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13. September 2017 07:54 Uhr

Freiburg

Peter Carp präsentiert Erscheinungsbild des Theaters

Peter Carp will seiner Intendanz von Anfang an eine eigenständige Handschrift geben. Wird sie prägend sein fürs Theater Freiburg? Zumindest das künstlerische Personal wurde größtenteils erneuert.

  1. Vier Hefte – ein Konzept: So stellt sich das Theater Freiburg in seinen Publikationen zur neuen Spielzeit vor. Foto: theater

Die vier Publikationen aneinandergereiht ergeben eine kleine Bibliothek: eine neue Spielzeit, durchdekliniert nach Sparten – Tanz, Konzert, Junges Theater. Und subsumiert im dicksten der vier Bände mit einem schlichten, in Versalien verfassten schwarzen Schriftzug auf schneeweißer Titelseite: Theater Freiburg.

Freilich – es ist nicht irgendeine Saison, die bevorsteht, sondern die erste: die erste unter der Ägide des neuen Intendanten und seiner Mannschaft. Seit vergangener Woche hat das Team um den vom Theater Oberhausen kommenden Peter Carp das Haus am Rotteckring bezogen. Kein Routineakt. Denn nahezu das gesamte künstlerische Personal ist neu, zumal auch in der Führungsriege. In der Theaterlandschaft ist ein solcher Vorgang gleichwohl nicht ungewöhnlich – im Unterschied zu Wirtschaftskonzernen leben künstlerische Unternehmen vom kompletten Wechsel, er kann Motor künstlerischer Interaktion sein.

Peter Carp will seiner Intendanz von Anfang an eine eigenständige Handschrift geben. Dazu gehört auch der optische Auftritt: die – Fachjargon – Corporate Identity, die das Erscheinungsbild, den Auftritt des Theaters künftig kennzeichnet. Pressesprecher Tim Lucas beschreibt das "strategische Narrativ", das die Berliner Agentur Waald in Zusammenarbeit mit der neuen Intendanz entwickelt hat und das die künftige "Kommunikationslinie" prägt: klare, schlichte Präsentationen, eigene Farben für jede Sparte – und Menschen. Ganzseitige Künstlerporträts in Schwarzweiß durchziehen die 142 Seiten starke Hauptpublikation – denn Theater werde von Menschen für Menschen gemacht, wie Intendant Carp oft betont. Gestärkt werden soll auch der internationale Aspekt des Theaters in einer Universitätsstadt: So findet sich zu allen Stückbeschreibungen auch eine Kurzversion auf Englisch.

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Auch die neue Theater-Homepage, die in dieser Woche online gehen soll, übernimmt die Ästhetik der Printpublikationen. Übersichtlichkeit sei ein wichtiges Kriterium – und Praktikabilität. Und: Der Internet-Auftritt versteht sich als eine Art Work-in-Progress. Stück um Stück werden Informationen hinzukommen. So sollen die Details zu allen Produktionen nach und nach mit Fotos davon angereichert werden; oder mit Pressetexten und -kritiken dazu. Peter Carp sagt, er wolle auch die Menschen, die das Theater künftig prägen werden, in Bildern an der Fassade des Theaters zeigen – ein Unterfangen, das gleichwohl zu Interessenskonflikten mit dem Denkmalschutz führe. Er hofft auf gute Gespräche – "hier finden ja nicht Theorieseminare statt". In dem Zusammenhang verteidigt der Intendant nochmals seine kontrovers diskutierte Entscheidung, den Schriftzug "Heart of the City" vom Dach des Theaters zu entfernen. "Wir nehmen das nicht weg, weil wir das blöd finden." Sondern weil es so extrem für die Arbeit seiner Vorgängerin Barbara Mundel stehe. Das sei vielmehr als Geste des Respekts davor zu verstehen.

Anstelle des Schriftzuges wird sich zur Eröffnung der Spielzeit ab dem 20. Oktober eine Antenne auf dem Theaterdach finden. Sie gehört zu der Installation "Rund-Funk-Empfangs-Saal" des Künstlers und Komponisten Jan-Peter E.R. Sonntag im Winterer-Foyer am Premierenwochenende. "Die Idee des Radios wird umgedreht", beschreibt der Künstler sein Projekt im Programmheft: "Das musikalische Signal sind die Signale des uns umgebenden elektromagnetischen Raums und das Theater Freiburg wird zu ihrem Empfänger". Carp charakterisiert diese Installation als "multiperspektivischen Weltempfänger", der symbolhaft für die Arbeit des Theaters stehe: ein Medium, das vielfache Signale von außen aufnimmt – und nach außen sendet.

Programmatisch sei in einem sehr internationalen Sinne das gesamte Eröffnungswochenende, unterstreicht Chefdramaturg Rüdiger Bering. Mit Tschechows "Kirschgarten" in der Inszenierung des iranischen Regisseurs Amir Reza Koohestani, eines "sehr genauen Beobachters", der eine "stille und leise Aufführung" verspreche; mit der Uraufführung von Mpumelelo Paul Grootbooms "Crudeland", in dem der südafrikanische Theatermacher sich mit der Verstrickung von Öl-Multi-Konzernen in Geschäfte mit einer korrupten Diktatur auseinandersetzt – festgemacht am Fall des nigerianischen Schriftstellers und Menschenrechtlers Ken Saro-Wiwa; mit dem Tanztheater "We’re pretty fuckin’ far from okay" der belgischen Choreographin Lisbeth Gruwez; und mit Jacques Offenbachs finaler Oper "Hoffmanns Erzählungen". Die beiden unter dem Signet Le Lab firmierenden französischen Theatermacher Clarac-Deloeuil, so Musiktheaterdramaturgin Tatjana Beyer, begriffen Oper als politische Kunst und wollen in ihrer Inszenierung des Dramas um die gescheiterten Lieben E.T.A. Hoffmanns die Frage stellen: "Warum Dichtung in dürftiger Zeit?"

Dass die Spielzeit erst Ende der dritten Oktoberwoche beginnt, ist, wie die Kaufmännische Direktorin Tessa Beecken ausführt, den besonderen Umständen geschuldet. Durch eine dichtere Terminierung habe man Einnahmeausfällen entgegenwirken können. Nun warten alle auf den Zauber des Anfangs – der Karten-Vorverkauf hat begonnen.

Autor: Alexander Dick