"Boykott kann kein Mittel der Kunst sein"

Dorothea Marcus

Von Dorothea Marcus

Mo, 20. August 2018

Theater

Die Ruhrtriennale begegnet dem Streit um ihre Intendantin Stefanie Carp in einer Podiumsdiskussion trotz Krakeeler konstruktiv.

Israel-Fähnchen werden geschwenkt, Schilder fordern den Rücktritt der Intendantin Stefanie Carp: Die jüdische Aktivistin Malca Goldstein-Wolf aus Köln hat rund 50 Unterstützer ihrer Demonstration nach Bochum mitgebracht. Etwas weiter haben sich schwarz gekleidete Gegendemonstranten mit Hammer und Sichel-Symbolen und Regenbogenfahne positioniert. Die Polizeipräsenz ist wuchtig, die Einlasskontrolle penibel: Die Podiumsdiskussion "Freiheit der Künste" auf der Ruhrtriennale hat sich zum Medienereignis entwickelt, nachdem sogar NRW-Ministerpräsident Armin Laschet den Besuch des Festivals verweigert hat, das er mit 14,1 Mio. Euro fördert – um ein "Zeichen" gegen Antisemitismus zu setzen.

Auf dem Podium hat der Moderator, Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert, die Lage trotz wüster Krakeeler zunächst streng im Griff. Klug begrenzt er allzu hohe Erwartungen: "Wir werden heute weder die komplexe Diskussion um den BDS noch den Nahost-Konflikt lösen". Zwar wird Carp, als sie zu sprechen beginnt, lautstark von den jüdischen Aktivisten als Antisemitin beschimpft, aber sie kann klarstellen: dass sie ihren Fehler vor allem darin sieht, die schottische Band "Young Fathers" wieder ausgeladen zu haben, obwohl diese das Netzwerk BDS unterstütze (Boycot, Divestment, Sanctions gegen Israel). Carp, die angeschlagen wirkt nach den Medienkampagnen der letzten Wochen, betont erneut, dass sie sich als Anwältin von Kunst und deren multiplen Perspektiven sieht – und sich nicht in Geiselhaft ideologischer Bewegungen nehmen lässt. NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen sieht das anders: "Das Grundgesetz garantiert Kunstfreiheit – aber man muss Grenzen beachten, die in Deutschland gezogen sind". Da sich dem BDS rechtsradikale Strömungen angeschlossen hätten, sei alles, was mit ihm zusammenhänge, nicht einladbar: "Einen BDS light gibt es nicht".

Hildegard de Veuyst, als Dramaturgin von Alain Platel an dessen Stelle erschienen, hält dagegen: "Deutschland sollte aufhören, sich als Ausnahme zu betrachten. Der BDS ist ein gewaltfreies Instrument, um Druck auf einen Staat auszuüben, der internationales Recht verletzt". Als der amerikanische Komponist Elliot Sharp, Nachkomme von Holocaust-Überlebenden, erklärt, dass Kritik von Israel-Politik allein nicht ausreiche und der israelische Filmemacher und BDS-Aktivist Udo Aloni das Podium kapert, um auszurufen, dass er Jude sei, Israel liebe und dennoch seine Politik rassistisch finde, brüllen jüdische Aktivisten beide nieder – minutenlang ist kein Wort zu verstehen.

Regisseur Schorsch Kamerun gelingt es, wieder konstruktiv zu werden: "Boykott kann kein Mittel der Kunst sein". Kunst könne viel subtilere Formen des Protestes äußern und Räume des tieferen Nachdenkens schaffen – zu denen auch eine Debatte gehöre, in der jeder jedem zuhöre. Und auch, wenn dieses Ergebnis schon mehr ist, als sonst auf BDS-Diskussionen zu erwarten ist – vor einigen Tagen eskalierte ein Podium in Berlin –, bleibt ein übler Nachgeschmack. Vielleicht, weil es erschütternd ist, eine aufgebrachte zionistische Horde, die einen Dialog längst verweigert, Hate-Speach auch gegen Israelis skandieren zu hören. Vielleicht, weil Fragen ungestellt bleiben: Etwa die, warum der umjubelte Choreograf Alain Platel, der zwar mit einzelnen israelischen Künstlern zusammenarbeitet, sich aber offen zum Israel-Boykott bekennt, Dauergast der Ruhrtriennale ist, während eine eher unbekannte schottische Band zum Skandalon wird. Vielleicht, weil es unschön ist, wie Ruhrtriennale-Mitgründer Michael Vesper der intellektuellen Kunstkennerin Carp herablassend empfiehlt, sich besser über ihr eigenes Programm zu informieren. Kann es nicht möglich sein, zumal in sich immer lautstärker hochschraubenden bundesdeutschen Debatten, eine Entscheidung zurückzunehmen, einen Fehler einzugestehen?

Dass Carps Programm für sich steht und Kunst sehr wohl ein Vehikel des politischen Perspektivwechsels ist, bestätigt sich am Abend eindrucksvoll. In "The Factory" spüren die syrischen Theatermacher Omar Abusaada und Mohammed Attar dem realen Fall des französischen Zementkonzerns Lafargue in Syrien nach, der dem IS wohl Millionengelder zahlte, um weiterzuproduzieren. Fünf großartige arabische Schauspieler erzählen den Fall aus jeweils ihrer Perspektive und setzen Stück für Stück, untermalt mit Fotos, Videos und melancholischen Orientklängen, den Skandal zusammen. Aus leuchtenden Helmen auf der Bühne sprechen die Originaltöne der Arbeiter, die in der Fabrik bleiben mussten, als der IS anrückte. Im Hintergrund ragt ein löcheriger, grauer Betonturm: Syrien, das Gefängnis des Krieges. Eindrucksvoll wird hier aus arabischer Perspektive gezeigt, wie auch europäische Großunternehmen die kapitalistische Höllenmaschine – und in ihrem Schlagschatten den syrischen Krieg – nahezu unkontrolliert und um jeden Preis am Laufen halten.