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Wie der Tunnelbau bei Rastatt die Rheintalbahn blockiert

Franz Schmider, Helmut Seller, Joachim Röderer, Philipp Schulte, Carolin Buchheim, Benedikt Hecht, Konstantin Görlich

Von Franz Schmider, Helmut Seller, Joachim Röderer, Philipp Schulte, Carolin Buchheim, Benedikt Hecht & Konstantin Görlich

Mo, 14. August 2017 um 08:00 Uhr

Südwest

Über einer Tunnelbaustelle sackten die Gleise fast einen halben Meter ab. Seither ist die Rheintalbahn gesperrt – wohl bis mindestens 26. August. Was genau passiert ist und wie es jetzt weitergeht.

Was ist auf der Bahnstrecke in Rastatt genau passiert?

Ein automatisches Warnsystem, das wie eine Lichtschranke funktioniert, hat am Samstag gegen 11.30 Uhr Verwerfungen an den Gleisen der bestehenden Rheintalstrecke im Bereich Rastatt-Niederbühl festgestellt und Alarm ausgelöst. Das heißt, die Strecke wurde sofort für den gesamten Verkehr gesperrt.

Welche Züge zu diesem Zeitpunkt in der Nähe unterwegs waren, ob zum Beispiel ICE-Züge auf die Störungsstelle zurasten, wollte die Bahn am Sonntag nicht sagen. Eine Überprüfung ergab, dass Gleise auf einer Länge von acht bis zehn Metern um fast einen halben Meter abgesackt waren. Die Strecke ist vorläufig nicht befahrbar.

Wie kam es zu den Verwerfungen?

In Rastatt entsteht derzeit ein neuer Eisenbahntunnel, der einen Teil der Stadt unterquert. Er ist ein wichtiger Bestandteil des viergleisigen Ausbaus der Rheintalstrecke zwischen Karlsruhe und Basel. Baubeginn für den Rastatter Tunnel war am 25. Mai 2016 beziehungsweise am 27. September 2016. Gebaut werden zwei Röhren von 4270 beziehungsweise 4030 Metern Länge.

Zum Einsatz kommen zwei Bohrmaschinen (Oströhre: "Wilhelmine" und "Sibylla-Augusta" für die Weströhre) der Schwanauer Firma Herrenknecht. Im März verkündete die Bahn einen Rekordvortrieb von 23,3 Metern pro Tag in der Weströhre. Die beiden Röhren sollen Mitte 2018 im Rohbau fertig sein, 2022 ist die Inbetriebnahme vorgesehen. Der Tunnel soll rund 650 Millionen Euro kosten.

Handelt es sich um einen normalen Tunnelbau?

Technisch ist der Bau der Tunnel vor allem an einer Stelle sehr anspruchsvoll – dort, wo der Tunnel die bestehende Bahnstrecke unterquert. "Diese Bauphase ist eine ganz besondere Herausforderung, denn zwischen Tunnelvortriebsmaschine und Oberfläche liegen lediglich fünf Meter", heißt es in einer Bahnmitteilung von Ende Mai, wenige Tage bevor die Bohrmaschine die heikle Stelle erreichte.



"Für einen sicheren Vortrieb wird der Untergrund deshalb in diesem Bereich vereist." Das heißt, die Erde wird auf minus 35 Grad Celsius so lange tiefgefroren, bis nach dem Durchbohren die fertig betonierten Tunnelwände eingebaut sind. Dieses Verfahren ist durchaus erprobt. In diesem Bereich ist am Samstag die bestehende Bahnstrecke eingesackt. Was genau die Ursache war, ob die Vereisung nicht wie erwartet gelang, untersuchten die Fachleute am Sonntag vor Ort. Die Firma Herrenknecht wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Vorfall äußern.

Was bedeutet die Sperrung für Bahnkunden?

Der gesamte Zugverkehr auf einer der am stärksten frequentierten Strecken im deutschen Eisenbahnnetz ruht auf dem Abschnitt zwischen Baden-Baden und Rastatt. Die Bahn spricht von einem Zeitrahmen bis mindesten zum 26. August, den sie für die Reparaturen benötige. Keine Angaben machte die Bahn zu den Folgen für den Güterverkehr. Die Rheintalbahn ist Bestandteil des europäischen Güter-Korridors Genua-Rotterdam, zu dem auch der Gotthard- und der Lötschbergtunnel in der Schweiz gehören.

