 berichtete ein in Deutschland erschienenes Buch detailliert, wie Karrer eine in Deutschland lebende Libanesin bei der Entführung ihrer Kinder unterstützt hat. Karrer soll der Darstellung nicht widersprochen haben. Er selbst hat, seit die deutsche Mutter des gemeinsamen Sohnes Ende der 90er-Jahre vor einem Hamburger Gericht das alleinige Sorgerecht erhalten hatte, sein Kind nicht wiedergesehen. Aufgrund dieser Erfahrungen unterstellte er deutschen Jugendämtern und Familiengerichten immer wieder Heimtücke, Ausländerfeindlichkeit und Nazimethoden. "Gewiss", sagt sein Anwalt Thuan, "die Ausdrucksweise meines Mandanten ist oft heftig."

Karrer, seit Jahren ohne festen Wohnsitz und ohne festes Einkommen, sei überzeugt, dass hinter den Entscheidungen deutscher Behörden bei Sorgerechtskonflikten zugunsten des deutschen Elternteils eine gezielte Politik und Diskriminierung von Ausländern stecke.

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Autor: Bärbel Nückles