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06. Februar 2010

Die dunkle Zeit

Die Missbrauchsfälle am Kolleg St. Blasien haben Erinnerungen geweckt. Ehemalige Schülern erzählen von der schwarzen Pädagogik in den 50er und 60er Jahren.

  1. Der Schnee verdeckt derzeit viel in St. Blasien: Der Missbrauch am Kolleg soll aufgeklärt werden. Foto: DDP

Das dunkle Zeit im Leben von Willi Kramer liegt ein halbes Jahrhundert oder 985 Kilometer von seiner Wohnung in Schleswig-Holstein entfernt. Er kann jederzeit hinfahren, aber er hat dies erst einmal getan in all den Jahrzehnten.

Als jetzt bekannt wurde, dass sich Jesuitenpatres in Berlin, Hamburg und St. Blasien an Schülern vergangen haben, löste dies eine Lawine aus. Immer mehr Fälle wurden bekannt, ein Ende ist noch nicht abzusehen. Auch bei Willi Kramer wurden Erinnerungen wach. Es sind keine schöne Erinnerungen.

Willi Kramer, 61, wurde nicht sexuell missbraucht. Aber er wurde gequält, gedemütigt, malträtiert – in einer Einrichtung, die sich dem Humanismus und dem Christentum verschrieben hat und die auch in den 50er Jahren als Eliteschule galt. Willi Kramer war im Kolleg in St. Blasien.

Nun will er nicht mehr schweigen. Wichtiger noch: Ihm wird geglaubt. So wie jetzt auch den anderen Opfern geglaubt wird. Kramer nennt Namen von Patres. Einige sind tot, einige sind aus dem Orden ausgetreten, andere haben Karriere gemacht. Seine Stimme klingt am Telefon ruhig und unaufgeregt. Er erzählt die Geschichten fast ein wenig wie Anekdoten, die beim Klassentreffen immer und immer wieder aufgewärmt werden: Weißt du noch . . .!

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Rohrstock, Ohrfeigen,

Erbrochenes essen

. . . wie es war, wenn die Schüler zwischen 15.45 und 16.15 Uhr zur Strafsprechstunde beim Generalpräfekten K. zitiert wurden. "Wir standen in einer Schlange vor seinem Zimmer, hatten einzeln einzutreten und bekamen je nach Vergehen (Schwätzen beim Schuhe putzen und ähnliches) mit dem Rohrstock bis zu sechs Schläge auf den Hintern und sechs auf die Finger. K. genoss das Schlagen und ganz besonders die dicht vorbei geführten Probeschläge, die die Angst des Opfers vergrößern sollten."

. . . wie ein Schüler im Speisesaal gezwungen wurde, die erbrochene Sagosuppe zu essen. "Ich habe damals daneben gesessen und habe heute noch sehr genau den schluchzenden Jungen vor Augen, der verzweifelt die kotzige Brühe reinzuwürgen versuchte."

. . . "wie es einmal bei einer Weihnachtsfeier mehrere Verletzte gab, weil ein Pater mit Fäusten auf die Schüler losgegangen war. Ihr Vergehen: Sie hatten, hungrig wie immer, vor Beginn schon einmal in den Keksteller gegriffen."

Die schwarze Pädagogik, wie sie später genannt wurde, war in der Nachkriegszeit wohl eher die Regel als die Ausnahme. Auch in St. Blasien. Die Schüler wurden nur mit Nachnamen angesprochen. Für geringe Vergehen wurden Schweigemärsche angeordnet. Für kleine Vergehen gab es heftige Ohrfeigen. Es gab Patres, sagt Kramer, die schlugen immer und überall. "Ich bin mehr als einmal mit verpisster Schlafanzughose zurück in den Schlafsaal gekommen, weil ich draußen im Waschsaal oder Klogang geschlagen worden war."

Seine Schilderungen erinnern an die Berichte von Heimkindern, die bis in die 70er gequält und erniedrigt wurden. Bedauerliche Einzelfälle seien das, hieß es zunächst, als ehemalige Heimkinder ihre Leidensgeschichte erzählten. Eine Untersuchung zeigte: Die Misshandlungen – Stockschläge, erniedrigende Strafen wie Fliesenschrubben mit der Zahnbürste oder das Einsperren in fensterlose Räume – hatten System. Jungen und Mädchen mussten sechs Tage in der Woche auf dem Feld oder in der Wäscherei arbeiten, schweigend oft – so sparten die Heime Kosten. Nicht wenige Zögling berichteten von sexuellen Übergriffen. Mittlerweile haben die katholische Kirche und die Diakonie sich bei den Opfern entschuldigt.

