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01. Januar 2009 18:38 Uhr

Besuch auf einem Bauernhof

Für Milchbauern ist der Schwarzwald kein Paradies

Die Milchbauern haben Schlagzeilen gemacht im Jahr 2008, haben gekämpft für einen Milchpreis von 41 Cent pro Liter. Was ist am Jahresende davon übrig? Wie geht es Landwirten in der Region? Ein Besuch auf einem Hof bei St. Peter gibt Antworten und Einblicke.

  1. Im Stall von Georg Reichenbach stehen 55 Jungtiere. Foto: Hoffmann

  2. Reichenbach hofft auf eine faire Verteilung der Mittel. Foto: Hoffmann

  3. Eva Reichenbach ist nicht nur Mutter, Hausfrau, Gärtnerin und Bäuerin… Foto: Dana Hoffmann

  4. …sie kümmert sich auch um die kleineren Tiere wie Zwergschwein Mary. Foto: Hoffmann

  5. Das Paradies sieht anders aus, zumindest für Landwirte. Foto: Hoffmann

  6. Der Hinterbauernhof in St. Peter trotzt dem Schnee. Foto: Hoffmann

  7. Wirtschaften am Hang ist nicht ganz einfach. Foto: Hoffmann

  8. Auch die Winterlandschaft zieht Touristen an: Um 14 Uhr kommen die neuen Gäste. Foto: Hoffmann

Zum ersten Mal seit fünf Tagen scheint die Sonne im Südschwarzwald. Bis in den Morgen hinein hat es geschneit, jetzt heben sich die weißen Hügel rund um den 2500-Seelen-Ort St. Peter gegen den blauen Himmel ab. Langläufer ziehen ihre Runden, vorbei an einem typischen Schwarzwaldhof. Er steht mit der Giebelseite zum Hang, aus dem Schornstein qualmt es. Das reinste Postkartenparadies.

"Ein Paradies ist es nur für den, der hier nicht arbeiten muss", sagt der Milchbauer Georg Reichenbach. Er blickt über den Hof auf seine Weiden und hält eine Hand über die Augen. "Es ist nicht leicht hier oben zu wirtschaften. Wir brauchen Spezialgeräte, der Transport von Futtermitteln ist teuer und es gibt viele Auflagen." Reichenbach stößt eine Schaufel in den Schnee. Die trächtigen Kühe sollen sich draußen austoben, aber die Stalltüren sind zugeschneit. Er wirft eine Ladung zur Seite. Kurz darauf springen die Rinder schnaubend durch den Tiefschnee, es dampft. Georg Reichenbach schmunzelt und schiebt seine Kappe zurecht.

DIE MILCHQUOTE BREMST DIE BAUERN

30 Milchkühe und 55 Jungtiere stehen auf dem "Hinterbauernhof", die meisten hat Reichenbach selbst gezüchtet, er kennt alle beim Namen. Im Vergleich zum Schwarzwälder Durchschnitt ist der 40-Jährige ein Großbauer: In der Regel stehen nur jeweils 16 Rinder in den 2000 Betrieben. Die Theorie des Freiburger Regierungspräsidiums: Mindestens 80 Tiere sind nötig, um von der Milchwirtschaft leben zu können. Der Praktiker schüttelt den Kopf: "Wo sollte ich die denn alle halten?"

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Die Milchkühe stehen in zwei Reihen angebunden im Wirtschaftsteil des Haupthauses, die jungen und trächtigen Rinder teilen sich einen Stall mit einem Haflinger und drei Schafen auf der gegenüberliegenden Seite der Hofstelle. Große Ställe wie im platten Norddeutschland sind an den steilen Halden des Schwarzwaldes baulich nicht machbar. Und noch eine Grenze verhindert die Expansion der Bergbauern: Die Milchquote, die die Menge vorgibt, die an die Molkerei abgeliefert werden darf, kann nicht einfach erweitert werden. Würde Reichenbach seinen Bestand auf die angeratenen 80 Kühe vergrößern, müsste er Quote dazu kaufen – 43 Cent pro Liter, eine Kuh gibt rund 6900 im Jahr. "Das würde mich 150.000 Euro kosten." Über solche Summen denkt er heute nicht nach. Gudrun ist krank, am Abend soll die schwarzbunte Kuh getötet werden. "Beim Schlachter hätte ich 600 Euro bekommen", seufzt er.

