"Katharina, bist du am Amt?"

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mi, 26. Juli 2017

Theater

Der Geist Wieland Wagners und Plácido Domingo als künftiger "Walküre"-Dirigent: Bayreuth am Vorabend des Festspielauftakts.

Verdi auf dem Grünen Hügel? Und Alban Berg? Das klingt auch 141 Jahre nach der Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses nach Unmöglichkeit. Denn Richard Wagner hatte seinen Musentempel, der bis 1973 immerhin im Privatbesitz der Familie war, ausschließlich für sein Werk erbaut. Und so muss auch heute noch der Stiftungsrat, das wichtigste Gremium der Festspiele, dem Festspielleiter die Ausnahmegenehmigung erteilen, die sich über die gemeinsame testamentarische Verfügung des Sohnes, Siegfried, und seiner Frau, Winifred, von 1929 hinwegsetzt: Das Festspielhaus solle "stets den Zwecken, für die es sein Erbauer bestimmt hat, dienstbar gemacht werden, einzig also der festlichen Aufführung der Werke Richard Wagners".

Katharina Wagner, amtierende Festspielleiterin und Urenkelin des Begründers, hat sie erwirkt für den Festakt, mit dem die diesjährigen Festspiele am Vorabend der Eröffnung des 100. Geburtstages ihres Onkels gedenken – Wieland Wagner. Der zusammen mit seinem Bruder Wolfgang 1951 den Weg frei machte für "Neu-Bayreuth", die Nachkriegsfestspiele, die sich ästhetisch fundamental von der braunen Vergangenheit zu lösen suchten. Warum "Otello" und "Wozzeck"? Weil Wieland Wagners Regieinteresse nicht nur den Opern seines Großvaters galt, weil die beiden Frankfurter Inszenierungen aus seinen letzten Lebensjahren 1965 und 1966 wichtige Beiträge für die Entwicklung der Opernregie waren. Wie überhaupt es in diesem Festakt im ausverkauften Festspielhaus immer wieder anklingt: Wieland Wagner, der Regisseur, war der zentrale Wegbereiter für das Regietheater der Moderne.

Sir Peter Jonas, der Brite, der in den 1960ern als Student mit dem Zelt nach Bayreuth pilgerte, um das Theater des "Ultrakonzeptionalisten" Wieland Wagner zu erleben, zeichnet beim Festakt in einer sehr eigenwilligen, einen großen Bogen beschreitenden "persönlichen Betrachtung" das vielschichtige Bild des Künstlers und Menschen Wieland. Protegé von Adolf Hitler, des "lieben Onkels Wolf", Familienfreund und Hausgott von Mutter Winifred. Wieland sei einer gewesen, der als Kind "Grausamkeit" als "vertraute Luft" erlebte, und nach seiner "Verwandlung" zum stummen "Selbstzweifler" und Selbsthasser wurde.

Der Abend hat Würde. Nicht nur, weil das Festspielorchester unter dem "Parsifal"-Dirigenten Hartmut Haenchen großartig musiziert, weil Claudia Mahnke eine hinreißend sensible "Wozzeck"-Marie singt, Camilla Nylund und Stephen Gould die Katastrophe von Verdis Desdemona und Otello so berührend interpretieren, sondern weil die Dissonanzen der Wagner-Stämme in den Hintergrund rücken. Vielleicht ist er tatsächlich in diesem symbolträchtigen Theater verborgen, der Geist Wielands, den sein Sohn Wolf-Siegfried in seiner kurzen Ansprache herausfordert. Und vielleicht ist seine frei nach "Parsifal" formulierte Frage an die Festspielleiterin am Ende keine Rhetorik oder gar Ironie: "Katharina – bist du am Amt?"

Sie ist es, verkündet beim Presseempfang zuvor, dass 2018 in der "Lohengrin"-Neuinszenierung von Yuval Sharon Roberto Alagna die Titelpartie und Anja Harteros die Elsa singen werden. Damit begegnet sie Gerüchten, die Anna Netrebkos Bayreuth-Debüt vorhersagten. Hügel-legende Waltraud Meier wird zurückkehren, als Ortrud. Und en passant erfährt man, dass 2019 Semyon Bychkov den "Parsifal" dirigieren werde und es, im "Ring"-freien Jahr, noch drei Mal "Die Walküre" in Frank Castorfs Inszenierung gibt. Am Pult: Plácido Domingo – der legendäre Tenor, der so gern Dirigent sein will. Nachtrag: Domingo war auch ein großartiger Otello. Und dass diese Musik, wie auch jene Alban Bergs, im Festspielhaus so großartig klingt, könnte einen auf ketzerische, testamentswidrige Gedanken bringen. Vielleicht wäre das ein "Amt" für Katharina Wagner, über eine Erweiterung des Spielplans im Festspielhaus nachzudenken.