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15. August 2015

... den Zwillingen Felix und Till Neumann, die als Zweierpasch auf deutsch und auf französisch rappen

AM RHEINUFER MIT . . .: "Als Grenzgänger wahrgenommen"

  1. Felix (links) und Till Neumann Foto: Nückles

Der eine kommt trotz eines Staus auf der Autobahn gut gelaunt direkt aus Freiburg. Der andere lebt nicht weit vom Treffpunkt, der Fußgängerbrücke zwischen Kehl und Straßburg. Zweierpasch – alias Felix und Till Neumann – rappen souverän deutsch-französisch, obwohl nur die eine Sprache – Deutsch – ihre Muttersprache ist. Dennoch ist das Jonglieren mit beiden Sprachen zu ihrem Markenzeichen geworden, und das hat sich über den Oberrhein hinaus herumgesprochen. Bärbel Nückles hat die 32 Jahre jungen Zwillinge gefragt, wie man sich so fühlt als Aushängeschild der deutsch-französischen Verständigung.

BZ: Herr Neumann und Herr Neumann, wie war’s denn bei Charles Aznavour vergangene Woche in Colmar?
Till Neumann: Beeindruckend. Der ist mit seinen 91 Jahren ja wirklich eine lebende Legende. Für uns war das ein Erlebnis. Auch wenn es erstaunlich klingen mag: Für uns diente Aznavour damals als Inspiration, uns in den französischen Bereich hineinzuwagen.
Felix Neumann: Was den textlichen Tiefgang und den poetischen Anspruch angeht, orientieren wir uns in diese Richtung. Der Mainstream ist in Frankreich durchaus anspruchsvoll. Aznavour hat übrigens auch in mehreren Sprachen gesungen.

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Till Neumann: Wir werden oft gefragt, was wir an Frankreich lieben. So pauschal kann ich das gar nicht beantworten. Es geht für mich vor allem um die Faszination für die Sprache.

BZ: Dabei haben Sie Französisch vergleichsweise spät gelernt. Heute ist es sogar ein Stück weit zu ihrem Markenzeichen geworden. Wie kam das?
Felix Neumann: Französisch war unsere dritte Fremdsprache. Aber wir haben sie damals schon bewusst gewählt. Heute entspricht es musikalisch auch unserem Anspruch, dass wir als Grenzgänger wahrgenommen werden. Über den Tellerrand zu blicken, das ist für uns ganz zentral.
Till Neumann: Ich habe ein zweisprachiges Leben. Also ist es nur logisch, dass ich auch zweisprachig singe. Trotzdem bleibt die Musik, der Hiphop, die Basis.

BZ: Sie sind ja keineswegs nur als Musiker unterwegs. Irgendwann hat jemand angefangen, Sie für Schülerworkshops mit deutsch-französischer Ausrichtung zu engagieren.
Till Neumann: Wir haben beide eine deutsch-französische Ausbildung für Jugendleiter absolviert und sollten einmal ein Langzeitprojekt entwickeln – es ist ein Rap-Projekt geworden. Da wir selbst nach mehreren Aufenthalten in Frankreich immer stärker deutsch-französisch geworden sind, ist unsere Musik es auch geworden. So hat das Fahrt aufgenommen. Mit der Zeit sind immer wieder Anfragen für pädagogische Engagements hinzugekommen.

BZ: Sie texten über Grenzen in der Politik und in den Köpfen der Menschen. Sie singen gegen Rassismus und engagieren sich für die Rechte von Immigranten. Vor wenigen Tagen erst ist der Song "Kleine Helden" erschienen. Er handelt von Kinderrechten.
Felix Neumann: Wir kommen aus einer Lehrerfamilie. Vielleicht hat das auch dazu beigetragen, dass sich unsere Arbeit in Richtung politische Bildung bewegt hat (lacht). Für uns ist das genauso ein Zweierpasch-Projekt wie die Musik – und es ist eine Gelegenheit, für Offenheit und für Toleranz zu werben.

BZ: Ist es rufschädigend in der Szene, wenn man als Hiphop-Band im Schulbuch landet? Der Klett-Verlag hat vor kurzem Unterrichtsmaterial zu einigen Ihrer Songs herausgebracht. Schüler lernen jetzt mit Ihren Texten französische Vokabeln und Redewendungen.
Felix Neumann: Überhaupt nicht. Ich denke vielmehr, dass Hiphop heute zu häufig ein schlechtes Bild abgibt und die Banalitäten in den Texten dominieren. Wir beobachten. Wir wollen über wichtige Themen singen. Uns geht es darum, mit unserer Musik etwas zu vermitteln, vielleicht auch aufzurütteln und zu zeigen, was man mit Sprache und Gedanken bewegen kann. Das ist einfach Zweierpasch-Style.

BZ: Sie sind nicht am Oberrhein aufgewachsen, insofern haben Sie einen distanzierten Blick auf das Grenzland. Die Grenzerfahrung ist eines Ihrer Themen. Erleben Sie die Unterschiede hier so stark im Alltag?
Felix Neumann: Ich habe in den letzten zwei Jahren ein Verbraucherprojekt in deutschen und französischen Schulen gemacht und dabei 120 Klassen besucht. Man merkt schon, dass immer noch Ressentiments vorhanden sind.
Till Neumann: Es ist eben nicht immer so perfekt, wie man meinen könnte.

BZ: Sie sind schon bei einer Preisverleihung in Schloss Bellevue aufgetreten. Ein Regierungsprojekt hat Sie 2012 für einen Workshop mit Jugendlichen nach Mauretanien geschickt. Diesen Herbst reisen Sie für ein Musikprojekt in die Ukraine und treten dort im Anschluss auch mit ukrainischen Musikern auf. Wie kommen diese Leute alle ausgerechnet auf Zweierpasch?
Till Neumann: Da will jemand etwas Grenzüberschreitendes, ohne dass es staubig ist. Immerhin zeigt es, dass das, was wir tun, eine gewisse Relevanz hat. Dass es dann immer Krisengebiete sind, für die wir engagiert werden, lässt unsere Familie unruhig schlafen. Wir finden es total spannend.

Felix und Till Neumann, geboren 1983 in Heilbronn, leben nach Abstechern nach München und ins französischen Lons-le-Saunier in Freiburg und Straßburg. Der eine ist neben der Musik Journalist geworden, der andere koordiniert grenzüberschreitende Bildungsprojekte. Zweierpasch/Double deux haben sie 2012 als Nachfolger ihrer zu Schulzeiten entstandenen Band Buddah Woofaz gegründet. Am 20. September treten sie beim Freiburger Weltkindertag am Seepark mit dem Song "Kleine Helden" auf.

Autor: bnü