Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

09. Januar 2012 00:16 Uhr

Stuttgart

Erzieherberuf soll attraktiver werden

Die Landesregierung plant durch eine Reform der Erzieherinnen-Ausbildung den Beruf aufzuwerten. Das kündigte Kultus-Staatssekretär Frank Mentrup an.

  1. Nachwuchssorgen: Erzieherinnen werden rar. Foto: DAPD

Hintergrund der Bemühungen ist die Befürchtung, dass der Krippenausbau durch Personalmangel ausgebremst werden könnte. Mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket will die grün-rote Landesregierung gegen den Fachkräftemangel in den Kindertageseinrichtungen vorgehen.

"Wir beginnen im Sommer 2012 an ersten Standorten mit der Einführung einer dualen Ausbildung für Erzieherinnen und Erzieher", kündigte Kultus-Staatssekretär Frank Mentrup (SPD) im Gespräch mit der Badischen Zeitung an. "Durch den finanziellen Anreiz wird der Einstieg in den Beruf bereits viel attraktiver." Die Vergütung während der dualen Ausbildung soll sich dabei an der von Verwaltungsfachangestellten orientieren. Diese erhalten im ersten Ausbildungsjahr 703 Euro, im zweiten 753 Euro und im dritten 799 Euro pro Monat. Bislang ist die Ausbildung rein schulisch, so dass angehende Erzieherinnen und Erzieher in dieser Zeit kein Gehalt bekommen und sogar oft noch Schulgeld zahlen müssen.

Ravensburg und Pforzheim stehen laut Mentrup bereits als Standorte für die duale Ausbildung fest; angesichts des breiten Interesses weiterer Fachschulen für Sozialpädagogik rechnet er mit Beginn des neuen Ausbildungsjahres aber noch mit mit weiteren Teilnehmern. Die formalen Rahmenbedingungen sollen noch in diesem Monat endgültig festgelegt werden.

Werbung


"Der Arbeitsplatz Kindertagesstätte muss insgesamt attraktiver werden. Und wir müssen die Hürden für Quereinsteiger und Wiedereinsteiger senken", sagte Mentrup, der im Kultusministerium den Bereich frühkindliche Bildung verantwortet. Für den 27. Januar 2012 hat er daher Vertreter der Träger, der Gewerkschaften und der Wissenschaft zu einer Art Kita-Gipfel ins Kultusministerium geladen. "Wir wollen in einem Workshop offen diskutieren, wie wir zu Verbesserungen kommen und einen möglichst breiten Konsens erzielen." Die Ergebnisse sollen dann im März in einem Masterplan für den Beruf der Erzieherinnen und Erzieher münden, kündigte Mentrup an. Mit Blick auf den doppelten Abiturjahrgang, der 2012 die Gymnasien verlässt, kann sich der SPD-Politiker zudem eine landesweite Werbekampagne vorstellen.

Neben der Einführung der dualen Ausbildung schweben dem SPD-Politiker die Senkung der Zugangshürden vor. Bislang müssen sich Quereinsteiger wie Sozialpädagogen einer Einzelfallprüfung unterziehen, um eine Ausnahmegenehmigung für die Ausübung des Erzieherberufs zu erhalten. Um das Verfahren abzukürzen, plant Mentrup eine Art Positivliste von Berufsgruppen zu erstellen, die ohne Prüfung als Erzieher/-innen arbeiten dürfen. Dazu sollen Sozialpädagogen, Sozialarbeiter und Familienpfleger zählen. Die Liste, die Mentrup bis Ende Januar vorlegen will, soll in einer Verordnung münden. Zudem will der Kultus-Staatssekretär mit der Bundesagentur für Arbeit reden, damit Wiedereinsteiger leichter als bisher an Qualifizierungsmaßnahmen für die Rückkehr in den Erzieherinnen-Beruf teilnehmen können. Zudem soll der Arbeitsplatz Kindertagesstätte mit der Umsetzung der nächsten Etappe des Orientierungsplans insgesamt attraktiver werden. Mentrup glaubt zudem, dass die Konkurrenz um die Fachkräfte so zunehmen wird, dass sowohl auf Seiten der Kita-Träger wie des Bundes die Bereitschaft wachsen wird, Erzieherinnen und Erzieher besser als bisher zu bezahlen.

Hintergrund der Bemühungen sind Befürchtungen, dass ein Mangel an Erzieherinnen und Erziehern den Krippenausbau ausbremsen könnte. Bund und Länder hatten 2008 eine Betreuungsquote von 35 Prozent der unter Dreijährigen vereinbart, die bis 2013 erreicht sein sollte. Denn ab dem 1. Juli 2013 haben alle Eltern eines Kindes, das älter ist als ein Jahr, einen Rechtsanspruch auf Betreuung ihres Nachwuchses. Doch längst zeichnet sich ab, dass diese Quote nicht ausreichen wird, um die Wünsche der Eltern zu erfüllen. In Universitätsstädten liegt sie schon jetzt teilweise deutlich darüber. Zuletzt hat die Bundesregierung den Bedarf auf 39 Prozent der Ein- bis Dreijährigen im Bundesdurchschnitt nach oben korrigiert. Unter dieser Annahme fehlen nach einer Berechnung des Deutschen Jugendinstituts (DJI) bis 2013 bundesweit fast 25 000 Fachkräfte.

Die Gefahr sieht auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. "Es ist mehr als fraglich, ob der Personalbedarf bis 2013 gedeckt werden kann", warnte etwa Verdi-Landesvize Dagmar Schorsch-Brandt. Weder hätten die mehr als 60 Fachschulen für Sozialpädagogik im Land die notwendigen Kapazitäten, um erforderliche Zusatzklassen einzurichten, noch seien Arbeitsalltag wie Bezahlung "so attraktiv, dass junge Frauen und vor allem junge Männer diesen Beruf ergreifen wollen".

Autor: Roland Muschel