Stück "So ist es" am Freiburger Theater im Marienbad

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Mo, 20. Februar 2017 um 00:00 Uhr

Theater

Lisa Danulats Stück "So ist es" hatte Uraufführung am Freiburger Theater im Marienbad. Im neuen Stück des Freiburger Kinder- und Jugendtheaters herrscht Endzeitstimmung.

Dicke Luft im Kesselhaus des Theaters im Marienbad. So soll es sein. Schließlich herrscht Endzeitstimmung im neuen Stück des Freiburger Kinder- und Jugendtheaters. Wo die dicke Luft herkommt, ist auch schnell klar. Aus der abgewirtschafteten Blechwand an der Bühnenrückseite ragt ein dickes Industrierohr, das regelmäßig Trockennebel speit. Das sind die Abgase, die jede technische Aktivität in einem Büroraum begleiten, der hinter durchsichtigen Plastiklamellen oben in die Blechwand eingelassen ist.

Davor hat Bühnenbildner Bernhard Ott mit viel Liebe zum Detail den verzweifelten Versuch, gegen die Apokalypse anzugärtnern, illustriert: Hochbeete mit mehr totem als lebendigem Gesträuch, eine Schrottwaage, auf der minimalste Wiederbelebungsversuche der Natur in Gramm aufgewogen werden, und daneben eine Laube im abgefuckten Schreberlook des Müllkippenrandghettos. Unter dem Palettendach sieht die nicht verglaste Wand teils aus wie eine von depressiv-lüsternen Bauarbeitern beklebte Spindwand, teils wie Omas Einmachregal nach dem Atomkrieg.

Das Stück funktioniert wie gute Werbung

Damit sind die Räume der beiden Antagonisten von "So ist es", dem eigens für diesen Abend von Autorin Lisa Danulat angefertigten Stück, beschrieben. Im Endzeitbüro lebt der Dermaleinst, im Garten der Apokalypse der Morpheus. Den über der Vernichtung thronenden Marketingtechnokraten gibt Nic Reitzenstein in großer Spiellaune mit der Charmebolzigkeit einer Promenadenmischung aus Tupperwareneinheizer und Gebrauchtwagenhändler. Ilja Baumeier setzt als schrebergärtnernder Apokalyptiker den ökomoralischen Wüstenprediger dagegen. Man merkt schon: Auf der Textebene ist das Stück auf Schwarz-Weiß gebürstet.

So sollte es wohl auch sein. Zur Idee, Danulat mit dem Stück zu beauftragen, hat Regisseurin Nadine Werner die Lektüre des amerikanischen 70er Jahre-Klassikers der ökologischen Kinderverstörung, "Der Lorax" von Dr. Seuss, angeregt. Die Mahnung vor der Selbstvernichtung der Menschheit im Auftrag des Kundenwohls hat eine lange Tradition und ist im Grunde genauso alt wie die industrielle Massenproduktion. Da sich deren Voraus- und Umsetzungen im Lauf der Jahrzehnte immer wieder ändern, ohne das Grundproblem zu lösen, ist sicher auch eine Aktualisierung des Lamentos darüber legitim.

Stand beim Lorax noch die Profitgier des skrupellosen Kapitalisten im Vordergrund, ist es bei Danulat eher der rauschhafte Selbstbetrug des Konsumjunkies: Menschen? Kinder?, rätselt der Dermaleinst. Kunden, kleine Kunden, hilft ihm Morpheus auf die Sprünge. Tiere? Gibt’s nicht mehr, außer als Präparate, die der Dermaleinst vor die Webcam hält, wenn er sich an seine Kunden wendet. Oder in Jens Dreskes schön auf Retro gestylten Produktwerbe-Animationen.

Apropos Retro – warum sehen eigentlich Endzeitszenarien oft aus wie eine Mischung aus spätfuturistischer Ostblock-Science-Fiction und realsozialistischer Elendsverwaltung? Ist das so etwas wie die szenographische Anwendung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik auf die menschliche Zivilisation, die sich im Laufe ihrer Existenz zwangsläufig immer mehr dem entropischen Zustand des hilflosen Herumwurstelns in einer gleichmäßig über den Erdball verteilten Müllhalde annähert? Wenn es mit den blühenden Landschaften aus rebiologisiertem Abfall nicht klappt, bleibt nur die universale, stets wieder in sich zusammenbrechende Second-Hand-Auferstehung aus Müllruinen? Danulats Text neigt zu letzterem. Das Ende ist finster. Dass die Kinder sich nicht verängstigt in die Ecken drücken, sondern der Vorschau auf ihr kommendes Elend wohl eher mit großem Vergnügen folgen werden, liegt zum einen am tollen Bühnenbild – da gibt es viel zu gucken, und mal wirbelt ein Robotor herum, dann flackert wieder ein bisschen Zeichentrick.

Zum andern liegt es am Spiel der Mimen. Reitzenstein und Baumeier bringen das Zukunftselend so locker auf die Bühne, dass man lange Zeit nicht mal merkt, dass der ganze Text gereimt ist. Und letztlich hat Danulat auch genügend Sequenzen eingebaut, die das Bühnengeschehen vergnüglich machen.

Im Grunde funktioniert das Stück wie gute Werbung: Eine schreckliche Botschaft ist so amüsant verpackt, dass wir uns prima damit amüsieren. Und, hey, es funktioniert großartig!

Nächste Aufführungen: Di, Mi, Do, jeweils 11 Uhr, Sa, 25. Februar, 19 Uhr, Freiburg, Theater im Marienbad.