Simulierter Terror

Axel Habermehl und dpa

Von Axel Habermehl & dpa

Do, 13. September 2018

Südwest

Im Stuttgarter Hauptbahnhof proben Polizei und Rettungskräfte, was sie bei einem Anschlag erwartet.

STUTTGART. Sieben Stunden lang haben am Dienstagabend Hunderte Beamte von Bundes- und Landespolizei gemeinsam mit Feuerwehr, Bahn und Technischem Hilfswerk einen Ernstfall geprobt: Simuliert wurde ein Terroranschlag im Stuttgarter Hauptbahnhof. Beteiligt waren auch rund 400 Polizeianwärter als Statisten.

Ein lauter Knall ertönt, dann bricht an Gleis vier das Chaos los. Schüsse knattern, Rauch steigt auf, verzweifelte Schreie und Hilferufe gellen durch den Hauptbahnhof Stuttgart. Reisende rennen in wilder Flucht aus einem Regionalexpress und über den Bahnsteig, mitten unter ihnen schwerbewaffnete Maskierte, die um sich feuern, Menschen hinrichten. Nach Sekunden kommen Polizisten angerannt, ebenfalls schießend und brüllend, überall liegen blutverschmierte Opfer.

Unter den 1000 Beteiligten der Großübung sind allein 400 Statisten. Sie stellen die "Panikmasse" da, sie bluten, schreien, rennen um ihr Leben – sie spielen unschuldige Zivilisten, zur falschen Zeit am falschen Ort. Kurz vor der Übung werden viele in einem Bahnwaggon geschminkt. Spezialisten für "realistische Wunddarstellung" der Bundeswehr helfen dabei. Abgetrennte Gliedmaßen, Verbrennungen, Schussverletzungen – das Repertoire an Wunden ist groß.

Es sind beklemmende Szenen, die sich in der Nacht auf Mittwoch in Stuttgart abspielen. Doch kein wirklicher Terroranschlag trifft die Stadt, sondern es ist eine Großübung von Bundes- und Landespolizei. Sie soll Einsatzkräfte auf einen Tag vorbereiten, der hoffentlich nie kommt, der aber im Licht der vergangenen Jahre nicht undenkbar scheint. Terrorismus, insbesondere die islamistisch motivierte Form, ist zu einer realen Bedrohung geworden. Spätestens mit der Anschlagsserie in Paris im Januar 2015 begann auch in Europa eine Zeit, in der viele Taten etliche Menschen das Leben kosteten. Es traf Frankreich, Belgien, Großbritannien, und dann auch Deutschland. Innerhalb weniger Monate kam es in Essen, Würzburg und Ansbach zu Anschlägen mit Toten und Verletzten. Der traurige Gipfel: das Weihnachtsmarkt-Attentat in Berlin 2016 mit zwölf Toten und 62 Verletzten.

So unterschiedlich die Taten hinsichtlich Zielen, Abläufen und Tatmitteln waren, gemeinsam hatten sie, dass die Täter ihre Radikalisierung im Ideologiefeld Dschihadismus durchlaufen hatten und sich mit dem sogenannten Islamischen Staat (IS) identifizierten. "Der islamistische Terror bleibt weiterhin eine der größten Herausforderungen für die deutschen Sicherheitsbehörden. So ist die Gefahr von weltweiten Terroranschlägen trotz des Niedergangs des Islamischen Staats weiterhin hoch", heißt es im aktuellen Bericht des Landesamts für Verfassungsschutz. Man beobachte etwa 3600 Islamisten, darunter etwa 750 Salafisten.

Besonders kritisch wird die Lage durch den Syrien- und den Irakkrieg. Nicht nur, weil sich unter den Hunderttausenden nach Europa kommenden Flüchtlingen Terroristen versteckten. Auch das Phänomen der Auslandskämpfer besorgt: Etliche Europäer, darunter bis zu 1000 aus Deutschland und etwa 50 aus Baden-Württemberg zogen über die Jahre auf nahöstliche Schlachtfelder. Als extrem gefährlich gelten Heimkehrer. Der Landes-Verfassungsschutz warnt: "Diese Personen stellen bei ihrer Rückkehr ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar, das die Sicherheitsbehörden in besonderem Maße herausfordert."

Das betont am Rande der Übung im Stuttgarter Hauptbahnhof auch Peter Holzem, Präsident der Bundespolizeidirektion Stuttgart. Voll radikalisierte, an Kriegswaffen und militärtaktisch ausgebildete Kämpfer, denen ihr eigenes Leben nichts bedeute, stellten eine "völlig neue Herausforderung" dar und erforderten "neue, aggressive Einsatzstrategien", sagt er. "Es geht hier um eine ganz andere Form polizeilicher Intervention." Vor allem Schutzpolizisten, die sich im Alltag als "Freund und Helfer" verstehen und eher auf Problemlösung und Deeskalation aus sind, müssten entsprechend geschult werden.

Sollte es zu einem Anschlag kommen, wie ihn die Polizei in Stuttgart übt, treten den Tätern vermutlich als erste Streifenbeamte entgegen. Bis Spezialkräfte anrücken, kann es dauern. Schon seit den Amokläufen der 2000er-Jahre sind deshalb die Polizisten im Land schlagkräftiger ausgerüstet. Maschinenpistolen, schwere Westen und Helme liegen im Kofferraum jedes Streifenwagens.

So gerüstet werfen sich auch an Gleis vier die Polizisten ins Gefecht mit als Terroristen verkleideten Kollegen. 41 Journalisten beobachten das Geschehen, sehen aber nur eine kurze Szene. Taktiken will die Polizei nämlich nicht offenbaren. "Wir wollen nicht berechenbar sein, wenn es zum worst case kommt", sagt Bundespolizei-Sprecher Jonas Große.

Gegen 23 Uhr endet der "Pressedurchgang", und die eigentliche Übung beginnt. Bis zum Morgen spielen die Beamten Terrorszenarien durch, die sie selbst vorher nicht kennen. Nur eine Erstmeldung geht im Lagezentrum ein: Schüsse im Zug, maskierte Personen, Verletzte. Dann müssen sich die Einsatzkräfte dem gespielten Terror stellen. Schiedsrichter bewerten das Vorgehen und die Teamarbeit der Beamten. Dann werden die Ergebnisse ausgewertet. "Das Gute siegt", verrät Olef Petersen, Sprecher der Landespolizei, im Vorfeld.

Es habe bereits in anderen Bundesländern solche Übungen gegeben, aber noch nicht in der Größe, sagt Peter Holzem. 409 Meter Absperrband kamen zum Einsatz, da während der siebenstündigen Übung in anderen Bereichen der Bahnverkehr weiterlief. Aber die Schüsse und Schreie schockieren Passanten, die in der Nacht am Hauptbahnhof stranden. "Das möchte ich nie erleben", sagt einer.