Kabarett

Christine Prayon macht bei ihrem Auftritt im Burghof was sie will

Kathrin Ganter

Von Kathrin Ganter

Fr, 30. November 2018 um 15:01 Uhr

Theater

Die Kabarettistin Christine Prayon gastierte im Lörracher Burghof mit einem Programm, das erst durch den Verzicht richtig stark wurde.

Dass Christine Prayon verzichtet, macht ihren Auftritt stark. Sie verzichtet auf übliche Kabarettschlagwörter wie "Trump", "Me too" und "AfD". Nur einmal sagt sie "Merkel" an diesem Abend, prompt wird im Publikum wie auf Kommando gelacht. Sie verzichtet auf Birte Schneider, die Kunstfigur, die sie in der ZDF Heute-Show berühmt gemacht hat. Sie verzichtet auf Plattheiten und Schrillheiten. Das macht den Abend mit ihr im Burghof Lörrach aber nicht langweilig. Im Gegenteil.

In einem grauen Kleidchen – eine lächelnde Ausgabe der Tochter der Adams Family – sinniert die 44-Jährige über Lörrach, weil sie ihr nach erfolglosen Anfängen gemerkt hat, dass es mehr Geld bringt, wenn sie ihr Programm an Stadt und Publikum anpasst. Und nach kurzem Missverständnis mit dem Lörracher Wappen – "drei Bananen auf rotem Grund" – hat sie erkannt, dass es sich im Dreiländereck um ein weltoffenes Publikum handeln müsse, und nicht um eine baden-württembergische Provinz. Also gibt es das Wohlfühlprogramm.

Der Scarlet-Schlötzmann-Zyklus ist fast fertig

Das bestreitet sie im ersten Teil mit dem Scarlet-Schlötzmann-Zyklus, ihrem noch nicht ganz fertigen Briefroman. Scarlets Briefe beginnen im Kindesalter: "Lieber Gott, kannst Du bitte machen, dass mein Bruder tot ist?", umfassen die Mathelehrer-Stalking-Phase mit 15 Jahren, die Weg-von-der-Pornodarstellerinnen-Phase mit Mitte 20, und schließlich der Rebellion, mit 48 den Eltern, bei denen Scarlet immer noch wohnt, keinen Gute-Nacht-Kuss mehr geben zu wollen. Was den Vater auf den schreiberischen Plan ruft, einen Oberst, der sachlich seine Enttäuschung über die fehlende Zuneigung kund tut.

Eine Parallele zu Prayons Leben, auch ihr Vater war Oberst bei der Bundeswehr. Als sie 16 Jahre alt war, zog die Familie von Bonn nach Waldbröl und ausgerechnet dort wurde sie politisch, links geprägt. Nach Schauspielstudium, Theater und trotz einiger Preise mäßiger Kabarettkarriere wurde ihr politisches Engagement zum Karriere-Booster: Durch ihre Tanja-Gönner-Parodien bei den Gegen-Stuttgart 21-Demos wurde die Heute-Show auf sie aufmerksam. Der Rest ist Birte Schneider.

Schwimmbrille, Badekappe und Mario Barth-Lyrik

Mag sein, dass in Lörrach einige enttäuscht waren, dass das nicht die war, die sie aus dem Fernsehen kennen. Dabei entwickelt diese Frau eine Urgewalt, etwa wenn sie als Scarlet Schlötzmann der Lektorin erklärt, dass ihr "frecher Frauenroman" mitnichten feministische Literatur sei. Es ist eine gnadenlose Abrechnung mit weiblichen Klischeebildern. Ebenso, wie sie mit einem Schmähgedicht als Zugabe des Abends die komplette Slam-Poetry-Szene zermatscht. Oder als Botox-gelähmte Carla Bruni nuschelnd und quietschend deren Chouchou-Erotik persifliert. Oder mit Schwimmbrille und Badekappe einen Auszug aus einem Mario-Barth-Auftritt liest.

Bewundernswert ist allein schon, wie sie den zweiten Teil des Abends ohne Ohnmacht übersteht, gezwängt in einen Sportbadeanzug, Body-Shaping-Hose und eng sitzender Hose bis Brust. Das Outfit einer, die nicht gekünstelt schön sein will, nicht gekünstelt hässlich, sondern schräg. Sie eröffnet den zweiten Teil des Abends als herausgeputzte Diva, um sich aber direkt, wie die Travestielegende Mary am Ende ihrer Shows, zu einer deutschen, triefenden Version von "My Way" abzuschminken und auszuziehen. Sie wird zum Mann, zum Clown und erstickt schließlich am Gingerbonbon eines Zuschauers. Die folgende Revue auf sich selbst ist einigermaßen bizarr, aber diese Frau macht einfach, was sie will. Sie sei sich bewusst, sagte sie einmal in einem Interview mit dem Stern, dass sie nie die große Fernsehshow im Ersten bekommen werde: "Ich werde auch keinen Maserati fahren. Aber Rückgrat ist auch ’ne schicke Sache."