Schlampe in der Reality Soap

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 05. Dezember 2017

Theater

Peter Konwitschny und Alejo Pérez suchen Cherubinis "Medea" in Stuttgart neu zu entdecken.

In ihrer Unausweichlichkeit – Vorhersehbarkeit der Dinge – sind sich antike Tragödie und modernes Regietheater nicht so unähnlich. Wir befinden uns in Peter Konwitschnys Stuttgarter Inszenierung von Luigi Cherubinis selten gespielter Oper "Médée" (Medea). Und da hängt von Anfang an dieses Messer an der schmuddeligen Fliesenwand einer noch schmuddeligeren, billigen großen Küche. Und wir ahnen es: Irgendwann wird es die Titelheldin in ihrem Racherausch von der Wand reißen und...

In François-Benoît Hoffmans Libretto (nach Euripides und Corneille) tötet sie mit dem Dolch ihre eigenen Kinder, um dann als Racheengel auf einem Drachenwagen gen Himmel zu entschweben. In der Gegenwart sehen Fanale anders aus. Bei Peter Konwitschny bleibt Medea beim Zaudern, ob sie ihre eigenen Kinder ermorden soll. Das übernimmt dann der entfesselte Mob, die Gesellschaft am Hofe König Kreons, und stürzt sich auch auf die – verhinderte – Rächerin. Wir dürfen nicht vergessen: Medea, die einst Iason half, das Goldene Vlies zu rauben und von ihm verlassen wurde, ist, wie er auch, eine Fremde, Flüchtende. Bei Euripides beginnt die Tragödie gar mit der Ausweisung Medeas durch Kreon aus Korinth und ihrer Bitte um einen Tag Aufschub. Peter Konwitschny fordert dagegen im guten Brechtischen Sinne: "Es müsste eine Gesellschaft geschaffen werden, die in der Lage ist, solche großartigen Frauen zu integrieren, statt sie zu liquidieren."

Episches Theater also. Liegt auch auf der Hand, liegen dessen Wurzeln doch in der antiken Tragödie, in der "Einfühlung" in die Handlung durch den Chor, an dessen Stelle Konwitschny das Publikum setzt. Mehrfach geht das Licht an im Zuschauerraum der Württembergischen Staatsoper, etwa wenn Iason an die Adresse Medeas singt: "Unser Glück ging dahin."

Will heißen: Das ist keine Sache, die nur die beiden angeht. Wir alle, so der erhobene Zeigefinger des Regisseurs, tragen Schuld daran, dass die Ehe von Medea und Iason in die Brüche ging, dass dieser also sein Glück bei einer anderen sucht, die, na ja, rein zufällig die Tochter des Königs von Korinth ist. Wir, die wir aus diesem Planeten einen fortwährend weniger lebenswerten Ort machen.

Die Flut der Müllsäcke

Was jedenfalls Johannes Leiackers Kostüme und Bühne signalisieren. Der Bühnenprospekt ganz zu Beginn signalisiert noch ein anderes – weites – Meer, unverbrauchte Natur. Doch die Flut der Müllsäcke, die wir alsbald davor entdecken, holt uns schnell zurück in die Gegenwart, die bei Peter Konwitschny klar eine Allgegenwart des Mythos ist.

Das klingt alles plausibel, logisch, nachvollziehbar. In der Realisation aber scheitert diese Inszenierung an ihrem eigenen Anspruch. Vor 40 Jahren wäre Konwitschnys Lesart noch ein Aufreger gewesen, heute wirkt sie wie eine Karikatur, eine Reality Soap, in der die Heldin wie eine Schlampe im Gothic-Stil daherkommt. In der der Korintherkönig zum Mafiaboss und sein Schwiegersohn Iason in weißer Kapitänsuniform zum lächerlichen Operettenhelden mutieren.

Brutale Männerwelt: Man kämpft, man protzt, man säuft, und man sucht auch nach Befriedigungen. Den Aufschub, einen Tag bleiben zu dürfen, gewährt Kreon der dann vor ihm knienden Medea nur für eine in dieser Position naheliegende Gegenleistung...

Mag sein, dass das die Realität ist. Aber ein Altmeister des Regiehandwerks wie der 72-jährige Konwitschny sollte eigentlich wissen, dass deren vorbehaltloses Abbilden auf der Bühne nichts mit Theater zu tun hat. Das einzige, was damit erreicht wird, ist die Zertrümmerung des antiken Mythos. Das gelingt übrigens noch aus einem weiteren Grund. In der Tradition eines Walter Felsenstein lässt Konwitschny diese "Medea" in deutscher Sprache spielen. Mit einer eigenen Dialogfassung und einer Neuübersetzung der Gesangsnummern von Bettina Bartz und Werner Hintze. Die die Regie dann auch noch auf Übertiteln einblendet...

Mit der Sprache einer über 220 Jahre alten Musik korreliert der Text leider nur sehr wenig. Dabei hat diese große Reize, zeigt vor allem Cherubinis Einfluss auf die Musiktheaterwelt seiner Zeit – von Beethoven bis Lortzing. Bei Alejo Pérez und dem Württembergischen Staatsorchester wird sie in den zarten Passagen manchmal etwas zu spröde behandelt, wirkt dafür umso transparenter. Fantastisch ist die orchestrale Wirkung gerade im dritten Akt bei der Introduktion und der finalen, hochdramatischen Sturmmusik.

Exzellent auch die Sololeistungen, etwa bei den Kontrabässen oder beim Fagott in Neris’ großer Arie im zweiten Akt, die von Helene Schneiderman mit dramatischer Emphase gesungen wird. Cornelia Ptassek gelingt mit der Titelpartie eine über weite Strecken elektrisierende, vitale Interpretation, mit großer Präsenz in den hohen Lagen, mit einer Konzentration, die leider im dritten Akt ein wenig nachlässt. Sebastian Kohlhepps jugendlich-frischer Tenor verleiht dem Iason große Glaubwürdigkeit. Dagegen hat der Kreon mit Sigeo Ishinos Bariton zu wenig virile Präsenz. Josefin Feilers Kreusa (in der französischen Fassung heißt sie Dircé) klingt kraftvoll hell, manchmal leicht schrill. Der Schlussbeifall am Ende ist etwas geschäftsmäßig. Peter Konwitschny hat Luigi Cherubinis klassizistisches Meisterwerk nicht neu erwecken können.

Weitere Aufführungen: 27. Dez., 8., 15., 31. Jan., 3.Februar. Info: Tel. 0711/202090.
http://www.oper-stuttgart.de/medea