Atomstopp lässt Neckar kalt

Andreas Böhme

Von Andreas Böhme

Sa, 24. Januar 2009

Südwest

Weil aus dem AKW Obrigheim kein warmes Abwasser mehr kam, erlebte der Fluss eine Eiszeit

STUTTGART/HEIDELBERG. Zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert war der Neckar bei Heidelberg wieder zugefroren. Schuld daran war offenbar auch das abgeschaltete Atomkraftwerk in Obrigheim: Es liefert kein warmes Wasser mehr.

Erstmals seit 1963 lag auf dem Neckar zwischen Heidelberg und Mannheim eine geschlossene Eisdecke. 50 Schiffe steckten fest, ein am Oberrhein stationierter Eisbrecher musste sie befreien. Nun war der Winter zwar ordentlich kalt. Doch weder fielen die Temperaturen außergewöhnlich tief, noch hielt die Kälte unüblich lange.

Könnte die Eiszeit am Neckar vielleicht daran liegen, dass das abgeschaltete Atomkraftwerk Obrigheim das Wasser nicht mehr genügend erwärmt? Die Frage stellten sie sich in der Landesanstalt für Umweltschutz und rechneten nach. Die Ergebnisse haben nicht nur dort für Überraschung gesorgt: Das warme Abwasser aus Obrigheim erwärmte den Neckar auf weite Strecken stärker als zunächst gedacht. Auf Anfrage fütterten die Experten die Computer mit Temperaturmodellen, mit denen vor allem im Sommer und bei Niedrigwasser die Belastungsgrenzen für Kühlwasser ermittelt werden, und legten zugleich die aktuellen Kältemesswerte zugrunde.

Um etwa zwei Grad heizte das Kraftwerk den Fluss direkt am Kühlwasserauslauf auf. Im rund 50 Kilometer flussabwärts gelegenen Heidelberg kommen davon im Durchschnitt immer noch 1,5 bis 1,8 Grad an. "Durchschnitt" heißt: Das Wasser ist am Rand und an der Oberfläche, wo es in Kontakt mit der kalten Winterluft kam, abgekühlter als am Grund. Mitentscheidend ist allerdings auch die Abflussmenge. Das ist vor allem im Sommer problematisch: Führt der durch die Luft und die warmen Haushalts- und Industrieabwässer aus den Kläranlagen ohnehin erwärmte Neckar Niedrigwasser, muss die Leistung der Kraftwerke gedrosselt werden, damit Flora und Fauna überleben können. Auch derzeit ist der ohnehin wasserarme Fluss nicht sonderlich reißend: Lediglich 70 Kubikmeter in der Sekunde fließen gerade neckarabwärts, im Jahresdurchschnitt sind es mit 140 Kubikmetern pro Sekunde dagegen doppelt so viel. Auch wenn überrascht, wie wenig sich das Kühlwasser auf langen Strecken abkühlt, ist man im Umweltministerium sicher: Der Neckar wäre auch zugefroren, wenn Obrigheim noch am Netz hinge, "nur später und nicht so tief".