Werkraum Theater Freiburg

Mut, Kraft und Professionalität: "Die Krone an meiner Wand"

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Mo, 18. Dezember 2017 um 22:00 Uhr

Theater

Kreuz und quer laufen sie mit Tunnelblick, bis eine stehen bleibt und sich um dieses Zentrum blitzschnell ein Kollektiv formiert: Jede der 24 Frauen legt ihren Mittänzerinnen eine Hand auf die Schulter.

Wie aus einem Mund atmen sie tief zusammen aus, werden zu einem tönenden Organismus mit vielen Gliedern, der sanft wie ein Getreidefeld im Wind zu wogen beginnt. Ein Kraftritual, sehr konzentriert und mit viel Gefühl und Aufmerksamkeit zelebriert. Es gibt viele solcher starker Momente im Tanz- und Theaterprojekt "Die Krone an meiner Wand", das jetzt im Werkraum des Theaters Freiburg Premiere feierte (Regie und Choreografie: Gary Joplin, Monica Gillette).

Krebs ist unsichtbar, existenziell und in unserer Gesellschaft noch immer ein Tabu. Alle Akteurinnen zwischen 17 und 74 Jahren haben Erfahrungen mit dieser Krankheit gemacht, am eigenen Leib, als Freundin oder Angehörige. "Das Krasseste ist der Einstieg – zu sagen, ich habe Krebs", erzählt eine in den von Benedikt Grubel parallel gedrehten Interview-Videos, die als thematische Klammer zwischen den Tanzsequenzen an die Wand projiziert werden: Es sind sehr persönliche Erfahrungen mit Diagnose, Reaktionen und der Erkenntnis von Endlichkeit, die hier geteilt werden. Und weil es jeden und jede treffen kann, führen die Tänzerinnen immer wieder einzelne Zuschauer zu den Podesten auf der Bühne: Da sitzen sie dann mitten im Geschehen...

Sich stützen, schützen, bergen oder auf Händen tragen – in exakt getanzten Gruppenchoreografien mit perfektem Timing werden diese Bilder konkret umgesetzt. Sehr dynamisch und geschmeidig entwickeln sich so aus individuellen Bewegungssprachen Loops und immer wieder Gleichzeitigkeit. In einem Moment verschmelzen die Tänzerinnen zum homogenen Verband, im nächsten lösen sie sich wieder davon und finden sich neu in anderen Formationen. Im Kontext mit Videos und Texten entwickelt sich so ein Kaleidoskop unterschiedlichster Gefühle und für das Publikum eine intensive Assoziationsreise: Man sieht Schmerz, Trauer und das Ringen um Körperbewusstsein, aber auch wilde Lebenslust und stille Freude.

Es ist nicht nur die große Offenheit und Durchlässigkeit, die beeindruckt, sondern auch die tänzerische Qualität, die hier seit März erarbeitet wurde. Berührend ist dieser Abend, Betroffenheitskultur im üblichen Sinne aber trotz Tränen nicht – vielmehr wird hier mit Mut und Kraft, Sinnlichkeit und Solidarität ein Tabu in viele Facetten aufgebrochen.

Weitere Aufführungen: Am 21.12. sowie am 13., 25. und 27. Januar, am 1. und 4.2., am 2., 4. und 17.3. im Werkraum, Theater Freiburg, jeweils um 19 Uhr. Karten an der Theaterkasse oder unter Tel. 0761/2012853, theaterkasse@theater.freiburg.de