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21. März 2016

Fühlt und seht ihr’s nicht?

Osterfestspiele Baden-Baden: Markus Trelinski inszeniert, Simon Rattle dirigiert Richard Wagners "Tristan und Isolde".

  1. „Tristan du, ich Isolde“: Stuart Skelton, Eva-Maria Westbroek auf der Kommandobrücke Foto: Rittershaus

War da wirklich Mozarts "Kleine Nachtmusik", mitten hinein in den kaum verklungenen "Tristan"-Schlussakkord? Ein ungebändigtes Handy vermutlich, irgendwo im Dunkel des Baden-Badener Festspielhauses. Waren da auch nicht die beiden Damen, wenige Plätze neben dem Kritiker, die sich zu Beginn jedes Akts – und Beginn heißt: Das Orchester spielt schon – eifrig unterhielten über all jene Dinge, die sicher wichtiger sind, als eine Aufführung von "Tristan und Isolde"?

Eine Fußnote, die sich heute vermutlich jeder beliebigen Theateraufführung, anheften ließe. Sie wäre obsolet, führte sie nicht zu einer grundlegenden Überlegung bezüglich des Themas Oper im 21. Jahrhundert: Was muss ein Regisseur anstellen, um ein Publikum, das tagaus, tagein permanenter visueller Reizüberflutung ausgesetzt ist, zur Konzentration auf ein Werk zu bewegen, das nicht auf den schnellen Kick zielt; das dem, der sich darauf einlässt, ein Höchstmaß an Abstraktionswillen abverlangt?

Die Antwort, die Mariusz Trelinski in seiner "Tristan"-Neuinszenierung zum Auftakt der Baden-Badener Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker darauf gibt, ist: mit der Übersetzung der Musik in bewegte Bilder. Für einen Opernregisseur, der seine Wurzeln beim Film hat, ist das konsequent. Ergo spielen Filmprojektionen (Videos: Bartek Macias) in dieser mit der New Yorker Metropolitan Oper, der Polnischen Nationaloper und dem NCPA in Peking koproduzierten Inszenierung eine gewichtige Rolle. Trelinski sucht den Zuschauer schon zu den drei Orchestervorspielen und -einleitungen abzufangen: mit einem magischen Kreis, der wie eine Mischung aus U-Boot-Periskop und Schiffsradar wirkt. Alternierend entdeckt man in den Fluten Schiffe zwischen Ertrinken und Versinken, Menschen in Embryonalstellung oder einfach nur kreisende Linien – analog zu den "schwimmenden" Klängen Wagners.

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Die Schiffsmetapher drängt natürlich Wagners Handlung auf – bei Trelinki ist das reale Schiff im ersten Aufzug ein Monstrum mit vielen Stahltreppen und computergesteuerter Kommandozentrale, verteilt über die gesamte Breite und Höhe der Bühne (Boris Kudlicka). Doch auch der zweite Akt scheint hier nicht an Land zu spielen, Tristan und Isoldes verbotenes, folgenschweres Treffen auf der Kommandobrücke(?) findet in einer Bar, offenbar unter Deck seine Fortsetzung, die sich gleichwohl mit dem überfallartig interpretierten Auftritt König Markes und seiner gewalttätigen Schiffsoffiziere (Kostüme: Marek Adamski) zu einer Waldlandschaft hin öffnet. Zuvor schon signalisiert Trelinskis Regie, dass Reales und Surreales ineinander fließt, wenn beim "O sink hernieder, Nacht der Liebe" Polarlicht, kosmische Wirbel und ein Flug über Wipfeln und Wolken Schwerelosigkeit suggerieren.

Für sich gesehen wirken viele dieser Ideen diskutabel. Was Trelinski über den gesamten Abend hinweg nicht gelingt, ist, seine Interpretationsidee durchzudeklinieren. Filmprojektionen sind stets die Ultima Ratio, mitunter aber hart am Kitsch, etwa wenn über dem Liebespaar Scharen von Meeresvögeln kreisen.

