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03. November 2011
Interview
Thomas Haas: „Ich war nie einer, der zurückschaut“
BZ-Interview mit Tennisprofi Thomas Haas, der sich mit 33 Jahren trotz vieler Verletzungsprobleme noch nicht von der Tour verabschieden will.
BASEL. Im Teilnehmerfeld der Swiss Indoors war Thomas Haas, der gestern gegen den US-Amerikaner Andy Roddick in Runde eins 3:6 und 4:6 verlor, mit 33 Jahren der älteste Spieler. Im Interview mit René Kübler spricht der gebürtige Hamburger darüber, wie sich die Tenniswelt in den vergangenen 15 Jahren verändert hat, wie er die eine oder andere seiner zahlreichen Verletzungen hätte vermeiden können und wie seine Zukunft aussehen könnte.
BZ: Herr Haas, Sie haben einige Operationen hinter sich, mussten 15 Monate verletzt pausieren und kämpfen gerade um die Fortsetzung Ihrer Karriere. Da bleibt zu Beginn nur eine Frage: Wie geht es Ihnen?Haas: Im Großen und Ganzen gut. Ich bin zufrieden, wie sich mein Körper in den vergangenen Monaten entwickelt hat. Natürlich gibt es hier und da noch das eine oder andere Problemchen. Aber ich fühle, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Mal sehen, was noch drin ist in meiner Karriere.
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Haas: Ich war nie einer, der zurückschaut. Wenn man noch aktiv ist, dann denkt man eher von heute auf morgen, oder an die kommenden Wochen, an die Ziele, die man noch erreichen möchte. Mich beschäftigt momentan, wie ich als Tennisspieler wieder dort hin kommen kann, wo ich war. Sicher gibt es auch Momente, in denen mir bewusst wird, was ich alles erreicht habe. Die Träume, die ich als kleiner Junge hatte, sind fast alle in Erfüllung gegangen. Darauf bin ich stolz.
BZ: Aber in Deutschland wurde mehr von Ihnen erwartet. Auf Spiegel Online stand neulich eine Geschichte über Sie mit dem Titel: "Beinahe ein ganz Großer". Was denken Sie, wenn Sie so etwas lesen?
Haas: Als Kind stellt man sich vor, was man später mal werden will: Feuerwehrmann, Pilot oder Arzt. Für mich stand bereits im Alter von sechs Jahren fest, dass ich Tennisprofi werden will. Natürlich möchte ich immer gewinnen, aber ich habe nie Tennis gespielt, um ein ganz Großer zu werden, sondern um meinen Traum zu verwirklichen.
BZ: Hat Ihnen die Anerkennung nie gefehlt, die beispielsweise eine Steffi Graf oder ein Boris Becker erfahren haben?
Haas: Als ich Profi wurde, waren wir in Deutschland sehr verwöhnt durch ein paar Superstars. Die Stufe, auf der sie standen, erreicht ohnehin nur ein ganz kleiner Prozentsatz an Spielern. Es ist nicht ganz fair, von Beginn an daran gemessen zu werden. Wäre ich aus einem anderen Land gekommen, meine Situation hätte vielleicht ein wenig günstiger ausgesehen.
BZ: Sind die Deutschen zu kritisch?
Haas: So sind wir Deutschen einfach. Wir wollen immer das Beste haben. Das ist unsere Einstellung, und die muss man akzeptieren. Ich bin ja in gewisser Weise auch so, obwohl ich schon lange in den USA lebe. Natürlich bin ich zufrieden, eine gewisse Anzahl an Halbfinals bei Grand-Slam-Turnieren erreicht zu haben. Aber vier Halbfinal-Teilnahmen würde ich sofort gegen einen Endspielsieg eintauschen. Ich bin also noch immer sehr, sehr deutsch, aber eben auch amerikanisch, was mir ein Stück Gelassenheit gibt. Das Leben ist zu kurz, um stets alles zu hinterfragen und sich zu viele Gedanken zu machen. Gibt man alles auf seinem Weg, dann ist das ein Erfolg, auch wenn man das Ziel nicht ganz erreicht.
BZ: Hätten Sie in Ihrer Karriere etwas anders machen können?
Haas: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ob das den Sport betrifft oder Dinge abseits des Platzes – es gibt immer etwas, das man hätte anders machen können. So ist die Realität des Lebens. Ich bereue nicht den Weg, den ich gegangen bin. Aber natürlich sage ich mir ab und zu: Hätte ich doch schon früher anders trainiert oder mehr auf gewisse Dinge geachtet. Für jemanden wie mich, der etwas verletzungsanfälliger ist als andere, wäre es sicher gut gewesen, schon in jungen Jahren einen Physiotherapeuten an der Seite zu haben. Gerade das, was mit dem Körper passiert, kann man jedoch nicht immer beeinflussen.
