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08. Februar 2016

Ach, Europa

OFFENE GESELLSCHAFT I: Robert Schuster inszeniert am Theater Freiburg nicht "Die Schutzflehenden" nach Aischylos.

  1. - Foto: Maurice Korbel

Nach der Pause wird es amtlich. Drei Burkaträger(innen) verkünden, dass hier und heute auf dieser Bühne nicht Aischylos' Tragödie "Die Schutzflehenden" gespielt wird. Das Publikum im Großen Haus des Freiburger Theaters scheint dankbar für diese Aufklärung zu sein: Applaus brandet auf. Was nun? Was tun? Vielleicht lieber doch Shakespeare spielen?

Nun ja. Das war jedenfalls geplant. Robert Schuster, der in Freiburg 2011 erstmals durch eine tolle Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Sozialtragödie "Die Ratten" aufgefallen ist, dann einen kontrovers diskutierten "Danton" nach Georg Büchner und zuletzt Goldonis "Diener zweier Herrn" auf die Bühne gebracht hat, sollte und wollte die Königsdramen Richard II. und Heinrich IV inszenieren: Ein Jahr lang hat er sich – so ist es in einem im Programmheft abgedruckten Interview mit dem Dramaturgen Josef Mackert zu lesen – intensiv darauf vorbereitet. Doch die sich verschärfende Situation der Flüchtlinge kam dazwischen. Wie viele deutsche Bühnen hat auch das Theater Freiburg reagiert: Rund zwei Monate blieben Schuster und seinem Team, um- im Rahmen der "Thementage zur Verteidigung der offenen Gesellschaft" einen theatral tragenden Beitrag im Großen Haus zum drängenden Thema zu leisten.

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Achtung, Allegorie!

würde Goethe sagen

Das war wohl nicht zu schaffen. Eine freundliche Interpretation für diesen dreistündigen Abend lautet: Die Hilflosigkeit der Gesellschaft im Umgang mit der Massenzuwanderung spiegelt sich auf der Bühne wider, auf die Jens Kilian eine dreihügelige schneeweiße Bodenwelle gestellt hat. Dieses abstrakte Bühnenbild, das zwischen Rutschen, Rollen und Hüpfen Gelegenheit für verschiedenste körperliche Fortbewegungsarten bietet, ist eine wirklich schöne Erfindung. Mühelos lassen sich mit ihm historische Distanzen überspringen – zum Beispiel die zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als im Osten Deutschlands die russischen Besatzer eine kommunistische Bodenreform durchführten, und dem Jahr 1947, als sich die Engländer als Schutzmacht aus Palästina zurückzogen – mit den bekannten fatalen Folgen.

Worum es geht, erzählt eine Stimme (Renate Gummi) aus dem Off. Die Spielszenen – rote Fahne, Leiterwagen, eine aus dem Nichts herangleitende Barke mit dem Fährmann Chairon – wirken wie eingeblendete Illustrationen des Gesagten. Achtung, Allegorie! würde Goethe sagen, der von diesem poetischen Mittel nicht viel hielt. Aber darauf läuft es an diesem Abend hinaus: Figuren zu spielen, die in erster Linie nicht aus Fleisch und Blut sind, sondern einen Begriff veranschaulichen sollen, ist keine einfache Aufgabe – zumal Regie und Dramaturgie ihnen eine für den Zuschauer undurchschaubare Montage aus Texten von Heiner Müller, William Shakespeare, Franz Grillparzer, Gotthold Ephraim Lessing, Ernest Renan und Hannah Arendt in den Mund legen. Wer spricht hier wann und warum und was haben zum Teufel die griechischen Götter damit zu tun?

Eine kleine Anleitung gibt das Programmheft, das nicht wenige Premierenzuschauer als Orientierungshilfe benutzten. Also: Nachdem Heiner Bomhard als britischer Offizier den Nahen Osten und – der Schuft – seine hinter einem Gesichtsschleier verborgene arabische Geliebte Hagar verlassen hat, wendet sich diese an die Große Mutter, eine matriarchale Gottheit. Doch Melanie Lüninghöner, die in verschiedenen schrecklichen Kostümen hohe Priesterinnen zu spielen hat, verstößt Lena Drieschner als Besatzerhure eiskalt, worauf diese sich einen Dolch in den Unterleib stößt – und ein Schwall von Theaterblut die blütenweiße Spielfläche versaut. Merke: Frauen, die zwischen die Völkergrenzen geraten, geht es danach nicht gut.

Jetzt treten auf: der spielfreudige Entertainer Božidar Kocevski und die leicht hysterisierbare Lisa Marie Stoiber (die Pegida- und AfD-infizierte Stimme des Volkes), um einen echten Deutschen zum König Henry zu küren: Es kann nur einer sein, der Heiner Bomhard heißt, das leuchtet ein. Und der fügt sich auch schnell in die Rolle, wenn er die dritte Strophe des Deutschlandliedes grölt, der hässliche Deutsche. Derweil klopft die von Johanna Eiworth mit unbekümmerter Coolness als Abziehbild des american way of life verkörperte Moderne bei einem muslimischen Herrscher (mit Glatze und Kaftan: André Benndorff) an: Fehlanzeige, natürlich. Die Moderne wird mit ihrer eigenen Sense (?) erschlagen.

Es ließe sich noch einiges mehr erzählen: zum Beispiel der merkwürdige Einfall, die Israelis könnten im Jahr 2038 – 100 Jahre nach der Reichspogromnacht – vor Deutschlands Türen stehen, und alle sechs Millionen (!) begehrten Einlass. Wenn etwas historisch unmöglich ist, dann wohl dieses zynische Szenario. Und wenn die Schauspieler aus ihren Rollen treten und ihre Ratlosigkeit und Betroffenheit in einer inszenierten gruppendynamischen Diskussion zum Thema machen, ist der Gipfelpunkt dieses bebilderten VHS-Kurses erreicht. Es schiebt sich noch mit dem Rollator die "Regentin" über die Höhen und Tiefen der europäischen Geschichte. Sie sieht seltsamerweise aus wie Ursula von der Leyen und beschimpft ihren rechtspopulistischen Sohn nach allen Regeln der Fäkalrhetorik.

Hilfe, so kann es doch nicht weitergehen! Götter, habt Einsicht! Und da naht sie auch schon, die ganze Mannschaft des Olymp, auf dem, so viel Gender muss sein, Hera die Herrschaft übernommen hat. Iris Melamed darf aus ihren Chairon-Männerklamotten schlüpfen und entpuppt sich im blauen (!) Abendkleid als die schöne Europa, die wie einst Martin Luther King einen Traum hat, in dem, warum auch immer, ein doppelt befreites Syrien die Hauptrolle spielt. Genug! Am Anfang wurde das Publikum scherzhafterweise gefragt, ob es lieber Shakespeare oder Aischylos sehen wolle. Wenn man geahnt hätte, dass das gar nicht die Alternative ist …

Weitere Vorstellungen: 10., 13., 18., 25. Februar. Tel. 0761/4968888


Autor: Bettina Schulte