Erster Weltkrieg

"In manchen Briefen hat es recht offene Schilderungen gegeben"

Matthias Maier

Von Matthias Maier

Do, 07. August 2014

Südwest

BZ-Interview:Historiker Bernd Ulrich über die Authentizität von Feldpostbriefen, das Aussparen des Kriegsgrauens und den Stand von Akademikern in der Armee

Welche Rückschlüsse auf die Verhältnisse an der Front lassen sich aus den Feldpostbriefen des Ersten Weltkriegs ziehen? Matthias Maier hat den Berliner Historiker Bernd Ulrich befragt, der sich im Rahmen seiner Forschung mit Feldpost beschäftigt hat.

BZ: Im Stellungskrieg an der Westfront waren die Soldaten ständig mit Todesangst und sterbenden Kameraden konfrontiert. Woran liegt es, dass in den meisten Feldpostbriefen diese extremen psychischen Belastungen so gut wie gar nicht zum Ausdruck kommen?
Ulrich: Dass man als Soldat durch die Ereignisse an der Front psychisch labil oder nervenkrank wurde, ließ sich überhaupt nicht mit dem offiziell verbreiteten Heldenbild vereinbaren. Aber es gibt durchaus auch Briefe, in denen Soldaten – allerdings nur jene, die nicht selbst vom Geschehen betroffen waren – offen berichten: dass jemand in ihrer Nähe beispielsweise verschüttet oder durch einen Granateinschlag aus dem Graben geworfen wurde und dadurch dann eine motorische Unruhe hatte oder den starr nach vorne gerichteten Grabenblick.
BZ: Wollten die meisten Soldaten ihren Verwandten detaillierte Einzelheiten von der Front ersparen?
Ulrich: Das ist sicherlich auch ein Grund. Viele Soldaten haben parallel noch ein Tagebuch geführt oder Notizen gemacht. Da findet man Anmerkungen wie: "Konnte den Anverwandten in der Heimat nicht schreiben, wie es eigentlich gewesen ist, da es dort Unruhe auslösen würde und die Sorge um mich ins Unerträgliche steigern würde: Wie wir hier tagelang im Dreck gelegen haben, wie rundherum Gliedmaßen durch die Luft flogen, die schrecklichen Anblicke von toten Freunden." Andererseits hat es in manchen Briefen auch recht offene Schilderungen gegeben.
BZ: Wie verhält es sich mit Kritik an Vorgesetzten? Alfred Fenchel berichtet von unerfahrenen Offizieren und wirft ihnen vor, Dummheiten zu begehen.
Ulrich: Das stimmt, er hatte offenbar einen ganz guten Blick dafür. Überdies sind gerade aus der Anfangszeit des Krieges sehr viele Berichte überliefert, dass man die Kriegsfreiwilligen aus dem bildungsbürgerlichen Milieu – zu denen auch Fenchel gehörte – in der Armee teilweise recht schlecht behandelt hat. Es gibt zahlreiche Briefe von Akademikern, die nach Hause oder in ihre Tagebücher schrieben: "Heute wieder geschlagen worden, besonders rangenommen worden, zu gefährlichen Patrouillengängen bestimmt worden, abends im Quartier noch geneckt worden von den Kameraden." In ihren Kompanien waren sie oft eher unbeliebt, hatten Probleme mit der Kameradschaft und teilweise auch mit den Vorgesetzten. Das konnte den skeptischen Blick verstärken.
BZ: Wie authentisch gaben Feldpostbriefe an die Verwandtschaft das Frontgeschehen wieder?
Ulrich: Die Stimme von der Front galt in der Heimat sehr viel. Der Aussage des Zeitzeugen vor Ort wurde ein hoher Stellenwert zugemessen. Natürlich gab es auch Briefe, die zu propagandistischen Zwecken und gezielt für den öffentlichen Raum geschrieben und etwa in Zeitungen veröffentlicht wurden. Unter den geschätzt 28 Milliarden Briefen, die im gesamten Zeitraum des Kriegs hin- und hergingen, gibt es aber auch eine Unmenge, die frei von Veröffentlichungsabsichten recht lakonisch oder auch ironisch und sehr nah an der Wahrheit die Verhältnisse schilderten. Ganz oft waren die Briefe jedoch völlig belanglose Meldungen, mit denen die Soldaten einfach nur versuchten, Lebenszeichen zu geben, oder sich für erhaltene Pakete und Briefe bedankten. Aber man stößt auch immer wieder auf eingehende, sehr interessante und mitteilungskräftige Briefe und Karten.

Bernd Ulrich, Jahrgang 1956, lebt als selbständiger Historiker, Kurator und Publizist in Berlin. Er ist Autor zahlreicher Monografien, Artikel, Aufsätze und Rundfunksendungen zum Ersten Weltkrieg und zur Feldpost.


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