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23. August 2012 20:42 Uhr

Baden-Württemberg

Trotz Dopingaffäre: Sportmediziner dürfen weiter als Ärzte arbeiten

Strafrechtlich relevantes Doping ist den Freiburger Sportmedizinern Lothar Heinrich und Andreas Schmid nicht nachzuweisen. Nun stellt sich heraus: Auch um ihre Berufserlaubnis als Arzt müssen die beiden nicht fürchten.

  1. Lothar Heinrich (links) und Andreas Schmid haben keine berufsrechtlichen Konsequenzen zu fürchten. Foto: dpa

Weder das Regierungspräsidium noch die Ärztekammer sind bisher gegen die beiden geständigen Mediziner aktiv geworden. Hingegen prüft das Justizministerium des Landes, ob als Konsequenz die Gesetzgebung angepasst werden sollte.

Unerlaubter Handel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln und Abgabe von Dopingmitteln an Sportler: Für das Verwaltungsgericht Regensburg war die Sache 2010 klar, der Mann ist seines Berufes unwürdig, die Approbation ist weg – die Berufserlaubnis als Tierarzt, wohlgemerkt. Nicht besser erging es einem Apotheker in Berlin. Er verlor seine Betriebserlaubnis, weil er durch den Handel mit Anabolika zu Dopingzwecken nach Ansicht der Richter eine derartige "Verantwortungslosigkeit" offenbart habe, dass das Vertrauen in seine Zuverlässigkeit nachhaltig erschüttert sei.

Baden-Württemberg ist weniger streng als andere Länder

Mit Gesundheitsberuflern, die direkt mit den Menschen arbeiten, ist man zumindest in Baden-Württemberg weniger streng. Beschaffen und Spritzen von Dopingmitteln bei hohem eigenen finanziellen Profit, Verharmlosung von gefährlichen Nebenwirkungen, illegale Bluttransfusionen gepaart mit "besonderer Verantwortungslosigkeit" – der Abschlussbericht der Dopingkommission der Uniklinik Freiburg spart nicht mit Vorwürfen gegen die beiden Sportmediziner Heinrich und Schmid (letztgenannter Vorwurf richtet sich allein gegen Schmid) – dennoch müssen die beiden Ärzte fünf Jahre nach Aufdeckung des Skandals um Dopingpraktiken beim Team Telekom bisher nicht um ihre Berufserlaubnis fürchten.

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Das zuständige Stuttgarter Regierungspräsidium prüft noch immer, ob die Vorwürfe zum Entzug der Approbation ausreichten. Dies wolle man nachholen, sobald im September der Bericht der Staatsanwaltschaft zu den Ermittlungen vorliegt. Vor mehr als drei Jahren lautete die Erklärung: "Wir warten den Abschlussbericht der Dopingkommission ab: In dem Moment werden wir tätig."

Stattdessen ließ man weitere 38 Monate verstreichen und legte Aktenordner an. Grund seien, so der Sprecher des Regierungspräsidiums, die mangelnden Kapazitäten der Behörde. Zudem sei es die Regel, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abzuwarten. Pflicht ist es allerdings nicht. Denn die Grundlage für den Entzug der Approbation ist laut Bundesärzteordnung nicht der Bruch des Gesetzes, sondern die "Unwürdigkeit oder Unzuverlässigkeit zur Ausübung des ärztlichen Berufs".

Schwammige Paragrafen

Die aber haben für viele Experten dopende Ärzte bereits mit ihrem "unärztlichen Verhalten demonstriert, das dem Patienten schadet", so der Tübinger Medizinethiker Urban Wiesinger. Er hat vor drei Jahren eine Kommission der Bundesärztekammer zu dem Thema Doping und ärztliche Ethik geleitet. Bei der Vorstellung des Berichts verlangte Wiesinger, dopende Ärzte zu bestrafen, "bis zum Entzug der Approbation." Der kanadische Mediziner, der einst den Sprinter Ben Johnson schneller spritzte, darf längst nicht mehr als Arzt arbeiten.

Allerdings macht es der Gesetzgeber mit seinen schwammigen Paragrafen den Behörden auch nicht einfach. "Man hätte ja klar formulieren können: Ärztliches Doping wird mit Approbationsentzug bestraft", so RP-Pressesprecher Peter Zaar. "Wir vollziehen lediglich die geltende Gesetzgebung." Drohende Gegenklagen haben die Behörde ängstlich gemacht.

"Wer mit Doping Wettbewerbsergebnisse manipuliert und andere saubere Sportler schädigt, muss bestraft werden können. Das ist bisher nicht der Fall." Rainer Stickelberger
Im April hatte Landesjustizminister Rainer Stickelberger die erste Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Dopingermittlungen in Freiburg eingerichtet. Nun erklärte eine Ministeriumssprecherin, man wolle den Ermittler auch die nötigen Instrumente verschaffen. Noch im September sollen die Ergebnisse einer Evaluierungskommission vorliegen. Sie soll darlegen, ob weitere Gesetzesverschärfungen nötig sind im Kampf gegen Doping. Stickelberger kündigte eine Bundesratsinitiative des Landes an, sollte dies nötig sein. "Es gibt meiner Ansicht nach gute Gründe für Änderungen im Strafgesetzbuch: Wer mit Doping Wettbewerbsergebnisse manipuliert und andere saubere Sportler schädigt, muss bestraft werden können. Das ist bisher nicht der Fall." Schließlich gehe es stets auch um Sponsorenverträge und Preisgelder. Bereits im Juli hatte auch Bayern angekündigt, entsprechend aktiv zu werden.

Auch die Ärztekammer hat bislang kein Verfahren eingeleitet. "Während den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ist es uns nicht erlaubt, selber tätig zu werden", so Christoph von Ascheraden, Präsident der Bezirksärztekammer Südbaden. Nun werde man anhand des staatsanwaltschaftlichen Einstellungsbeschlusses den Fall erneut prüfen. Die Freiburger Universität war schneller. Sie entzog vor drei Wochen per einstimmigem Senatsbeschluss Andreas Schmid den Titel eines außerplanmäßigen Professors.

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Hintergrund: Dopingverfahren

Im Herbst 2007 wurden die Strafnormen des Arzneimittelgesetzes zur Dopingbekämpfung überarbeitet. Insbesondere wurde der Besitz einer nicht geringen Menge bestimmter Dopingmittel unter Strafe gestellt. Seither stieg die Zahl der Ermittlungsverfahren in Baden-Württemberg von 16 (im Jahr 2008) auf 88 (2009), 235 (2010) und 335 (2011).

Autor: Michael Brendler und Franz Schmider