Der Gott – ein Schnösel

Heinz W. Koch

Von Heinz W. Koch

Mo, 20. Februar 2017

Theater

Die Karlsruher Händel-Festspiele begannen mit "Semele".

Bankrott? Das ausbleibende Publikum? Frustration? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass George Frederic Handel, wie der Sachse sich in England nannte, 1743 die Oper Oper sein ließ. Allerdings, die – meist geistlichen – Oratorien, die er fortan schrieb, waren oft nichts anderes als verkappte Musiktheaterwerke. "Semele", 1744 in London uraufgeführt, ist ohne Zweifel das alleropernhafteste und auch meistgespielte unter ihnen. Samt seinem Libretto von dem Komödienautor William Congreve neigt es zur leichter geschürzten Schwester der Oper hinüber, zu dem, was später Operette genannt wurde. Denn: Für die Einschätzung, Georg Friedrich Händel sei so etwas wie der Ur-Offenbach, gibt es gute Gründe.

Und dass sich hinter dem mythologischen Ambiente die leibhaftigen Royals des 18. Jahrhunderts (kaum) verbergen, kann auch als amtlich gelten. Jupiter, das war Englands Georg II., und Semele, mit der ihn eine aufsehenerregende Affäre verband, Madame de Walmoden, seine deutsche Freitzeitbeschäftigung. Allesamt sind sie auch bei Offenbach vorstellbar – und vielleicht auch die Göttergattin Juno, die die junge Konkurrenz schlicht verbrennen ließ. Die Tragödie des Mädchens, das so hoch hinaus wollte: Den Gott als Menschen erblicken – das geht. Dem Gott aber als Gott begegnen, das nicht. Und exakt dieses Verlangen stachelt Juno in Semele auf.

Am Ende ist es wie bei Hillary und Bill

Das Badische Staatstheater Karlsruhe eröffnete – wie vor 37 Jahren schon einmal – seine Händel-Festspiele mit dieser "Semele", und sein Glücksgriff dabei heißt Floris Visser. Mal ganz direkt: Für den holländischen Regisseur sollte es auf der deutschen Opernszene weitere Verwendung geben. Was ihm gelang, ist über drei Spielstunden hinweg eine unterhaltsam-bunte Angelegenheit. Dabei weiß Visser offenbar sehr genau, wann sein Pointen-Füllhorn gefragt ist und wann der Ernst den Griff in die Gagkiste verbietet. Die Anzahl der präzise platzierten Aperçus ist eindrucksvoll. Alle sind aus dem Handlungsverlauf gewonnen, viele tatsächlich aus dem Duktus der unentwegt strömenden Musik hergeleitet. Alle "sagen" etwas, und sei es, dass der übellaunig zürnende Chefgott seine Blitz-Attacken mit dem Donnerblech unterlegt und im Handumdrehen ein solides Chaos anrichtet.

Jupiter ist ein recht junger Herr, häufig in der Lederjacke, im Grunde freilich ein Schnösel, dessen Impertinenz sich nimmt, was sie braucht. Ed Lyon trifft den Typus genau, und sein agiler lyrischer Tenor kommt ihm zupass. Dem etwas langweiligeren Athamas, den Semele eigentlich ehelichen sollte und den letztlich ihre Schwester Ino abbekommt, steht Terry Weys feiner Countertenor wie angegossen. Katharine Tiers starkes Mezzo-Profil lässt sich Junos rachedurstiges Auftrumpfen nicht entgehen, und als Ino, ebenfalls ein Mezzosopran, führt Dilara Bastar ihren Materialreichtum ins vokale Treffen. Bleibt Semele, bleibt Jennifer France, und die ist grandios, Karlsruhes Händel-Exegetin Nr. 1: eine Sängerin, deren Sopran so zierlich ist wie ihre Gestalt, auch eine, die die Empfindsamkeiten aufs Behutsamste abstuft und obendrein ein brillantes Koloraturfeuerwerk zündet. Der Dirigent weiß, was Händel fordert: Christopher Moulds entlockt den Deutschen Händel-Solisten das ganze Händel’sche Ausdruckskompendium. Dass mancher Moment ein größeren Kontrast-Reservoir entfalten, zugespitzter sein könnte, lässt sich indes auch schwerlich leugnen.

Immerzu kreist dabei ein in die Breite gezogener Kuppelsaal: eine Art Pantheon mit der runden Öffnung hoch oben in der Decke. Gideon Davays Bühne ist alles: Jupiters Oval Office mit dem fürs Zwischenmenschliche entfremdeten Schreibtisch, Kirche, Lotter-Boudoir. Dort schart sich die Crème de la Crème zusammen, ist die Schickeria mit Hut-Kreationen ausstaffiert, als stünde wie in "My fair Lady" ein Ausflug zum Pferderennen in Ascot auf dem Programm. Und natürlich: Das Spiel begibt sich heute, und das regelmäßige pulkhafte Auftauchen der Medienmeute fehlt selbstredend nicht. Ein Detail kennen wir gleichwohl schon aus Robert Carsens weltweit gereister Inszenierung, die unter anderem auch in Zürich zu bestaunen war: Die Leute beziehen den neuesten Götterklatsch aus der Boulevardpresse. Am Ende ist es wie bei Hillary und Bill, nur dass hier Juno und Jupi vorgeben, aufs Neue ein Herz und eine Seele zu sein, während doch des obersten Gottes nächster "Fall" schon bereitsteht. Die Frucht seiner Liebe zu Semele ist da bereits aus ihrer Asche gerettet. Es ist Bacchus. Immerhin.

Weitere Aufführungen: 23., 25. und 28. Februar. Die Händel-Festspiele dauern bis zum 5. März. Tel. 0721/933333.