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27. Mai 2017 00:00 Uhr

Atomforschung

In Karlsruhe lagern riesige Mengen Atommüll

Im Hardtwald in Karlsruhe lagern auf dem Gelände des einstigen Kernforschungszentrums seit Jahren riesige Mengen Atommüll. Der Zeitpunkt der Endlagerung ist ungewiss.

  1. Die Behälter mit Atommüll im Karlsruher Lager im Hardtwald Foto: Jehle

1991 wurde das Atomforschungszentrum im Karlsruher Hardtwald stillgelegt, seither läuft der Rückbau. Im Karlsruher Norden sammelte sich ein gigantisches Atommülllager an, denn auch aus den weiteren Versuchsanlagen – Versuchsreaktor, Wiederaufbereitung, Schneller Brüter – kam Abfall hinzu. Nun mehrt sich die Kritik am schleppenden Tempo des Rückbaus.

Im Herbst 2015 hatte die Rückbaugesellschaft wieder einmal den Antrag auf einen Erweiterungsbau gestellt. Weitere 30 000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive nukleare Abfälle sollen eingelagert werden zusätzlich zu den 70 000 Kubikmetern, die sich in mehr als 25 Jahren angehäuft haben. Der strahlende Abfall steckt in mehr als 77 500 eigens dafür hergestellten Stahlbehältern mit gelbfarbiger Hülle – und versehen mit dem Atommüll-Signet "Achtung Strahlung".

Auch der Bundesrechnungshof hatte sich 2015 zu Wort gemeldet. In einer 52 Seiten umfassenden Denkschrift monierte die Aufsichtsbehörde "erhebliche Mängel in der Projektorganisation" – es fehle an Transparenz, durch die "immer wieder auftretenden Verzögerungen" seien erhebliche Mehrkosten entstanden. Lange rechnete der Bund mit 1,4 Milliarden Euro, 2013 stiegen die Kostenprognosen auf rund 2,5 Milliarden Euro, Kritiker sprechen inzwischen von zu erwartenden Kosten von mehr als fünf Milliarden Euro für den Rückbau und die Entsorgung der Reaktoren im Hardtwald.

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War ursprünglich für die beiden größten Reaktoren, die "Wiederaufarbeitungsanlage" und den "Schnellen Brüter", ein Rückbau zur Grünen Wiese bis 2023 anvisiert, spricht heute die Betriebsleitung selbst davon, der Endtermin für den Abschluss "aller Rückbauarbeiten" werde sich bis 2063 verschieben. Im März meldete sich ein früherer Geschäftsführer der Rückbaugesellschaft zu Wort und sprach von "einer Black-Box im Dunkel des umgebenden Hardtwalds". Abgeschirmt von der Öffentlichkeit und gut ausgestattet mit öffentlichen Mitteln werde der Betreiber wohl "noch bis zum Jahr 2063 weiterwursteln".

Sylvia Kotting-Uhl, Karlsruher Bundestagsabgeordnete und atompolitische Sprecherin der Grünen, verlangte daher von der Bundesregierung Auskunft, welche Mengen des Karlsruher Atommülls bereits "fertig konditioniert" für die Endlagerung im geplanten "Schacht Konrad" bereitstünde. Die Antwort aus dem Bundesumweltministerium: Noch "kein einziges Gebinde" habe jetzt schon die Freigabe zur Endlagerung.

Kotting-Uhl sieht in Karlsruhe einen "jahrzehntelangen Atomfilz zwischen Staat, Forschung und Industrie" am Werk, Risiken würden verschleppt, Kosten verschleiert – Kosten, die zudem die Allgemeinheit zu tragen habe. Die Entsorgungsgesellschaft müsse dafür sorgen, um mit Karlsruhes Atommüll "schneller voranzukommen", damit auch dieser "schneller endlagerfähig wird".

Aus der Antwort der Bundesregierung geht auch hervor, dass die erste Charge "fertig konfektionierter" Abfälle aus dem Brennelementewerk der Firma Siemens in Hanau stammen. Am 25. September 2014 seien 541 so genannte "Konrad-Container" mit Atommüll freigegeben worden für die Endlagerung im Schacht Konrad. Der Betrieb in Hanau wurde 1995 eingestellt, der Rückbau zügig bis 2005 abgeschlossen. Seither lagert ein Teil dieses in Containern verpackten Atommülls im Karlsruher Hardtwald.

Aus der Karlsruhe Anlage wiederum wurden 60 000 Liter hochradioaktive Flüssigabfälle aus den Atomanlagen zwischen September 2009 und November 2010 im Hardtwald verglast und in 140 Glaskokillen von jeweils 400 Kilogramm Gewicht verschmolzen. Der hochradioaktive Abfall wurde im Februar 2011 aus dem Südwesten nach Lubmin an der Ostsee gebracht ins dortige "Zwischenlager Nord". Kritiker nennen dies "einen einzigen großen Verschiebebahnhof".

Inzwischen hat die Rückbaugesellschaft reagiert und gibt sich transparent. "Von den 77 500 Fässern sind etwa 68 500 noch nicht mit Beton in den Behältern vergossen und werden bis zur Abgabe an das Endlager routinemäßig auf Korrosionsschäden überprüft", erklärte ein Sprecher auf Anfrage. In den Hallen stünden zudem 1600 Stahlcontainer, in die Bauschutt eingelagert ist. Dass es auch schneller gehen könnte, habe der Fall Hanau und Siemens bewiesen, findet Kotting-Uhl. "Wenn ein Betreiber den Rückbau und die Atommüll-Abwicklung wirklich will, kann es schnell gehen."

Autor: Stefan Jehle