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17. April 2015

Der Protagonist sind alle zusammen

Marta Górnickas polnischer Frauenchor begeistert mit "Magnificat" zum Auftakt der Basler Dokumentartage in der Kaserne .

  1. Ein wilder Haufen: Der Chor, der Marta Górnickas „Magnifact“ aufführt. Foto: Annette Mahro

Eigentlich tun sie nichts mehr, als das originale "Magnificat" wörtlich zu nehmen. Schließlich preist Marias berühmter Lobgesang aus dem Lukasevangelium gerade die revolutionäre Größe des Herrn, der sich der Geringen und Machtlosen annimmt und die Mächtigen vom Thron stößt. Da sollten doch wohl auch ihre lebenden Geschlechtsgenossinnen aus dem ihnen andernorts gerne zugewiesenen Status der dienenden Gebärerin mitgemeint sein. Marta Górnickas polnischer Frauenchor, mit dem am Mittwoch die Basler Dokumentartage eröffnet wurden, nimmt sich das Recht, auch der Muttergottes näherzutreten und sich musikalische Gedanken darüber zu machen, ob nicht gar die heilige Jungfrau irdisch liebenswert und also aus Fleisch und Blut sein könnte. Frau würde sich ihr und wer weiß es, vielleicht sogar sich selbst am Ende doch irgendwie näher fühlen, ganz gleich wie befleckt oder unbefleckt.

Dem einmal mehr ausgerufenen Motto der Dokumentartage "It’s the Real Thing" kommen Górnicka und ihre Frauen damit stellenweise zwar gefährlich nahe. Der Schlussapplaus in der ausverkauften Reithalle der Kaserne spricht gleichwohl Bände und von einmütiger Begeisterung. Selbst wenn Górnicka und ihre Frauen nach eigener Definition "Maria gleichsam unter den blauen Rock schauen wollten, um zu sehen, ob ein Körper darunter steckt", fühlt sich niemand verprellt. Immerhin singt ja kein Mann mit. Und auch wenn das Frauenbild, das die polnische Regisseurin, Sängerin und Schauspielerin mit ihrem vielgesichtigen Chor in der knapp einstündigen Performance an die Bühnenwand zeichnet, in Basel historischer scheint als in der hochkatholischen Heimat der Sängerinnen, sind religiöse Dogmatiker, gleich aus welcher Richtung, doch weltweit bedrohlich aktuell. Auf dieser Bühne wäre Begegnung möglich. Die 25 Frauen, von Górnicka aus den Publikumsrängen heraus dirigiert und in Klang und synchrone Bewegung gebracht, sind ein optisch und nach Altersklassen wild zusammengewürfelter Haufen. Vom engelshohen Sopran bis zum tiefdunkel heiseren Alt entsteht indes ein unerwartet biegsamer Klangkörper, der sehr viel mehr ist als nur ein Chor. Gegeben wird eine Art Sprechgesang, in den Seufzen, Schnattern, Schnalzen, Flüstern, Schreien und vielfach geeinte Bewegung mit hineinfließt.

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Górnicka, die auf eine sowohl schauspielerische als auch musikalische Ausbildung in Krakau und an der Warschauer Chopin-Hochschule zurückblicken kann, war weder das eine noch das andere Gebiet für sich allein genug. Sie wollte ein neues Theater, das einerseits zutiefst politisch sein sollte und andererseits eine Antwort auf den von ihr beklagten Mangel an Kollektivem geben sollte, das erzählt die Künstlerin im an das Stück anschließenden Publikumsgespräch. Für "Magnificat", ihr zweites, 2012 uraufgeführtes und mehrfach ausgezeichnetes Werk, ist sie der polnischen Seele nahegetreten. "Wir sind ein dermaßen katholisches Land, dass bei uns sogar die Atheisten mehrheitlich katholisch sind", lautet einer der Sätze, die der Chor in seine Klangkollage einfügt, die Text zu Musik und Töne zu Inhalt macht. "Gegrüßet seist Du, Maria", findet darin ebenso Platz wie knappe biografische Einschübe ("Womit ich mein Geld verdiene, verrate ich nicht"). Klassisch und zeitgenössisch literarische Textstellen werden mit untergemischt und Passagen aus Kochrezepten, von genussvollen Schmatzgeräuschen gekrönt. Dass dieser Mix klanglich und bewegt dennoch ein extrem konsistentes Ganzes ergibt, darin liegt das Geheimnis der wunderbar schlüssigen Aufführung, die sich zudem virtuos auf dem schmalen Grad zwischen Lachen und Betroffenheit bewegt. Paradoxerweise stellt nichts die Einheit sicht- und fühlbarer her, als diese Vielschichtigkeit. Die Choristinnen sind zwischen 23 und 75 Jahre alt und so individuell unterschiedlich wie Passanten in einer x-beliebigen Fußgängerzone. "Es ging mir nicht um die Masse", sagt Górnicka, "der Protagonist meines Stücks wird aus mehreren Figuren gebildet." Ganz zum Schluss formieren sie sich aber doch nach Stimmlagen und werden für eine einzige Zeile, das "Magnificat anima mea Dominum" (Meine Seele preist den Herrn) zu einem noch klanggewaltigeren Instrument.
– Basler Dokumentartage bis 19. April, Programm unter http://www.itstherealthing.ch

Autor: Annette Mahro