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13. November 2017

"Na, dann fluten Sie mal!"

Gelassenheit statt Angst: Jess Jochimsens neues Programm.

  1. „Früher ist rum“: Jess Jochimsen im Freiburger Vorderhaus Foto: Wolfgang Grabherr

Am schönsten ist der Abend davor, der Abend vor einem großen Fest. Wenn kurzzeitig alle Erwartungen schweigen, man ganz im Moment lebt: In diesem gelassenen Zwischenraum kann sich Glück einstellen. Diesen Zwischenraum erkundet Jess Jochimsen in seinem neuen Programm "Heute wegen gestern geschlossen", das er am Wochenende im Vorderhaus Freiburg vorstellte. Aus guten Gründen, hatte Jochimsen angekündigt, sei sein Programm sehr politisch geraten. Wohl aus denselben Gründen ist es auch melancholisch geraten, aber nicht minder mitreißend.

Der Ausgang der Bundestagswahl und die unsichere weltpolitische Lage sind Jochimsen auf den Magen geschlagen – ihm stoßen sowohl deutsche Wähler als auch die internationale Politelite sauer auf. Selbst Georg W. Bush kommt vor; er sei schon zur Obsession geworden, gesteht Jochimsen. Gegen die allgemeine Hysterie, gegen die urdeutsche Angst, von einer Flüchtlingsflut weggerissen zu werden, verordnet er Gelassenheit. Eine Million Flüchtlinge? Auf das Publikum im vollbesetzten Vorderhaus heruntergerechnet seien das gerade mal drei Zuschauer in der ersten Reihe. "Na, dann fluten Sie mal!" Gegen Angst, weiß Jochimsen mit Kurt Tucholsky, hilft am besten Mathematik. Dennoch geht die Angst bis in den engsten Bekanntenkreis, verschließen sich gerade diejenigen, die auf ihre Offenheit stolz sind. Aus allen Schichten und Altersklassen werden sie plötzlich zu verstockten alten Männern, die sich vor Veränderung fürchten und alles wieder so haben wollen, wie es früher einmal war. Für sie hat Jochimsen eine Botschaft: "Früher ist rum."

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Über diesem ernsten Grundton reiht Jochimsen Pointe an Pointe, mal hintergründig, mal zotig – wobei er die Zuschauer umso mehr einbindet, je flacher die Witze sind. Fühlt euch nicht überlegen, ist die Botschaft: Der Wutbürger steckt auch in euch! Als er das Publikum einlädt, einmal für fünf Minuten die Schranken fallen zu lassen und alles rauszulassen, was an politisch Inkorrektem in einem schlummert, fängt man unwillkürlich an, unruhig auf seinem Stuhl herumzurutschen. Glücklicherweise fängt der Kabarettist jede Entgleisung mit einer beruhigenden Melodie auf dem Xylophon auf. Manchmal kontrastieren die sanften Klänge auch mit der Schärfe des Textes.

Zwischendrin spielt Jochimsen Songs auf Ziehharmonika und Gitarre, in zwei Blöcken zeigt er Dias, die sich mit ihrem melancholischen, liebevollen Blick auf die Welt gut in das Programm einfügen. Nach gut zwei Stunden, in denen fast ununterbrochen gelacht, aber auch nachgedacht werden konnte, verlagert Jochimsen den Abend an die Bar, dorthin, wo er begonnen hatte. Als Botschaft bleibt: Lieber zusammen einen heben, als sich voreinander zu fürchten. Und wenn morgen dann wegen heute geschlossen bleibt, haben wir einen Grund, uns auf übermorgen zu freuen.

Autor: Manuel Fritsch