BZ: Sie sprechen das erstaunlich gelassen aus.
Haas: Etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Manchmal ist ein Problem eben nur mit einer Operation zu lösen. Und dafür, dass ich bereits drei schwere OP an der Schulter hinter mir habe, fühlt sie sich super an. Andere müssen wegen der gleichen Probleme aufhören, Tennis zu spielen. Insofern habe ich doch Glück gehabt. Ich konnte zuletzt auch wieder einige Matches in Folge bestreiten. Allerdings würde ich lügen, wenn ich behauptete, ich sei nicht etwas müde.
BZ: Das dürfen Sie auch sein. Hier in Basel sind Sie mit Ihren 33 Jahren immerhin der älteste Teilnehmer. Was ist das für ein Gefühl?
Haas: Es ist etwas Besonderes. 1996 war ich 18 Jahre alt und der jüngste Spieler im Feld. Jetzt bin ich 33 und immer noch dabei. Das finde ich witzig. Es ist aber auch eine Leistung, die anerkennenswert ist.
BZ: Wie hat sich das Männertennis in den vergangenen 15 Jahren verändert?
Haas: Enorm. Es ist wahnsinnig, was da mittlerweile für Athleten auf dem Platz stehen. Das Spiel ist ungemein schnell geworden. Nur gute Schläge zu haben, reicht seit langem nicht mehr aus. Inzwischen braucht ein Spieler drei, vier, fünf Talente auf einmal, um oben mitspielen zu können. Tennis ist auf einem anderen Level als zu Beginn meiner Karriere. Wenn man das Finale der US Open zwischen Djokovic und Nadal gesehen hat, wie es da mit voller Power 25 mal hin und her ging, auch dann noch, wenn man dachte, der Ballwechsel ist längst vorbei – das ist unglaublich.
BZ: Sind Sie angesichts dieser Entwicklung noch konkurrenzfähig?
Haas: Es gibt zweifellos einige Ausnahmespieler – Federer, Djokovic, Nadal und auch Murray. Ich nenne sie die Untouchables, die Unantastbaren. Hinter diesem Quartett ist das Feld aber recht ausgeglichen. Da hat mal dieser, mal jener eine gute Woche. Wenn man gut spielt, besteht in diesem Bereich durchaus die Chance, relativ weit nach vorn zu kommen. Allerdings gibt es da Typen wie Juan Martin del Potro und Kevin Anderson. Die sind zwei Meter groß, prügeln drauf wie verrückt und bewegen sich trotzdem gut an der Grundlinie. Vermutlich ist das die Zukunft des Tennis.
BZ: Ihre Zukunft dürfte mittelfristig nicht mehr auf dem Tennisplatz liegen. Was kommt nach der aktiven Karriere?
Haas: Da gibt es einige Themen. Mit Sicherheit will ich weiter mit Tennis zu tun haben. Tennis ist mein Leben. Ich habe da auch schon einige Ideen. Und es werden aufgrund meiner Karriere viele Türen aufgehen. Ich muss dann nur entscheiden, durch welche ich gehen werde. Wichtig wird aber sein, in der Zeit nach dem Tennis mal eine Auszeit zu nehmen. Schließlich habe ich jetzt eine Familie, eine Frau und eine kleine Tochter.
BZ: Wie ist es, als Tennisprofi Familie zu haben.
Haas: Egal ob Tennisprofi oder nicht – es gibt nichts Schöneres im Leben, als Vater zu werden und eine Familie zu haben. Das gibt mir ein Gefühl der Ausgeglichenheit. Das einzige Problem sind die Reisen und die Zeit, die man Frau und Kind nicht sieht. Aber meine Tochter Valentina ist erst ein Jahr alt und ich möchte nicht, dass sie ständig irgendwo im Hotel oder in einer Spieler-Lounge herumhängen muss. Valentina soll ihre gewohnte Umgebung haben. Natürlich wäre es schön, wenn meine Tochter mich nochmal als Spieler auf dem Platz erleben könnte. Um das zu realisieren, müsste ich aber vermutlich noch eineinhalb Jahre spielen. Doch wer weiß: Wenn der Körper hält . . .
Haas: Im Sommer wusste ich tatsächlich nicht, ob ich das alles noch durchhalte. Jetzt geht es wieder besser. Ich will im kommenden Jahr die ersten sechs Monate durchspielen, mir anschauen, wie es läuft und danach bewerten, wo ich stehe. Dann werde ich neu entscheiden. Ein Ziel könnte es sein, Olympia 2012 mitzunehmen. Oder vielleicht nochmal Daviscup zu spielen. Mal sehen, ob ich dafür bereit bin. Wenn Form und Weltranglistenplatzierung stimmen, dann spiele ich, so lange ich kann.
Autor: dpa
