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04. November 2008

Schweine vermehren sich wie wild

Zahl der Schwarzkittel in der Region steigt / Im Elsass fürchten Bauern nicht nur um ihre Weiden, sondern auch um den Münsterkäse.

MUNSTER/FREIBURG. Die Region hat Schwein – und zwar zu viel: Nicht nur in Südbaden, auch im Südelsass steigt die Zahl der Wildschweine an. Die Tiere sind bereits bis in die Vogesentäler vorgedrungen. Bauern beklagen hohe Schäden und fürchten, dass die Schweine Bakterien einschleppen – und ihren Münsterkäse ungenießbar machen.

Für Landwirte, die in den Vogesen vom ohnedies nicht üppigen Ertrag ihrer Weiden leben, sind die vielen Wildschweine ein Problem: Sie zerstören die Weiden und bedrohen die Existenz der Bauern. 40 Prozent der Fläche im Département Haut-Rhin sollen nach Angaben des Bauernverbandes inzwischen betroffen sein. Besonders im Münstertal, aber auch in den Gebieten um Orbey, Sainte-Marie-aux-Mines und der nördlichen Hardt bringt die Plage jene in Gefahr, die von Viehwirtschaft leben. Auch die Winzer der mittleren und südlichen Weinstraße klagen über erhebliche Schäden und die Bergbauern, die von der Weidewirtschaft und ihrer Milch leben, befürchten, dass die Schweine Listerien einschleppen.

Die "Ferme Heinrich", wo Bertrand Heinrich frische Butter und seinen Münsterkäse aus Rohmilch verkauft, liegt an der Straße zum Col de la Schlucht. "Seit 20 Jahren stellen die Wildschweine für uns eine Belastung dar, doch in diesem Jahr hat die Plage einen Höhepunkt erreicht", klagt der Bauer aus Stosswihr. Ein Drittel seiner Weiden haben die Wildschweine beschädigt. "Aufgewühlte Erde macht das Grünfutter unbrauchbar." Heinrich und die anderen Bauern sortieren so gut es geht aus, versuchen der Gefahr mit Vorsicht zu entgehen. Mit Erfolg: Einen Listerienfall gab es bislang noch nicht im Elsass. Dafür müssen sie einen Ausfall hinnehmen, in Einzelfällen bis zu 80 Prozent. Entschädigungen (2007 wurde insgesamt eine Million Euro gezahlt) helfen über die Engpässe hinweg, verhindern aber nicht die langfristigen Folgen: Auf den Weiden wächst statt Futtergras zu viel Unkraut und sie werden mit der Zeit unbrauchbar. Hinzu kommt die Arbeit, um die Schäden zu beseitigen.

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Auch in Südbaden vermehren sich die Wildschweine nach Angaben des Regierungspräsidiums freudig – begünstigt durch den Klimawandel, der milde Winter und massig Bucheckern und Eicheln bringt, und den vermehrten Maisanbau. In einem guten Jahr kann sich der Wildschweinbestand verdreifachen. Die Vermehrung lässt sich an den Abschusszahlen ablesen: In der Jagdsaison 2007/08 wurden in Baden-Württemberg gut 40 000 Schwarzkittel zur Strecke gebracht – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr, dem allerdings ein kalter Winter voranging. Der langjährige Trend weist eindeutig nach oben: Vor 25 Jahren wurden im Land noch 6800 Wildschweine geschossen. Und mittlerweile verursachen die Tiere 2900 Unfälle pro Jahr.

Für die Zunahme der Wildschweine haben die Bauernverbände im Elsass eine einfache Erklärung: "Die Jäger schießen zu wenig", sagt René Zimpfer vom Bauernverband Haut-Rhin. Jean-Rodolphe Frisch von der Jägervereinigung räumt ein, dass die Jäger ihrer Verantwortung nicht ausreichend nachgekommen sind. "Nichtsdestotrotz waren wir nicht untätig." Frisch spielt auf Elektrozäune an, die ähnlich wie in südbadischen Weinbergen auf 350 Kilometer im betroffenen Gebiet angelegt wurden, und auf Jagden bei Nacht. Eine Arbeitsgruppe berät darüber, wie am besten vorzugehen ist. Von starken Schäden ist laut Frisch nur ein kleines Gebiet betroffen. Die Arbeitsgruppe will sie bis 2010 um die Hälfte reduzieren. Dafür sollen auch die Bestände erfasst werden, denn die genaue Zahl ist bislang unklar. Auf 1,5 Millionen, fürchten die Bauern, steigen die Schäden bis Jahresende.

Doch im Elsass sieht man die Schuld an der Vermehrung nicht nur bei den Jägern, sondern auch bei der Natur: Mehrere milde Winter hätten ein Überangebot an Nahrung erzeugt, wendet der Chef des Entschädigungsfonds, Alexandre Bosserelle, ein. "Deshalb hat keine natürliche Auslese stattgefunden."

Auch in Baden-Württemberg nehmen die Wildschäden in der Landwirtschaft zu. Eine Gesamtsumme kann nicht beziffert werden, da Jagdpächter die Bauern meist direkt entschädigen. Aber nach einer Umfrage des Landesjagdverbands zahlen manche Pächter inzwischen bis zu 7000 Euro pro Jahr: "Das kann ein Jäger allein nicht mehr tragen", sagt Sprecher Ulrich Baade. Schließlich sei die Jägergemeinschaft kein elitäres Grüppchen mehr. Und damit das so bleibe, strebe der Verband eine Schadensausgleichskasse an, in die alle Jäger, Verpächter und Landwirte einzahlen. Denn der eine habe ein Waldgebiet, in dem Frischlinge heranwachsen, und der andere eines mit Feldern, in dem der Schaden beglichen werden muss. "So wird die Last verteilt."

LISTERIEN: Anspruchslose Bakterien

Anspruchslose Bakterien

Die Bakterien sind anspruchslos und vermehren sich sogar in Essen, das vakuumverpackt im Kühlschrank liegt. Sie finden sich in nicht erhitzten Lebensmitteln wie rohem Fleisch, Fisch und Rohmilchprodukten. Wer nicht sauber hergestellte Nahrung mit Listerien isst, kann eine Infektion bekommen. Die Infektion ist für Gesunde meist harmlos, kann aber zu Blutvergiftung oder Hirnhautentzündung führen.  

Autor: sh

Autor: Bärbel Nückles und Simone Höhl