Für einen Tag zurück auf der Erde

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Sa, 17. Dezember 2016

Theater

Eine schleppende Premiere: Ansi Verwey dirigiert, Alexander Charim inszeniert das Musical "Carousel" am Theater Basel.

"You’ll never walk alone" wird nicht nur beim FC Liverpool vor jedem Heimspiel im Stadion gesungen. Der pathetische Song, der Schmerz artikuliert und von Hoffnung und Gemeinschaft spricht, ist die Fußballhymne schlechthin. Dass das Lied aus dem Musical "Carousel" von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II stammt, wissen nur wenige. Bei der Premiere im Theater Basel erhielt der Text eine besondere Bedeutung, weil der Bariton Stefan Zenkl kurzfristig für den erkrankten Christian Miedl in der Hauptrolle des Karussell-Ausrufers Billy Bigelow einspringen musste. Deshalb ist Zenkl über ein Kabel im Ohr mit der Souffleuse verbunden, die ihm die deutschen Sprechtexte einsagt. Deshalb liest er bei manchen der englischen Songs die Lyrics von einem Zettel ab, was gerade das große Liebesduett "If I loved you" im ersten Akt mit unfreiwilliger Komik begleitet. Aber Stefan Zenkl rettet mit seinem Mut und seiner Konzentration die Premiere, ohne dabei brillieren zu können. Und kann mit seinem runden, warmen Bariton auch musikalisch punkten. Es liegt nicht an ihm, dass der Abend nicht so richtig in Schwung kommt. Das Timing stimmt selten in den Dialogen. Vieles wirkt wie auswendig gelernt. Musikalisch fehlt es der Basel Sinfonietta unter Ansi Verwey an Präzision. Auch szenisch fällt Regisseur Alexander Charim bei dieser Produktion, die alle drei Sparten des Hauses mit einbezieht, zu wenig ein. Es fehlt vor allem eine Idee für das Stück.

Das am 19. April 1945 in New York uraufgeführte Musical hält sich eng an die Vorlage: Franz Molnars Vorstadtlegende "Liliom" aus dem Jahr 1909. Molnars Ringelspiel heißt hier Karussell. Aus der Titelfigur Liliom wird bei Rogers/Hammerstein der Schwerenöter Billy Bigelow, der nach seinem Suizid für einen Tag wieder auf die Erde zurückkommt, um seine damals noch ungeborene, inzwischen sechzehn Jahre alte Tochter Louise zu sehen. Die Handlung ist vom Wiener Prater in ein Hafenstädtchen an der Küste Neuenglands ins Jahr 1873 verlegt. Zum bekannten "Carousel Waltz", mit dem das klassische, symphonisch geprägte Musical beginnt, legen die Arbeiterinnen der Textilfabrik auf der leeren Basler Bühne Hemden zusammen (Chorleitung: Henryk Polus). Schon bald bevölkert sich die Szene auch mit Tänzerinnen und Tänzern des Basler Balletts (Choreographie: Richard Wherlock), ehe ein nüchternes Stahlkarussell doch noch Rummelplatzatmosphäre zu schaffen versucht (Bühne: Stefan Mayer, Kostüme: Ivan Bazak).

Hier träumt Carrie Pipperidge (mit leichtem Mezzo: Maren Favela) von einer bürgerlichen Zukunft mit Kindern, Vorgarten und ihrem schön spießigen Gatten Enoch Snow (hell timbriert: Nathan Haller). Hier verliebt sich Julie Jordan (fokussiert, aber nicht immer ganz intonationsrein: Bryony Dwyer) in den Frauenhelden Billy, der von dem zurückhaltenden, zerbrechlichen Mädchen angezogen ist.

Die Basel Sinfonietta begleitet die Hoffnungen und Ängste der Protagonisten mit sanften Streichern und berührenden Holzbläsersoli. Insgesamt verschwimmen leider zu häufig die musikalischen Konturen. Anfänge und Schlüsse von Phrasen sind nicht zusammen. Es wird zu wenig artikuliert. Auch die Balance ist unter der Dirigentin Ansi Verwey problematisch; besonders die Trompeten stechen unangenehm heraus. Es liegt neben der betulichen Regie also auch an der Musik, dass der Abend schleppt und selbst in den wenigen schnellen Nummern kaum Fahrt aufnimmt. Die Opernlegende Cheryl Studer (als Wirtin Nettie Fowler) und der Basler Dauerbrenner Andrew Murphy in der Rolle des Kriminellen Jigger Craigin tun mit ihrer Bühnenpräsenz dem Abend gut. Auch wenn die Schauspieler agieren, gewinnt die dahinplätschernde Produktion an Tempo und Witz. Besonders Mario Fuchs brilliert unter anderem als Mr. Snows Doppelgänger und arroganter Firmenchef David Bascombe. Myriam Schröder gibt die Karussellbesitzerin Mrs. Mullin eine Spur zu extrovertiert, Thomas Reisinger gefällt durch seine Wandelbarkeit. Und Anne Sauvageot berührt als verunsicherte Tochter Louise, die den nervenden Enoch Snow junior (schön schmierig im weißen Anzug: Mario Fuchs) abblitzen lässt. "Du wirst nie alleine gehen", verspricht der pathetische Schlusschor, in den alle mit einstimmen. Nur Billy Bigelow schweigt.

Nächste Vorstellungen: 20./22./28./31. Dez., 2./7./15./30. Jan. http://www.theater-basel.ch