"Kein Hang zum Missbrauch"

Wulf Rüskamp

Von Wulf Rüskamp

Do, 17. Mai 2018

Südwest

Gericht verzichtet im zweiten Prozess zum Staufener Missbrauchsfall auf Sicherungsverwahrung.

FREIBURG. Der Tag des Urteils war für Fotografen und Kameraleute die letzte Chance, den Angeklagten Knut S. aufs Bild zu kriegen. Doch wie schon zu Beginn bekamen sie statt eines Kopfes nur einen Aktenordner zu sehen, hinter dem der Bundeswehrsoldat sein Gesicht verbarg. Das Urteil des Freiburger Landgerichts – acht Jahre Haft für seine Taten im Staufener Missbrauchsfall – nahm er ohne große Reaktion auf.

Ob das Urteil Bestand hat, wird man spätestens in einer Woche erfahren – dann läuft die Frist für eine Revision ab. Staatsanwältin Nikola Novak, die zwölf Jahre gefordert hatte, dies aber mit anschließender Sicherungsverwahrung des Täters, zeigte sich zwar unzufrieden mit dem, was der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin vorgetragen hatte. Sie will aber erst die schriftliche Fassung des Urteils abwarten, ehe sie entscheidet. Ähnlich äußerte sich Verteidiger Horst Meier, der für seinen Mandanten vier Jahre Gefängnis als angemessen erklärt hatte.

Bürgelin sah alle Vorwürfe des schweren sexuellen Missbrauchs, der Vergewaltigung, der Verbreitung von Kinderpornografie und anderes mehr durch die Beweisaufnahme vor Gericht bestätigt. Knut S. hatte sich, so rekapitulierte Bürgelin in der Urteilsbegründung, übers Internet mit Christian L. verabredet, Lebensgefährte der Mutter des damals Neunjährigen, des Opfers der Taten. Im Frühjahr 2016 wurde das Kind in Staufen bei zwei Treffen zweimal von beiden Männern missbraucht. Christian L. und die Mutter werden von Mitte Juni an vor Gericht stehen. Im ersten Prozess zum Missbrauchsfall war ein Mann aus Lahr zu zehn Jahren Haft einschließlich Sicherungsverwahrung verurteilt worden.

Zum Vorteil des 50 Jahre alten Angeklagten, der als Feldwebel in der Deutsch-Französischen Brigade dient, führte Bürgelin an, dass er ein Geständnis abgelegt habe. Allerdings waren alle Vorgänge wechselseitig von beiden Tätern gefilmt worden. Zudem habe er sich "im Rahmen des ihm Möglichen" entschuldigt und Reue gezeigt, er habe in die Zahlung von Schmerzensgeld (12 500 Euro) an das Kind eingewilligt und wegen seiner pädosexuellen Neigung Therapiebereitschaft bekundet. Andererseits handele es sich um schwerwiegende Taten, wenngleich Knut S. keine Gewalt angewendet habe, erklärte Bürgelin.

Die Kammer des Landgerichts hatte sich gegen eine anschließende Sicherungsverwahrung entschieden. Bürgelin begründete dies rechtlich: Weil beim Angeklagten kein "Hang" zum Kindesmissbrauch bestehe, fehle die gesetzliche Grundlage. Das Gericht hält es unter Berufung auf den psychiatrischen Gutachter auch für nicht sehr wahrscheinlich, dass Knut S. nach acht Jahren im Gefängnis rückfällig wird – wobei Bürgelin erklärte, der Verurteilte werde seine Haftzeit vollständig verbüßen müssen. Durch eine Sozialtherapie könne er aber lernen, seine unveränderliche pädosexuelle Präferenz in den Griff zu bekomme. Dafür spreche, dass er erst mit 48 Jahren strafffällig geworden sei, sich bisher als beziehungsfähig gezeigt und trotz seiner sexuellen Störung Karriere gemacht habe.