Nichts bleibt, wie es ist

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Sa, 06. Mai 2017

Theater

Die Tänzerin Emi Miyoshi und der Künstler Jürgen Oschwald begeben sich im E-Werk "In My Room".

Draußen ist es ziemlich laut. Der Dauer-lärm des Autobahnzubringers dringt ins Innere der Kammerbühne des Freiburger E-Werks. Die Tür hinten ins Treppenhaus steht auch halb offen. Ziemlich ungemütlich ist es am Beginn von "In My Room", einer Mischung aus Tanz, Installation und Performance des Shibui Kollektivs 2017. Hinter dem Namen verbergen sich die Tänzerin und Choreographin Emi Miyoshi, der Künstler Jürgen Oschwald und der elektronische Musiker Ephraim Wegner. Diese drei sieht man auf der Bühne. Die störrischen wilden Klänge der Akkordeonistin Annette Rießner hört man später über den PC.

Die Bühne, das will die Öffnung von Fenster und Tür wohl sagen, ist bei dieser Performance kein abgeschlossener ästhetischer Raum. Hier gibt es jede Menge Durchzug. Hier wird geschuftet, bis das T-Shirt feucht von Schweiß ist. Hier wird ständig auf- und wieder abgebaut. Nichts bleibt, wie es ist, alles ist in einem ständigen kreativen Prozess. Dessen Protagonisten könnten von der äußeren Erscheinung her unterschiedlicher nicht sein. Jürgen Oschwald ist ein großer, kräftiger Mann, der pausenlos in Aktion ist: Erst spannt er Seile durch den Raum, dann macht er sich an großen, seitlich angelehnten Platten zu schaffen, drei davon bestehen aus leichtem Material, die anderen drei aus Holz. Es gibt noch kleinere Platten, die Oschwald in einer geometrischen Anordnung auf den Boden legt und mit gelbem und grünem Klebeband einfasst. Zwei wuchtige Holzblöcke lassen sich nur mühsam bewegen, während fingerdünne Holzstifte von jedem leichten Windstoß umgepustet werden könnten.

Emi Miyoshi ist eine kleine, zarte Frau, zwei Köpfe kleiner als der Künstler. Sie muss mit seinem Gestaltungs- und Möblierungstrieb irgendwie fertig werden. Wem gehört der Raum? Wer füllt ihn mehr aus – die Installation oder der Tanz? Emi Miyoshi wuselt sich hinein in die ständig veränderte Anordnung. Kriecht zwischen die Seile, lässt sich von Oschwald eine, zwei, drei Platten aufbürden, balanciert sie in der Hocke, bis sie das Gleichgewicht verliert. Zunehmend geraten die Tänzerin und der Künstler in Interaktion. Bei den schweren Platten kommt es zu spannungsreichen equilibristischen Akten. Für Miyoshi kann die Platte dabei auch zur Tanzfläche werden, während Oschwald Schwerarbeit leistet, sie zu halten – eine, zwei Minuten lang, bis die temporäre bewegte Skulptur sich wieder auflöst.

Den beiden dabei zuzusehen, wie sie vorübergehende Momente einer Verbindung von Material und Körper schaffen, ist äußerst kurzweilig und anregend. Nie weiß man, was im nächsten Augenblick geschehen wird. Während die Geräusche sich anfangs auf das monotone Motorensurren von draußen beschränken, lässt Wegner im Lauf der 75 Minuten seine eigenen produzierten Geräusche und Klänge immer stärker werden – bis die akustische Kulisse tumultuarisch anschwillt.

Die vielen kleinen Begegnungen zwischen dem Material- und der Bewegungskünstlerin, dem Stofflichen und dem Flüchtigen wirken wie improvisiert – so leicht und so spielerisch reagieren beide aufeinander. Dass sie nicht zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne stehen, trägt zu diesem Eindruck sicher bei. Die aus der seit 2016 bestehenden Zusammenarbeit hervorgegangene Performance "Morinonaka" wurde im Oktober mit dem Tanz- und Theaterpreis der Stadt Stuttgart und des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Allein dafür, dass hier zwei sich aufeinander einlassen, die in verschiedenen Sparten arbeiten, gebührt Jürgen Oschwald und Emi Miyoshi höchster Respekt. Solche kreativen Experimente passen zudem haarfein in dieses Haus, das ein Ort für alle Künste sein will. Übergreifend.

Weitere Aufführungen: 6., 11. und 12. Mai, 20.30 Uhr, E-Werk, Kammerbühne. http://www.emimiyoshi.de