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27. September 2011

"Wo kommt dieser kühle Luftstrom her?"

Der Staufener Wolfgang Trch erzählt von seinem Leben in einem Haus, das unter den Hebungen stark gelitten hat.

  1. Wolfgang Trch an einem provisorisch verputzten Riss in der Fassade seines Hauses Foto: huber

Wolfgang Trch hat die Schlüssel schon in der Hand. Doch bevor er die Tür seines Häuschens in der Staufener Rathausgasse aufschließt, bleibt er stehen und deutet auf das Straßenpflaster wenige Meter neben dem Eingang. Hier, sagt Trch, habe sich der Untergrund von Staufen am stärksten gehoben: 41 Zentimeter. In einer Ecke im Erdgeschoss des liebevoll eingerichteten Hauses, das der ehemalige Löwen-Wirt mit seiner Frau bewohnt, weist Trch auf einen daumendicken Riss hin und erzählt.

"Es war ein Abend im Dezember 2007. Ich saß zum Arbeiten an diesem Tisch und fragte mich: Wo kommt nur auf einmal dieser kühle Luftstrom her? An den Fenstern lag es nicht, die waren zu und dicht. Dann habe ich diesen Riss bemerkt. Am Anfang dachte ich noch, das hängt mit dem Umbau vom benachbarten Bauamt zusammen. Hatte es da vielleicht im Nachhinein noch Setzungsrisse oder Ähnliches gegeben, die auch unser Haus betrafen? Doch dann wurden nach und nach überall in der Altstadt die Risse sichtbar. Doch keiner hat damals geahnt, was da wirklich auf uns zukommt."

Die Risse wurden mehr und sie wurden größer. Der, den Trch an jenem Dezemberabend bemerkte, zieht sich nun von der Vorder- zur Rückwand seines Hauses und teilt sein Erdgeschoss. Überall sind Ritzen mit einer gummiartigen Masse notdürftig verstopft, die an mehreren Stellen schon wieder reißt.

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"Sehen Sie, wie sich die Stufen hier verschoben haben? Ein Teil des Hauses hebt sich mehr als der andere. Und die Wand, die an das Bauamt grenzt, kippt so langsam auf uns zu. Zwischen den beiden Gebäuden hat sich ein Spalt geöffnet. Wir haben gehört, wie anfangs Putz und Steine hineingerieselt sind. Opa, was sind das für Geräusche, haben die Enkel gefragt. Zwischendurch sind uns alle Fensterscheiben geplatzt, weil sich die Rahmen verzogen haben. Schlimm ist es im Winter, wenn die eiskalte Luft durch die Ritzen zieht. Ich habe die Bodenheizung ununterbrochen laufen lassen – trotzdem waren es im vergangenen Winter nie mehr als zwölf Grad in diesem Raum. Zum Glück haben wir das Haus 1987 ordentlich saniert. Das hier war mal ein alter Schopf, wir haben eine neue Stahlbetondecke eingezogen, deshalb sieht wohl im oberen Teil des Hauses noch alles in Ordnung aus. Aber wir leben auf drei Etagen mit steilen Treppen, und wir werden auch nicht jünger. Was, wenn wir die Treppen nicht mehr steigen können? Im Erdgeschoss lässt sich auf Dauer nicht wohnen. Und wenn wir woanders hin müssten – wer würde uns für dieses Haus noch etwas geben?"

Trchs Haus ist zu einer Dauerbaustelle geworden. Alle vier Wochen kommt der Statiker, inspiziert die Lage und überlegt mit Trch, was alles nächstes zu tun ist.

"Im Oktober muss die Rückwand neu gerichtet werden. Manchmal fragt man sich schon: Was müssen wir noch alles mitmachen? Wie sich das Ganze entwickelt, ist völlig ungewiss. Manchmal ist ein paar Monate lang Ruhe, dann sehen Sie wieder neue Risse. Ein Ende ist nicht abzusehen. Die Zusammenarbeit mit der Stadt klappt inzwischen ordentlich; die Schlichtungsstelle arbeitet gut, so dass wir provisorische Sofortmaßnahmen in Angriff nehmen können. Trotzdem kann sich wohl keiner so richtig vorstellen, was es bedeutet, wenn man in so einem Haus wohnt und nicht nur für ein paar Stunden zu Besuch ist. Um die Handwerker muss ich mich kümmern, das macht nicht die Stadt. Und den ganzen Dreck wegputzen nach der neusten Baustelle, das Um- und Ausräumen . . . Trotzdem: Was soll man sich ärgern? Motzen allein hilft nicht. 2008 haben wir uns zusammengetan, rund 20 Leute haben sich damals das erste Mal getroffen – daraus ist dann die IGR entstanden."

Die Interessengemeinschaft der Riss-Geschädigten hat mehr als 100 Mitglieder. Sie war maßgeblich am Zustandekommen der Schlichtungsordnung beteiligt, die eine außergerichtliche Regulierung der Schäden ermöglichen soll.

Autor: Alexander Huber