Die Güterzüge werden seit Samstag auf Abstellgleisen geparkt. Die Kapazität der Abstellflächen ist jedoch begrenzt. Die Bahn konnte am Sonntag keine Angaben machen, wie es damit weitergehen soll. Der Personenverkehr stehe im Mittelpunkt. Auf die Gäubahn – Zürich-Singen-Stuttgart – kann die Bahn nicht ausweichen, da diese aufgrund von Bauarbeiten derzeit unterbrochen ist. Der Autoreisezug von Lörrach nach Hamburg wird über den Arlberg umgeleitet.

Wie erging es den Kunden am Samstag und Sonntag?

Anders als bei der unwetterbedingten Sperrung vor zwei Wochen blieb die Lage im Freiburger Hauptbahnhof am Samstag weitestgehend entspannt. Die Anzeigetafeln im Hauptbahnhof zeigten bei Zügen im Fernverkehr Verspätungen oder Ausfälle an. Auch viele Fans von Borussia Dortmund waren von der Streckensperrung betroffen: Sie reisten zum DFB-Pokal Spiel zwischen dem 1. FC Rielasingen-Arlen und dem BVB nach Freiburg an. Viele BVB-Anhänger schafften es gar nicht erst in den Breisgau. So drehte die Ultragruppierung "The Unity" entnervt in Karlsruhe um und fuhr zurück in den Ruhrpott. Andere Fans nahmen in Mannheim Mietwagen oder teilten sich ein Taxi und fuhren für 280 Euro von Karlsruhe nach Freiburg. So kamen sie immerhin zur zweiten Halbzeit im Schwarzwaldstadion an.

Auch in Offenburg war die Lage am Samstag deutlich entspannter als vor zwei Wochen. Die Feuerwehr Offenburg richtete in einem Zelt ein Lagezentrum mit Notstromversorgung ein, um Reisende bis zum späten Abend versorgen zu können. In Offenburg und Karlsruhe stellte die Deutsche Bahn nach Angaben eines Sprechers Züge ab, in denen gestrandete Reisende bei Bedarf übernachten konnten.

Am stärksten betroffen war am Samstag der Bahnhof von Baden-Baden, wo Reisende auf dem Weg nach Süden oder Norden in den Busersatzverkehr umstiegen. Am Karlsruher Hauptbahnhof gab am Samstag lange Warteschlangen, Bahnkunden klagten über fehlende Informationen und fehlende Busse. Es sei nicht einfach, genügend Busse zur Verfügung zu stellen, erklärte ein Bahnsprecher. Am Sonntag waren 14 Busse im Einsatz, darunter solche mit Freiburger Kennzeichen. Gefragt sind Geduld und Improvisationstalent.

Am Sonntag in einem ICE von Offenburg nach Freiburg: Der Zug ist so voll, dass man an manchen Türen gar nicht einsteigen kann. Es ist ein Geschiebe und Gequetsche. Mitten auf dem Gang sitzt ein junger Mann, eine Gitarre auf den Knien. Er spielt leise und singt dazu. "Ich will nach Freiburg, bin schon lange unterwegs", sagt er in einer kurzen Pause, als er seine Beine ausstreckt. Ihm gegenüber hat eine mehrköpfige Familie im Abteil Platz genommen. Die Stimmung ist gelassen. Alle hören dem Gitarrenspieler zu. Durchsage: "Das Bordrestaurant bleibt heute geschlossen." Gelächter.
Die Rheintalbahn

Die Bahnstrecke durchs Rheintal ist einer der wichtigsten Achsen im deutschen Schienennetz. Sie gilt als überlastet. Neben der Zahl von täglich 250 bis 300 Zügen liegt das Problem darin, dass hier schneller Fernverkehr, getakteter langsamer Nahverkehr und Güterverkehr abgewickelt wird. Deshalb sollen die 182 Kilometer zwischen Karlsruhe und Basel um zwei Gleise erweitert werden. Mehr als 60 Kilometer sind in Betrieb, weitere Abschnitte im Bau. Die Abschnitte südlich von Offenburg bis zum Katzenbergtunnel bei Schliengen sind zum Teil noch nicht geplant. Der Rastatter Tunnel ist Teil des viergleisigen Ausbaus.

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