Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

12. November 2016

Im Zeichen der Unendlichkeit

Gauthier Dance begeistert im Burghof mit seinem der Acht gewidmeten Programm "Infinity" / Farbenfrohe Choreographien.

  1. Die „Infinite Sixties“ verschmelzen auf der Bühne zu einem einzigen Lebewesen. Foto: Regina Brocke

Lemurengleiche Finsterlinge und Lichtgestalten, getanzte Seeanemonen und eine Choreografie mit Gesellschaftstanz, hochhackigen Schuhen bei den Damen und mehr als durchscheinender Abendgarderobe bei den Herren: Eric Gauthiers jüngster Besuch im Lörracher Burghof hielt alle Versprechen der vorangegangenen Gastspiele. Farbenfroh, wild und überschäumend wie gewohnt, präsentierte die Compagnie des gebürtigen Kanadiers bei nahezu ausverkauftem Haus einen Bilderbogen aus acht Choreografien von Meistern wie Johan Inger, Hans van Manen oder der mit Gauthier gleichaltrigen Nanine Linning.

Die zum Abschluss servierte schwarze Geburtstagstorte "Black Cake" des Holländers van Manen ist selbst schon bald drei Jahrzehnte alt, ohne Patina angesetzt zu haben. Geschrieben hat sie der langjährige Hauschoreograf am Nederlands Dans Theater NDT anlässlich dessen 30-jährigem Jubiläum 1989. Vom klassischen Gesellschaftstanz mit sichtlicher Ballettaffinität zu Musik von Strawinsky, Janácek, Tschaikowski und anderen entwickelt sich das Stück von der Romanze mit eingefügten Sprüngen, Hebungen und Pirouetten zur Groteske, um schließlich vom rauschenden Fest ins torkelnd berauschte Finale zu kippen. Der Champagner ist vorher zwar nicht in Strömen geflossen, serviert hat ihn dafür der Ballettchef höchstpersönlich.

Werbung


Alles andere als feuchtfröhlich hatte den Auftakt des Abends Nanine Linnings "The Black Painting" gegeben, inspiriert von einem Gemälde des Spaniers Francisco Goya. Scheinbar von innen her leuchtend bewegen sich drei auf Sockeln Ausgelieferte verhalten und wie in sich selbst verschlungen. Um sie kreisen gesichtslos bedrohliche Unwesen mit Schuppenkleid. Sie rücken den Bedrängten zu ihrerseits dunklen Klängen von Arvo Pärt nahe und näher, um sie schließlich ganz zu vertilgen. Die bildgewaltige Schau bezieht sich auf die griechische Mythologie und den Titanen Kronos, der aus Sorge vor Entmachtung seine eigenen Kinder verschlingt. Die Bühne wogt, die Opfer wachsen noch einmal und schälen sich aus dem eigenen Kauern heraus. Alle Gegenwehr hilft ihnen indes nichts. Ein Schauer ergießt sich über den Saal.

In "Floating Flowers", einer Reifrock-Choreografie des Taiwanesen Po-Cheng Tsai, gelingt dem Duo Garazi Perez Oloriz und Maurus Gauthier – die Namensgleichheit mit dem Ensemblechef ist rein zufällig – nach dem groß besetzten Einstieg eine zunächst fröhliche Albernheit. Die zierliche Spanierin wächst darin zu höchst unwahrscheinlicher Größe. Nachdem die Riesenfigur in ihre beiden lebenden Bestandteile zerfallen ist, wird aus dem Spaß ein echter Augenschmaus und eine Aufforderung an die Tänzer, ihr ganzes Können zu zeigen. Der Schwede Johan Inger steuert darauf folgend mit "Now and now", getanzt von den beiden Australiern Anna Süheyla Harms und dem in Lörrach diesmal mit dem größten Applaus verabschiedeten Luke Prunty, einen bewegenden Pas de Deux über eine Lebensbeziehung bei, während das US-amerikanische Choreografenduo Janice Garrett und Charles Moulton das gesamte 15-köpfige Ensemble in "Infinite Sixties" zu einem einzigen, sich herrlich synchron bewegen Lebewesen verbinden.

Kaum ganz ernst gemeint sind dagegen die aberwitzige Jockey-Revue "Conrazoncorazon" des Spaniers Cayetano Soto und das entfernt an die Chippendales erinnernde "PacoPepePluto" des Spaniers Alejandro Cerrudo. "Alte Zachen" schließlich, das fröhlich ausgelassene, Gospel hinterlegte Duett für zwei Tänzer des Israelis Nadav Zelner kam im Urprogramm des 2015 am Ensemblestandort von Gauthier Dance, dem Theaterhaus Stuttgart, nicht vor. "Infinity" stellt gleichwohl weiter die Acht ins Zentrum und mit ihr das Zeichen für Unendlichkeit. Dass die Truppe des tanzenden Tausendsassas das Programm zu ihrem ebenfalls achten Burghofauftritt mitbrachte, ist eine eher zufällige, wenngleich passende Koinzidenz.

Dass im Publikum mehr und mehr auch Profis vom Basler Ballett sitzen, diesmal unter anderem Armando Braswell, der ab Freitag auch wieder im neuen Wherlock-Ballett "Robin Hood" tanzen wird, darf sich der Burghof ins Empfehlungsheft schreiben.

Autor: Annette Mahro