Tanz der Verschleierungen

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 24. November 2015

Theater

In Kirill Serebrennikovs Stuttgarter "Salome"-Inszenierung hat der Islamismus die Oper erreicht.

Salome tanzt nicht. Den Gipfel der Verruchtheit, so wie ihn Richard Strauss in seinem 1905 uraufgeführten Musikdrama über die Prinzessin aus Judäa als orientalisch-bürgerlichen "Tanz der sieben Schleier" komponierte – sie ignoriert ihn. Sitzt stattdessen im peinlichen Tutu-Outfit mit Schmetterlingsflügelchen da und sieht zu, wie halbnackte Männer und Frauen ihre Körper im exotischen Walzerintermezzo wiegen, während die Szene immer mehr überlagert wird von eingeblendeten arabischen Schriftzeichen und Texten. Keine Entschleierung ist das, wie es die "Salome"-Dramaturgie vorsieht, sondern eine Verschleierung – durch eine islamistische Ideologie. Verhüllt ist auch die Frau im schwarzen Niqab, die die Entourage begleitet hat. Eindeutiger könnte die Ikonographie nicht sein.

Rund eine Woche nach den Pariser Anschlägen des IS und dem seither fortgesetzten Klima der Angst und Verunsicherung wirkt diese "Salome"-Neuinszenierung an der Stuttgarter Staatsoper wie ein Kommentar zu den aktuellen Ereignissen. Ist sie aber nicht. Natürlich entstand das Regiekonzept von Kirill Serebrennikov schon viel früher; umso hellsichtiger muss es jetzt erscheinen – und umso bedrohlicher. Wie harmlos wirkt die Konfrontation zwischen weiblicher Verruchtheit und männlicher Askese im Spiegel der Décadence am Vorabend des Ersten Weltkriegs im Vergleich zum globalen islamistischen Terror der Gegenwart?

Kirill Serebrennikov trifft mit seiner Interpretation in eine große Wunde. Der russische Regisseur, der gerade seine Karriere auf deutschen Bühnen startet, zieht interessante Parallelen. Der von Herodes eingekerkerte Prophet Jochanaan (Johannes der Täufer) ist bei ihm ideologisches Sprachrohr der Vergeltung. Seine apokalyptischen Prophezeiungen ("…und die Könige der Erde werden erzittern") garniert die Regie mit Videos (Ilya Shagalov) von Panzeraufmärschen, Gefechten und IS-Hinrichtungen. Aber auch Fußballmatches und (tonlose) Ansprachen Angela Merkels sind auf den Breaking-News-Monitoren zu sehen, die einen Großteil der modernen Machtarchitektur (Bühne: Pierre Jorge Gonzalez) einnehmen. Die Gesellschaft am Hof des Herodes ist hochtechnisiert. Und zutiefst verunsichert.

Herodes – ein Politiker ohne kategorischen Imperativ

Sicher trifft Serebrennikovs Gleichnis auf die Figur des Herodes am besten zu: ein moderner Politiker mit Machtinstinkt, anfällig für Korruption und Verführung, ohne einen inneren kategorischen Imperativ und darob entscheidungsschwach. So einer ist hilflos gegenüber Ideologen. Wie Jochanaan, den die Regie als Prinzip auf die Bühne stellt. Einmal die Stimme (Iain Paterson singt ihn sotto voce, mit eindringlich flutendem Bariton) – und dann der Körper: ein junger, arabisch anmutender Mann mit Bart (Yasin el Harrouk), der dem Klischee des Fanatikers entspricht. Und der wie solch einer behandelt wird – gebunden, geschunden.

In Strauss‘ "Salome"-Drama (nach Oscar Wilde) entsteht die Magie, die Jochanaan auf die Titelfigur ausübt, durch dessen Verachtung ihr gegenüber. Dieses Motiv nimmt Serebrennikov zwar auf, trotzdem hat seine Salome nichts mit der von Wilde und Strauss zu tun. Sie ist ein Mädchen in Oppositionshaltung zu Mutter Herodias und Stiefvater Herodes, deren westlich-dekadenten Lebensstil sie verachtet. Ihre Springerstiefel und ihre schwarze Reißverschlussjacke stehen für jugendliche Oppositionshaltung, die brutalen Zeichentrickfilme, die sie sich ansieht, für eine latente Orientierungslosigkeit. So eine kann Opfer und Täterin zugleich sein, lautet die traurige Botschaft.

Simone Schneider spielt das nicht nur sehr plastisch, sie überzeugt in ihrem Rollendebüt auch stimmlich: Prachtvoll sinnlich leuchtet ihr Sopran, exzellent unter Kontrolle sind die Höhen; ihr sensibler Mädchenton passt vortrefflich zum Profil. Matthias Klink gibt den Herodes als großartige Studie, kräftig und facettenreich ist sein Tenor. Und auch Claudia Mahnkes Charaktersopran passt ausgezeichnet zur Dekadenz der Herodias-Figur. Zur vokalen Ausgeglichenheit der Produktion bis in die kleinste Partie passt die instrumentale Ekstase. Roland Kluttig führt das Staatsorchester von Höhepunkt zu Höhepunkt. Die Farbenpracht des Orchestermalers Strauss spiegelt sich im Stuttgarter Orchestergraben perfekt wider, gerade weil es dem Coburger Generalmusikdirektor ein ums andere Mal gelingt, die instrumentale Vielschichtigkeit so zu atomisieren, dass man nur so ganz nebenbei wahrnimmt, dass Richard Strauss oft ziemlich laut komponiert hat... Ein betörend-verstörender Beitrag zur Gegenwärtigkeit von Kunst – man sollte ihn sich nicht entgehen lassen.

Weitere Aufführungen: 1., 4., 8., 15.12.; 13., 17., 21., 30.1. http://www.oper-stuttgart.de