ZUM ESSEN GIBT ES NUR EIGENES FLEISCH

Vor dem Mittag geht Georg Reichenbach noch einmal durch den Stall. Der erste Melkgang ist jetzt sechs Stunden her. Ebenso lange dauert es noch, bis er und sein Vater zum zweiten Mal 120 Zitzen mit Papiertüchern abreiben, den ersten Spritzer mit der Hand heraus massieren und das Melkzeug anschließen. Zwei Mal in der Woche kommt der Wagen der Genossenschaftsmolkerei "Breisgaumilch" und holt die stark gekühlte Milch ab.
Im Vorübergehen wirft Reichenbach Silage in die Tröge, es riecht säuerlich nach dem gepressten Gras. Durch eine Eisentür betritt er den Wohntrakt des Hauses.

Die Zweijährigen Ana und Jan und Max, vier Jahre alt, sitzen schon am Holztisch in der modernen Wohnküche. Die Wanduhr der Kinder muht gerade zwölf Mal, als Georg Reichenbach reinkommt: Essenszeit. Es gibt Bratwurst, die zwar so heißt, aber gekocht ist. "Bei uns gibt es jeden Tag Fleisch", sagt Eva Reichenbach. "Aber wir essen nur Eigenes." Die Kühe werden auf dem nahe gelegenen "Plattenhof" geschlachtet und verarbeitet. Auch die Milch zum Kaffee am Nachmittag stammt von den eigenen Tieren. "Seit ich auf dem Hof lebe, habe ich keine mehr im Supermarkt gekauft", sagt die Karlsruherin. Doch, einmal, erinnert sie sich, hat sie Milchkartons in den Wagen gepackt. Das war im Frühjahr 2008, als die Landwirte aus Protest Milch aufgekauft haben. "Wir hatten insofern Erfolg, dass sich der Preis noch ein paar Monate gehalten hat."

"Es reicht zum Leben." Georg Reichenbach
Inzwischen sinkt er wieder. Georg Reichenbach sitzt am Schreibtisch und stützt den Kopf auf. Gerade hat er die Abrechnung für November bekommen: 33,5 Cent pro Liter, das sind 3,5 Cent weniger. "Ich erfahre immer erst im nächsten Monat, wofür ich gearbeitet hab." Er will sich nicht beschweren, "es reicht zum Leben". Aber Rücklagen sind bei einem Stundenlohn von fünf Euro nicht drin. Rund 90 Stunden arbeitet Reichenbach pro Woche, selten verdient er mehr als 2000 Euro. "Wir leben von den Subventionen, das sind 10.000 Euro im Jahr." Ein neuer Stall würde pro Stellplatz alleine zwischen 6.000 und 10.000 Euro kosten.

Die Situation wird sich auch nicht bessern, wenn 2015 die Quote wegfällt: "Die Preise werden weiter sinken, wenn die im Norden unbegrenzt produzieren dürfen." Ein Milchfonds soll dann Landwirte in benachteiligten Gebieten unterstützen. "Unsere Arbeit muss honoriert werden. Wir halten die Flächen offen, ohne uns gäbe es diese Kulturlandschaft gar nicht." Ob der Verbraucher dafür zuständig sei, durch einen hohen Milchpreis für die Landschaftspflege zu zahlen? Er zuckt mit den Schultern. Ohne Milchbauern – so vermutet er allerdings - kämen weniger Touristen. Auch Familie Reichenbach wäre davon betroffen: Auf dem Hof gibt es vier Ferienwohnungen. Das Paradies ist für sie ein zweites Standbein.

Autor: Dana Hoffmann