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05. August 2014 09:41 Uhr

Erinnerungsstücke der BZ-Leser (8)

Heiliger Krieg: Freiburger Historiker veröffentlichen Tagebuch eines Feldgeistlichen

Ob Bischof oder Dorfpfarrer: Auch die Kirchen befürworteten den Ersten Weltkrieg. Das bezeugt auch das Tagebuch des südbadischen Feldgeistlichen Fridolin Mayer. Junge Freiburger Historiker haben es nun wiederentdeckt.

  1. Der Freiburger Feldseelsorger Fridolin Mayer im Einsatz: „Zum Rasieren blieb mir oft keine Zeit.“ Foto: Privat

  2. Mangelware an der Front: Katholische Gesangs- und Gebetbücher. Hier: Ein eigens von Fridolin Mayer zusammengestelltes Exemplar Foto: Alexander Preker

  3. Nach dem Gebet ins Gefecht: Alltag im Ersten Weltkrieg Foto: Privat

Es ist Winter 1914, einer seiner ersten Tage als Lazarettseelsorger an der Westfront. Er notiert: "Nachmittags gehe ich allein zu den Schwerverwundeten. Drei Mann frisch eingeliefert. Einer mit Kopfschuss aber bei Besinnung – Mannheim, katholisch, gebeichtet bei Auszug im August. … Es scheint, dass die durch’s Auge wahrgenommenen Sinneseindrücke tief in die Seele eindringen." Priester Fridolin Mayer aus Freiburg, stationiert in Lens, in der Champagne oder an der Somme, hat schon bald Schlafprobleme. Doch ob Bischof oder Dorfpfarrer, ob katholisch oder evangelisch: Wie das Gros der Gesellschaft und der Kirche, befürwortete auch er den Ersten Weltkrieg.

Die Volksfrömmigkeit im Krieg nimmt zu

Drei junge Freiburger Historiker und BZ-Leser haben Fridolin Mayers knapp 500 Seiten starkes Tagebuch nun wiederentdeckt und edieren es – direkte Nachkommen hatte er als katholischer Priester keine. Und Mayers Erinnerungen über provisorische Altäre, Kanonenschüsse beim Beichthören oder Massengräber mit Gefallenen der badischen Regimente 113 und 114, gewähren wahrlich packende Einblicke in das wenig erforschte Feld der damals noch jungen Feldseelsorge. Dabei galt laut Mayer auch schon zu Beginn des Krieges: "An Arbeit fehlt es ja nicht."

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Die Priester zogen meist freiwillig in den Krieg

Das bestätigt auch Markus Seemann, Archivar beim Katholischen Militärbischofsamt in Berlin. So habe es zu Kriegsbeginn in Preußen (Baden mitgerechnet) gerade einmal 83 hauptamtliche katholische Militärgeistliche gegeben, die dem Feldprobst in Berlin unterstanden. Hinzu kamen noch ein paar Feldgeistliche aus Bayern, Sachsen und Württemberg. Erst dank Freiwilliger wie Mayer wuchs ihre Anzahl im Lauf des Krieges auf 1400. Doch genug war das wohl kaum, vermutet Seemann. Hinzu komme, ergänzt Michael Schonhardt, der zusammen mit Yvonne Antoni und Friedrich Dunkel das Kriegstagebuch Mayers herausgibt, dass Katholiken stärker als Protestanten für ihre Riten Geistliche benötigten – egal ob Beichte, Kommunion oder Krankensalbung. Zudem habe an und abseits der Front, sagt Seemann, mit dem Krieg die Volksfrömmigkeit zugenommen. Man betete Rosenkränze, verehrte das Herz Jesu oder schickte erstmals Fotos von Angehörigen nach Maria Einsiedeln. Frömmigkeit in einer Zeit, in der es an der Front, so schreibt Mayer, "oft nicht mal zwei Tage geht, bis alle Schönheit ins Grab sinkt".

"Der Grundsatz der Nächstenliebe galt erst einmal für die eigenen Leute." Markus Seemann, Archivar beim Katholischen Militärbischofsamt
Doch schlossen sich Glaube und Kriegswille zumindest für Geistliche einander nicht aus? Theologisch betrachtet, berichtet Markus Seemann, entwickelte sich eine eigene Theologie mit Kriegspredigten, die von den geistlichen Eliten bereits ab 1914/15 an die Seelsorger weitergegeben wurden. Hierzu zählten beispielsweise jene des Bischofs Michael von Faulhaber, der wohl am liebsten selbst mit an die Front gezogen wäre. Mit Augustinus und dessen Lehre des gerechten Krieges interpretierte er den Ersten Weltkrieg als Verteidigungskrieg. Aus dieser Haltung und angesichts der damaligen Obrigkeitshörigkeit sei der Sinn des Krieges von einfachen Geistlichen nur selten hinterfragt worden. Seemann: "Der Grundsatz der Nächstenliebe galt erst einmal für die eigenen Leute."

Protestanten kriegswilliger als Katholiken?

Auf protestantischer Seite wiederum war die Kriegsbegeisterung wohl sogar noch etwas größer als auf katholischer, vermutete jüngst der amerikanische Historiker Roger Chickering bei einem Vortrag in Freiburg. Schließlich war dies die im preußischen (Bildungs-)Bürgertum vorherrschende Konfession. Und in dieses Bild passt, dass der evangelische Hof- und Domprediger Bruno Doehring am 2. August 1914 in Berlin sogar zum "Kreuzzug, zum heiligen Krieg" aufrief – es galt, gemeinsam gegen säkularisierte Franzosen oder Russen zu kämpfen.

Doch die Realität an der Front war auch für Geistliche wenig euphorisch. Lakonisch schreibt Mayer kurz vor Weihnachten etwa über den Mann mit Kopfschuss: "Beichthören bei obwaltenden Umständen nicht möglich. Reuegebet. Absolution, Hl. Ölung." Und der Krieg prägt auch die Ansichten des von Rheuma geplagten Mayer: "1914 war ich Optimist für 1915. 1915 Optimist für 1916 und jetzt, am Sylvesterabend bin ich Pessimist für 1917."

Am Mittwoch lesen Sie:
Die Geschichte des Abschiedsbriefs eines Vaters an seine neugeborene Tochter.

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Autor: Alexander Preker