Ärgerlich wird es dort, wo der Regisseur sich an Uminterpretationen Wagners versucht, die die Logik des Werks aushebeln. Zum Beispiel im ersten Aufzug, wenn Isolde nach ihrem deutlichen Befehl "Herr Tristan trete nah!" das Gegenteil folgen lässt: Nicht Tristan kommt zu ihr – sie sucht ihn in seiner Kapitänskajüte auf. Nicht dass Gegen-den-Strich-bürsten ein Sakrileg ist – bei Trelinki erschließt sich nur die Intention nicht. Erfahre ich mehr über Isolde, wenn ich weiß, dass sie in angespannten Situationen zur Zigarette greift? Womöglich zielt die Regieidee auf eine Ästhetik à la Film noir hin; aber auch dafür fehlt es an Kohärenz auf der über drei Akte hinweg von großer Dunkelheit dominierten Bühne. Und den Liebestod am Ende verschenkt Trelinksi szenisch völlig. Keine Idee, keine Aussage, nur eine regungslos sitzende Protagonistin im Finsteren. Da möchte man mit den Worten Isoldes verärgert fragen: "Freunde! Seht! Fühlt und seht ihr’s nicht?"

Im Orchestergraben schon. Das Ereignis dieses Abends ist die musikalische Interpretation. Und gerade mit jenem Liebestod, der musikalischen Apotheose eines jeden "Tristan", lässt sich exemplarisch zeigen, wie ergreifend Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker Wagners Partitur umsetzen. Rattle hält diesen wunderbaren Klangkörper zurück, ganz so, wie es der Komponist notiert: p, pp, piu p steht da immer wieder, um Isoldes Weltabgewandtheitspredigt ganz für sich wirken zu lassen. Und dann plötzlich dieser Forte-Ausbruch: "Heller schallend…"

Da ist er, der musikalische Rausch in immer wieder neuen Wellen. Rattle gelingt eine der farbigsten "Tristan"-Deutungen der vergangenen Jahre, ungemein differenziert und kontrastiert in Tempo und Dynamik, hinreißend musiziert gerade auch im Solistischen und überdies hervorragend ausbalanciert mit den Sängern: zweifellos der beste Opernauftritt Rattles und der Philharmoniker in vier Jahren Osterfestspiele. Und auch eine "Tristan"-Besetzung, die dem kaum einzulösenden Postulat "ideal" sehr nahe kommt. Eva-Maria Westbroek zeigt sich in stimmlicher Bestform. Sie ist keine jener heroinenhaften Isolden, deren Stimme wie ein breiter, goldener Fluss flutet. Ihre Stärken liegen in der Dezenz, in der subtilen Ausdeutung der Phrasen, die Höhen meistert sie respektabel – ein Sopran ohne dramatische Ausschläge und dennoch von gut fokussierter Intensität. Stuart Skeltons Tristan könnte eine glänzende Zukunft beschieden sein. Sein kraftvoller, warm timbrierter dunkler Heldentenor hat große Eleganz in der Linienführung; die kleinen Verschleißerscheinungen im dritten Akt schlagen nicht zu Buche. Dass die beiden Stimmen sich im Klang gut mischen, verstärkt den positiven Eindruck.

Großartig sind Sarah Conollys überaus präzise artikulierende Brangäne und der betont warm-lyrische Kurwenal Michael Nagys. Solide, wenn auch manchmal unnötig forcierend: Stephen Millings Marke. Entsprechend begeistert fällt der Beifall bei der Premiere für das gesamte musikalische Team aus. Die Regie dagegen erwartet ein Buhkonzert. Saht ihr’s doch, Freunde?

Weitere Aufführungen: 22., 25., 28. März. Infos unter http://www.festspielhaus.de
SWR 2-Forum: "Ich fürchte, die Oper wird verboten. Wie gefährlich ist Richard Wagners Tristan und Isolde"? Mit Stephan Mösch (Hochschule f. Musik Karlsruhe), Andreas Geier (Festspielhaus Baden-Baden), Alexander Dick (Badische Zeitung), Ursula Nusser (Leitung). 21. März, 17.05 Uhr, SWR 2.

Autor: Alexander Dick