Nur kein schlechtes Gewissen

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Mo, 03. Dezember 2018

Theater

Hans Poeschl inszeniert "Benefiz – Jeder rettete einen Afrikaner" am Wallgraben-Theater.

Tue Gutes und rede darüber. So verstehen die zwei Frauen und drei Männer, die namenlos bleiben in dem am Wallgraben-Theater von Hans Poeschl inszenierten Stück "Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner", ihren selbstgewählten Auftrag. Die in bester Absicht Handelnden organisieren eine Wohltätigkeitsveranstaltung für eine Schule in Westafrika – aber bei der Probe für den Abend stellt sich heraus, dass es unterschiedliche Meinungen darüber gibt, wie man denn genau Gutes tut und wer wie (lange) darüber reden darf.

Der Spagat ist heikel: Alle wollen politisch korrekt sein. Alle bemühen sich um Authentizität. Aber da geht’s schon los – braucht es dann nicht zwingend eine Schwarze auf dem Podium? Nein, man würde die dafür Ausersehene doch vorführen! Einige wollen vor allem sich selber in gutem Licht erscheinen lassen. Andere plädieren dafür, das Misstrauen den Motiven der anderen gegenüber zu zähmen. Und haben alle die eigene Emotionalität im Griff? Schnell schnappt die Betroffenheitsfalle zu – sehr zum Vergnügen des Publikums, denn die Autorin Ingrid Lausund hat "Benefiz" in viel schwarzen Humor und bissige Satire verpackt.

Ein bestens aufgelegtes Ensemble verkörpert auf der Kellerbühne, die mit einer Leiter, einem Podest und einem Diaprojektor Probenatmosphäre spiegelt, die unterschiedlichen Typen, von der die zweistündige Komödie lebt: Sybille Denker ist in Lederhose und signalrotem Pulli die selbsternannte Moderatorin des Abends – effizient und unfehlbar! Natalia Herrera ist der Typ Gutmensch in reinster Form: Ihre echten Tränen sind so großartig wie ihr Satz: "Ich find’s ganz schlimm, was Du sagst..." ! Fabian Guggisberg macht mit, weil’s Spaß macht – drum hat er wohl auch einen peinlichen deutschen Schlager schnell mal ins "Afrikanische" übersetzt. Stefan Müller-Doriat ist so bemüht das Richtige zu tun, dass er ernsthaft beginnt, abzuwägen: Wer ist schlimmer dran, ein Mädchen ohne Arme oder ein Junge ohne Eltern? Oder kann er es sich womöglich leisten, beiden afrikanischen Kindern eine "Komplettversorgung", also 25 Euro im Monat, zukommen zu lassen? Christian Theil schließlich hat sich ganz viel Gedanken gemacht – und ist zu dem Schluss gekommen, dass er den Leuten, die übers Spenden nachdenken, auf keinen Fall ein schlechtes Gewissen machen will.

Ist das Stück, 2009 im Schauspielhaus Salzburg uraufgeführt, bis zur Pause von viel Aktionismus geprägt – inklusive einer an loriot’schen Humor erinnernden Szene mit einem Diavortrag, bei dem es keine Bilder gibt – so wird es nach der Pause dialoglastiger. Aber auch eindringlicher, packender. Die Beiläufigkeit, mit der die Darstellerinnen und Darsteller aus dem Bühnenraum auf die Bühne gehen, signalisiert: Die da oben auf der Bühne sind so wie wir hier unten im Zuschauerraum. Allen humorigen Zuspitzungen zum Trotz haben sich bis zu diesem Zeitpunkt bestimmt schon viele Theaterbesucher Gedanken über die eigene Spendenbereitschaft gemacht, über die eigene Motivation, das eigene Vermeidungsverhalten, den eigenen Zynismus ...

Lausund hat einen doppelten Boden in ihr Stück gebaut: Immer wieder erinnern die Fünf auf der Bühne daran, dass sie ja nur für eine Veranstaltung üben. Selbst das flammende Plädoyer von Stefan Müller-Doriat, der sein Handeln auf christliche Nächstenliebe gründet und an die Verantwortung aller für eine Welt erinnert, endet mit dem Eingeständnis an die anderen Engagierten: "Am Ende ging mir fast die Wut aus." Spätestens jetzt muss sich jeder entscheiden: Mitmachen oder nicht. Geldbörse zücken oder nicht. Denn die Schule, von der hier die Rede ist, gibt es tatsächlich. Sie liegt in Guinea-Bissau, einem der kleinsten und ärmsten Länder der Erde, an der Küste Westafrikas. Die Spendenbox steht im Foyer. So hat es Ingrid Lausund verfügt. Im Wallgraben-Theater ist man gespannt, wie viel Geld zusammenkommt. Großer Applaus für einen vergnüglich-nachdenklichen Abend!

Weitere Vorstellungen ab 4. Dezember bis 6. Januar. http://www.wallgraben-theater.com