Staufener Missbrauchsfall

Gericht und Jugendamt haben Mutter falsch eingeschätzt

Joachim Röderer und Wulf Rüskamp

Von Joachim Röderer & Wulf Rüskamp

Mo, 15. Januar 2018 um 20:52 Uhr

Südwest

Das Oberlandesgericht bedauert – mit dem heutigen Wissen um den sexuellen Missbrauch an dem Neunjährigen aus Staufen – die richterlichen Beschlüsse aus dem vergangenen Jahr. Damals war das Kind in die Obhut seiner Mutter zurückgegeben worden.

"Wir haben die Mutter völlig falsch eingeschätzt", sagte Julia Kürz, Pressesprecherin des OLG, der Badischen Zeitung. Die Beschlüsse seien aber im Einvernehmen mit dem Jugendamt des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald erfolgt.

Alle am Fall beteiligten Behörden und Gerichte weisen daraufhin, dass sie alle ihre Entscheidungen und Vorkehrungen ohne das heutige Wissen getroffen haben: Zu den damaligen Zeitpunkten habe es Hinweise weder auf die Gefährdung des Kindes durch die eigene Mutter – die beim Missbrauch mitgemacht haben soll – noch auf einen aktuellen Missbrauch des Kindes gegeben habe.

Kind nannte ihn "Papa"

Allerdings hat offenbar auch niemand kontrolliert, ob sich die 47 Jahre alte Mutter, wie der Hauptverdächtige Deutsche, an die gerichtlichen Auflagen gehalten hat, nämlich jeglichen Kontakt zwischen dem Hauptverdächtigen Christian L. und dem Kind zu unterbinden. Das Jugendamt sah sich dazu durch die Gerichte nicht aufgefordert (Kommentar). Zugleich war es auch nicht darüber informiert, wie sehr sich der vorbestrafte 37 Jahre alte Mann in der Familie in Staufen etabliert hatte, so dass das Kind ihn "Papa" nannte. Auch der Bewährungshelfer, der auf die Einhaltung des vom Strafgericht ausgesprochenen Kontaktverbots mit Kindern unter 18 Jahren zu achten hatte, meldete die Verstöße Christian L.’s dagegen laut Jugendamt nicht weiter.

Wie das Landratsamt am Montag mitteilte, hatte es den Neunjährigen für längere Zeit aus der Familie nehmen wollen. Das scheiterte am Einspruch der Mutter und der Haltung des Familiengerichts, das diesen Eingriff ins Elternrecht im April 2017 laut Jugendamt als zu scharf beurteilte. Das Oberlandesgericht, das aufgrund der Beschwerde der Mutter eingeschaltet wurde, strich sogar zwei der vier Auflagen aus der ersten Instanz. Am Ende blieb nur, dass die Mutter Christian L. keinen Umgang mit dem Kind mehr erlauben soll.

"Das Gericht hatte angenommen, dass die Mutter auf Seiten des Kindes steht", sagte dazu Justizsprecherin Kürz der BZ. In der Stellungnahme, die das OLG am Montag verschickte, steht allerdings kein Wort des Bedauerns; dies erfolgte erst auf Nachfrage.

Auch in der Stellungnahme des Landratsamtes fehlen entsprechende Worte. Landrätin Dorothea Störr-Ritter war am Montag zu keiner Aussage bereit.
Warum wurde der Ort nicht genannt?

Warum nennt die BZ nicht die Gemeinde, in der Polizisten den mutmaßlichen Haupttäter in einem der schlimmsten Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch in der Geschichte Baden-Württembergs festnehmen konnten? Das fragten sich viele unserer Leser. Tatsächlich hat sich die Redaktion früh für eine zurückhaltende Linie entschieden. Der Grund: Opferschutz. Wir hatten begründete Hinweise, dass der heute Neunjährige noch in der Gemeinde wohnte oder dort zumindest bekannt war und sich eventuell weiterhin aufhielt. Deshalb wollten wir – auch auf Bitten der Staatsanwaltschaft – alle Bezüge vermeiden, die seine Identifizierung über das eingeweihte Umfeld hinaus nach sich gezogen hätte. Außerdem wollten wir Rücksicht nehmen auf den Alltag der übrigen Bewohner. Sollten wir diese massiver Neugier aussetzen, wo doch der Ortsname für Aufklärung und Verständnis der Tat bedeutungslos war? Inzwischen ist die Lage anders: Feststeht nun, dass die beschuldigte Mutter und ihr Sohn wie auch der Hauptbeschuldigte in Staufen wohnten. Ein Umstand, der nicht zuletzt durch einen TV-Bericht öffentlich wurde. Durch die im Nachhinein bekannt gewordene aufwendige Suchaktion im Staufener Stadtsee erledigt sich jeder weitere Versuch von selbst, die Anonymität zu wahren. Schließlich teilte der Bürgermeister von Münstertal, Rüdiger Ahlers, offiziell mit, die Akteure des Pädophilenrings seien nicht in seinem Ort wohnhaft. Dies als Reaktion auf den Umstand, dass trotz allem bekannt geworden war, dass der Ort der Festnahme Münstertal war.
Thomas Fricker, Chefredakteur

Breisgauer Pädophilenring

  • die 47 Jahre alte Mutter des missbrauchten Kindes, deutsche Staatsangehörige
  • der 39 Jahre alte Lebensgefährte der Mutter, deutscher Staatsangehöriger
  • ein 40-jähriger Deutscher aus dem Großraum Freiburg
  • ein 37 Jahre alter Schweizer, der in Österreich verhaftet wurde
  • ein 32-jähriger Spanier, der in seinem Heimatland gefasst wurde
  • ein 49 Jahre alter deutscher Soldat, der in seiner Kaserne der deutsch-französischen Brigade im Elsass festgenommen wurde
  • ein 43-Jähriger aus Schleswig-Holstein, der den Jungen aus Staufen missbrauchen und foltern wollte und im Oktober in Karlsruhe verhaftet wurde
  • ein 32-Jähriger aus Schleswig-Holstein, der seine eigene Tochter missbraucht haben soll

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