Das Schweigen ist gebrochen. Ehemalige Schüler katholischer Elitegymnasien berichten von gezielten Demütigungen und üblichen Prügelstrafen. Schläge als Erziehungsmittel sind in der Bundesrepublik seit 1973 verboten. Doch noch Mitte der achtziger Jahre habe es, berichtet ein Berliner Jurist dem Tagesspiegel, an einem Kollegium am Niederrhein Ohrfeigen und Schläge gegeben. "Prügelnde Lehrer waren völlig normal."

Auch in St. Blasien kam es noch Anfang der achtziger Jahre zu Züchtigungen, die sogar den Landtag beschäftigten. Ein Artikel in der Schülerzeitung Wild ("Kein alltäglicher Vorfall, aber ähnliches hat sich schon wiederholt in diesem Internat ereignet") musste auf Anweisung des Kollegrats geschwärzt werden.

Auch im Fall des Lehrers S., der sexuellen Übergriffe in Berlin, St. Blasien und in Hamburg gestand, ging es offenbar nicht um Vergewaltigung, sondern um ein "exzessives körperliches Bestrafungsritual". So schildert es jedenfalls Stefan Dartmann, der Provinzial der deutschen Jesuiten. Er war am Freitag in St. Blasien, um hinter verschlossenen Türen im Namen des Ordens um Entschuldigung zu bitten.

"Die Wunden heilen, aber die Narben bleiben", sagt ein Mitschüler von Willi Kramer, der die Vorfälle bestätigt. Seinen Namen will er aber nicht in der Zeitung lesen. Kramer steht dazu. "Es hat mich immer belastet", sagt er. "Spätestens als ich Kinder bekam, wurde mir klar: Ich habe eine andere Jugend gehabt." Und: "In einer solchen Atmosphäre der Gewalt entsteht Missbrauch."

Sie seien naiv gewesen, erzählen die Schüler, noch mit 15 Jahren hätten sie geglaubt, dass die Kinder aus dem Bauchnabel kommen. Und dass sich der Pater, der im Schlafsaal auf den Betten der Kinder saß, nur um die Heimwehkranken kümmert. Er habe später das Kolleg und den Orden verlassen müssen.

Die Ehemaligen unterscheiden genau. In St. Blasien habe es zu dieser Zeit zwei Welten gegeben. Die Welt der klugen und gütigen Jesuiten, die in der Tradition der Gründer arbeiteten. Und die Enttäuschten, Frustrierten, Gewalttätigen. "Es waren die Jahre des Wirtschaftswunders. Die Jesuiten hatten Nachwuchsprobleme und offenbar jeden genommen."

Einen Besuch seiner Schule

kann Kramer nicht ertragen

Auch Pater Hans Joachim Martin, der ehemalige Direktor der Jesuitenschule, räumte in Interviews ein, dass es im Orden und im Kolleg St. Blasien in früheren Jahren ganz schwere Vorkommnisse gegeben habe, die alle unter den Tisch gekehrt worden seien.

Pater Eberhard von Gemmingen, einst selbst Schüler und Präfekt im Kolleg, warnt indes mit einem Verweis auf die Judenverfolgung vor einem Generalverdacht gewarnt: "Es ist fatal, nun den ganzen Orden schlecht zu machen. Ich muss einen Vergleich ziehen: Mit den Juden ist es so losgegangen, dass vielleicht der ein oder andere Jude Unrecht getan hat. Dann aber hat man schlimmerweise alle angeklagt und ausrotten wollen." Später zog er seinen Judenvergleich zurück.

Willi Kramer will nicht viel. Er will Gerechtigkeit: "Wenn sich nun die Kollegsleitung jetzt für die Vorfälle von 1982 bis 1984 entschuldigt, dann wünsche ich mir, sie würde auch die Zustände der späten fünfziger und frühen sechziger Jahren aufgreifen und öffentlich bedauern."

Kollegsdirektor Pater Johannes Siebner will zu den Vorwürfen aus den 50er und 60ern keine Stellungnahme abgeben. Er will die beiden Geschichten auch nicht vermischen. "Das wird den Opfern nicht gerecht."

Einmal ist Willi Kramer nach St. Blasien gefahren. Zur Beerdigung eines Lehrers. Dann nie wieder. "Ich würde das nicht mehr ertragen." Er weiß, dass die neun Jahre Schule, die er durchleiden mussten, mit dem heutigen Kolleg nur den Namen und die Gebäude gemein hat. Doch die dunkle Zeit in St.Blasien hat sich in seinen Erinnerungen festgekrallt. Bis heute.

Autor: Petra Kistler