Neu im Kino

"The Favourite" zeigt eine Welt starker, intriganter Frauen

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Mo, 21. Januar 2019 um 19:55 Uhr

Kino

Männer sind nicht als eitle Gecken: In Yorgos Lanthimos’ Tragikomödie "The Favourite", angesiedelt 1700 am britischen Hof, haben nur die Frauen einen Plan.

Anne wer? Dass Großbritannien sehr erfolgreiche Regentinnen hatte, nach denen ganze Epochen benannt wurden, ist bekannt. Man denkt gleich an Elizabeth I. oder Victoria. Queen Anne jedoch dürften nur wenige Zeitgenossen auf dem Schirm haben: Bei ihrer Geburt am 6. Februar 1665 stand sie in der Thronfolge so weit hinten, dass sie, schreiben Marion Kremer und Luise F. Pusch auf fembio.org, "von den zeitgenössischen Biografen nicht erwähnt wurde". Im Jahr 1702 wurde die Ururenkelin von Elizabeths Rivalin Maria Stuart dann doch Königin – da keines ihrer Kinder am Leben blieb, sie zudem während 25 Ehejahren 13 Fehl- und Totgeburten erlitt, starb die Linie der Stuarts mit Queen Annes Tod 1714 aus.

Für seinen neuen Film "The Favourite – Intrigen und Irrsinn" hat sich der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos eine kurze Zeitspanne des Lebens am Hof von Queen Anne ausgesucht. Als Historienfilmer hat sich Lanthimos ("The Lobster", "The Killing of a Sacred Deer") bislang nicht hervorgetan, vielmehr richtete er zuletzt seinen Blick auf dystopische Familien- und Beziehungskonstellation in Gegenwart und Zukunft. Dennoch gelingt ihm mit dieser Tragikomödie, die sich der Realität des frühen 18. Jahrhunderts immer dann bedient, wenn es gerade passt, ein so grandios farbiger, üppiger und schriller Ausstattungsfilm.

Das liegt auch an den aufwändigen Interieurs der Palasträume, die Robbie Ryan mit extremen Weitwinkeln einfängt. Und an den detaillierten Kostümen, für die die dreifache Oscarpreisträgerin Sandy Powel verantwortlich zeichnet. Für die Frauen am Hof erdachte sie Roben überwiegend in den streng und edel wirkenden Farben Schwarz, Weiß, Silber und Dunkelblau. Die Männer, Politiker meist, sehen hingegen aus wie eitle Gecken in ihren grellbunten Klamotten – ihre gewaltigen Lockenperücken und ihre hell geschminkten Gesichter machen aus ihnen Karikaturen. Und so soll es wohl auch sein: Die Frauen sind in "The Favourite" die Hauptfiguren, ihnen gilt das Augenmerk des Regisseurs. Die Männer spielen Entenrennen im Palast oder bewerfen einander – eine großartige Szene, die die Dekadenz des royalen Treibens am Hofe schonungslos offenbart – nackt mit Obst.

"Ich wollte Frauen inmitten von Männern zeigen, die kein Ziel und keinen Plan haben, die nicht wissen, wie sie in schwierigen Situationen vorgehen sollen. Die Herren mögen zwar in der Überzahl sein, auf geistiger Ebene hinken sie jedoch erheblich hinterher", erklärt Lanthimos im Presseheft zum Film.

Die schwierige Situation, von der der Regisseur spricht, ist folgende: England befindet sich im Krieg mit Frankreich. Das Land ist fast pleite und presst aus der Bevölkerung Steuern heraus, dass es nur so kracht. Im Parlament und bei Hofe wird um den richtigen Weg aus der Krise heraus heftig gestritten: Die Whigs, alteingesessene Adelige, unterstützen den Krieg. Die Tories – die Opposition – hingegen wollen den Krieg wegen des hohen Blutzolls und der enormen Kosten beenden.

Zunächst ist Queen Anne (Olivia Colman) auf der Seite der Whigs. Sie ist es, weil ihre Freundin seit Kindertagen, Lady Sarah (Rachel Weisz), ihr dazu rät. Es gibt keinen Zweifel an der Abhängigkeit Annes von Sarah: Die Königin ist körperlich und seelisch wegen der vielen Geburten und Kindstode und ihrer schmerzhaften Gicht am Ende, sie ist nicht sonderlich intelligent, sie ist launisch und müde. Sarah hingegen ist klug, schön und gebildet. Sie weiß die Königin in jeder Laune zu nehmen – ihre Beziehung ist längst nicht nur platonisch. Als die verarmte Adelige Abigail (Emma Stone) an den Hof kommt, ändern sich die Dinge dramatisch. Die ehrgeizige Abigail erscheint zunächst sanftmütig und gut. Doch innerhalb kürzester Zeit ist klar, dass sie mindestens so viel Machtbewusstsein und Intrigengespür besitzt wie Sarah.

Als Kinobesucher durchlebt man ganz eigentümliche Gefühlsschwankungen: Mal hält man zu der einen, mal zu der anderen. Mal ist man amüsiert über die fiesen Ränke, die die Frauen zu schmieden im Stande sind, mal entsetzt. Lanthimos wollte wohl weder eindeutige Bösewichte noch reine Opfer schaffen. Für ihn ist es ein Spiel, für die Charaktere seines Films wird es blutiger Ernst.

Die drei Schauspielerinnen Coleman, Weisz und Stone machen aus "The Favourite" ein großes, lange nachhallendes Vergnügen. Lanthimos’ Respektlosigkeit nehmen sie auf und spielen, als gehe es tatsächlich um ihr Leben. Szenen voller Action und rasante Dialoge wechseln sich ab. Es sollte sehr wundern, wenn "The Favourite" bei den diesjährigen Oscars leer ausgehen würde.

"The Favourite" (Regie: Yorgos Lanthimos) läuft ab Donnerstag im Kino. Ab 12.