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28. Februar 2009
Was ist Heimat?
Der Verein Badische Heimat besteht seit 100 Jahren – von der Reaktion auf Neues, der Nazi-Zeit und dem Problem, Heimat zu definieren / Von Wulf Rüskamp
B adische Heimat: Ein Verein, der sich diesem Begriff verpflichtet, hatte es im Verlauf der vergangenen 100 Jahre schwer. Denn das Badische hat sich als politische, organisatorische, kulturelle Größe seit der Vereinsgründung 1909 verflüchtigt. Erst verschwand, wie die gesamte deutsche Monarchie, das Großherzogtum 1918/19. Dann beseitigte 1933 der nationalsozialistische Zentralismus die verbliebene föderale Eigenständigkeit der Länder. Und nach kurzer Scheinblüte ging Baden 1952 im Südweststaat auf.
Heute ist Baden ein Landschaftsbegriff. Das Badische steht für ein Wohlfühlversprechen, das auf mildes Klima, Wein, eine irgendwie der Toleranz verpflichtete Lebensart baut. Der Heimatbegriff, soweit er nicht ohnehin als verdächtig gilt, wird kleinräumiger, weniger historisch oder kulturell verstanden. Schwierige Zeiten für einen Verein, der seine Aufgaben mit "Badische Heimat" überschreibt.
Wer die Festschrift zum Jubiläum liest, entdeckt, dass der Verein das weiß. Niemand spricht von Krise im Festjahr, aber Indizien dafür gibt es: Die Mitgliederzahl ist so niedrig wie in den vergangenen 80 Jahren nicht, und die Jugend spärlich vertreten. Aber es soll anders werden: Sven von Ungern-Sternberg, der ehemalige Freiburger Regierungspräsident, ist der erste politische Kopf an der Vereinsspitze. Von ihm wird erwartet, dass er den Verein aus der Beschränkung auf Fragen der Historie und der Kultur löst und ihm zu einer politischen Stimme verhilft.
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Ganz fremd ist dies dem Verein nicht. Denn als er gegründet wurde, hatte er, wenngleich kaschiert, politische Ziele. Er widmete sich dem Schutz der Landschaft und der historischen Bauten – eine Reaktion auf die fortschreitende Industrialisierung und die von ihr ausgelöste Moderne: Ausbau des Rheins für Schifffahrt, Wachstum der Städte und Wirtschaftszonen, Stromerzeugung durch Wasserkraft vor allem am Hochrhein, Auflösung von Traditionen und zunehmender Individualismus – all das empfanden die beharrenden Kräfte als Bedrohung. Dagegen hielt die Badische Heimat das ländliche Leben und die bäuerlichen Traditionen hoch. Hier, so glaubte man, könnte man sich schützen vor den Zumutungen des Neuen.
Doch das Neue schlich sich auf anderen Wegen in den Verein. 1913 wurde der Anatom und Anthropologe Eugen Fischer Erster Vorsitzender. Er gilt heute als Vordenker des biologistischen Rassismus, den die Nationalsozialisten zur tödlichen Ideologie machten. Fischer, bis 1927 Professor an der Universität Freiburg, vermittelte den Mitgliedern seine Botschaft in vielen Vorträgen; öffentlichen Widerspruch erfuhr er nicht, so der Chronist Bernhard Oeschger. Was nicht verwundert: In ihrer Zielsetzung und in ihrer bildungsbürgerlichen Mitgliederschaft war die Badische Heimat (mochte sie sich auch für unpolitisch erklären) nicht in der demokratischen und liberalen Wirklichkeit der Weimarer Republik angekommen. 1922 trat Hermann Eris Busse als führender Kopf auf, Autor und Verfechter einer völkischen Weltanschauung, dessen Blut-und-Boden-Vorträge dem Verein zum größten Erfolg verhalfen – 12 000 Mitglieder hatte er bis zum Weltkrieg.
Der Verein tut sich noch heute schwer, den Abstand zu dieser Galionsfigur zu finden. Sicherlich war Busse kein waschechter Nationalsozialist, dazu war er wohl zu konservativ. Aber Kurt Hochstuhl, Leiter des Freiburger Staatsarchivs, zeigt in seinem Beitrag zur Festschrift schonungslos, wie sich die Badische Heimat und damit auch Busse als "faktischer Leiter" des Vereins bestens in den Netzwerken des Dritten Reiches versponnen hatten und so sogar die Selbstständigkeit gegenüber neuen Dachverbänden behaupten konnte. Für die Besatzungsmächte bestand an dieser Verstrickung kein Zweifel – sie verboten 1945 dem Verein alle Aktivitäten.
Seither hält sich die Badische Heimat politikfern. Selbst als die Badenfrage heiß diskutiert wurde, fand sie zu keiner Stellungnahme. Der Verein äußerte sich zwar zu Fragen des Landschafts- und Denkmalschutzes. Aber er fand wenig öffentliches Gehör außerhalb der Leserschaft seiner Vereinszeitschrift. Intern wurde die Frage, was man unter Heimat verstehen solle, immer wieder behandelt. Mit dem seit 2007 amtierenden Vorsitzenden Ungern-Sternberg soll daraus tatsächliche politische Einmischung werden. Und zwar mit kritischer Haltung gegenüber allen Landschaftseingriffen, doch ohne ängstliches Festhalten am Althergebrachten, als das das Heimatgefühl in der Vergangenheit immer wieder missverstanden wurde.
Autor: Wulf Rüskamp
