Minderjährige Flüchtlinge

Was "verdienen" Pflegefamilien, wenn sie einen UMA aufnehmen?

Felix Lieschke

Von Felix Lieschke

Mo, 26. Dezember 2016 um 18:04 Uhr

Südwest

Seitdem klar ist, dass Hussein K. in einer Pflegefamilie untergebracht war, hält sich ein Gerücht hartnäckig: Pflegefamilien können bis zu 3000 Euro dabei verdienen. Was ist dran?

Die Badische Zeitung ist der Frage nachgegangen und hat ermittelt, dass mehr als 2000 Euro möglich sind – aber nur unter bestimmten Voraussetzungen.

Welche Unterschiede gibt es bei Pflegefamilien?

Pflegefamilie ist nicht gleich Pflegefamilie. Unterschieden werden sie nach dem Sozialgesetzbuch VIII (SGB). Zum einen gibt es die Pflegefamilie nach Paragraph 33. Das Auftragsverhältnis besteht zwischen dem Jugendamt und der Familie, die ein Kind bei sich aufnehmen möchte. Die Pflegeeltern quartieren den Jugendlichen ein, die rechtliche Vormundschaft bleibt aber im zuständigen Jugendamt. Dort kann ein Vormund für bis zu 50 Jugendliche verantwortlich sein. Anders ist die Situation, wenn ein Jugendlicher nach Paragraph 34 des SGB versorgt wird. Dabei beauftragt das Jugendamt einen freien Träger damit, den Jugendlichen unterzubringen. Es steht dem externen Träger frei, ihn in einer Wohngruppe oder bei einer Familie aufzunehmen. Thomas Köck, Leiter des Christophorus Jugendhilfewerks Oberrimsingen, sagt, dass dies Situation für den Großteil der UMA gelte.

Bekommen alle gleich viel Geld?

Nein. Wie von der Badischen Zeitung mehrfach berichtet, erhält eine Pflegefamilie, die ein Kind vom Jugendamt aufnimmt, rund 900 Euro im Monat. Darin sind ein Taschengeld, das Zimmer, Essen und Bekleidung für den Monat eingerechnet. Anders ist es bei einem UMA, der von einem freien Träger an eine Familie vermittelt wird. Edith Lamersdorf, Sprecherin des Freiburger Rathauses, erklärt, dass es sich dabei nicht mehr um eine Pflegefamilie handle, sondern um eine Erziehungsstelle. Erziehungsstellen sollen gewährleisten, dass die Jugendlichen nicht nur untergebracht sind, sie sollen auch ausreichende pädagogische und therapeutische Hilfe erfahren. In Zusammenarbeit mit dem Träger, dem Jugendamt und der Familie wird ein Hilfeplan für das Kind oder den Jugendlichen erstellt. Je nach Art und Umfang der Hilfe zahlt das Jugendamt einen bestimmten Tagessatz an den Träger. Er liegt zwischen 150 und 165 Euro.

Ein Rechenbeispiel

Das Jugendamt beauftragt einen freien Träger damit, einen minderjährigen ausländischen Jugendlichen zu versorgen. Für Unterbringung, Lebensmittel, Taschengeld und therapeutische Hilfe ist der Träger verantwortlich und erhält dafür vom Jugendamt 150 Euro am Tag. Das ergibt in der Summe 4500 bis 4650 Euro im Monat. Der Träger entscheidet sich bei der Unterbringung für eine private Familie. Wie viel Geld kommt am Ende bei der Pflegefamilie an? Thomas Köck sagt, dass der Träger selten mehr als die Hälfte des Betrags einbehalte. Rund die Hälfte der 4500 Euro geht demnach an die Familie – 2250 Euro. Die Familie ist dann die Erziehungsstelle.

Was muss die Familie dafür leisten?

Die Familie soll weit mehr leisten als die bloße Unterbringung. "Sie kümmern sich um die Wohnung, sorgen aber auch für die Freizeitgestaltung der Jugendlichen", sagt Köck. Außerdem würden sie eine Grundbetreuung anbieten. Theoretisch, sagt er, müsse die Familie 24 Stunden für den Träger ansprechbar sein. Die Familie muss das Geld vom Träger zudem versteuern. Der Träger kümmert sich vom restlichen Geld um die Beratung des Jugendlichen; er organisiert die Schulbegleitung und bietet regelmäßige Treffen an.

Wer kontrolliert, wie das Geld verwendet wird?

Jeder, der sich als freier Träger am Markt etablieren will, wendet sich zuerst an den Kommunalverband für Jugend- und Soziales Baden-Württemberg – das Landesjugendamt. Sobald eine Genehmigung vorliegt, kann sich der Träger an die in der Region ansässigen Jugendämter wenden und seine Leistung für die Unterbringung der Jugendlichen anbieten.

Mit dem Jugendamt wird ein Rahmenvertrag geschlossen. Dieser Vertrag regelt auch die Tagessätze, damit ein freier Träger seine laufenden Kosten begleichen kann. Wenn ein Jugendhilfeträger vom Jugendamt beauftragt worden ist, einen unbegleiteten ausländischen Minderjährigen zu versorgen, dann liege es am Träger, die Gelder angemessen aufzuteilen, sagt Edith Lamersdorf. Auskunftspflichtig sei aber nur das Jugendamt, nicht der Jugendhilfeträger.

Wie wird kontrolliert, ob Hilfe beim Jugendlichen ankommt?

Es gebe in regelmäßigen Abständen Gespräche zwischen dem Jugendamt und dem Träger, heißt es von Lamersdorf weiter. Auf Grundlage der ersten Clearinggespräche wird ein Hilfeplan erstellt. Im Clearing sitzen zwei Fachkräfte vom Jugendamt, einer von einem Träger, ein Dolmetscher und gegebenenfalls ein Vormund. Anhand eines Fragebogens bewerten die Mitarbeiter, wie viel Hilfe der Jugendliche benötigt. Dabei soll auch das Alter geschätzt werden. Ob der Hilfeplan tatsächlich eingehalten werde, hat das Jugendamt in regelmäßigen Abständen zu überprüfen.

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