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15. Mai 2017

Von Fröschen und anderen Clowns

Jess Jochimsens Jubiläumsprogramm mit Gästen im Freiburger Vorderhaus.

  1. Jess Jochimsen: So kennt man ihn

Er hat schon gewonnen, als er auf die Bühne kommt: Jess Jochimsen, obwohl 1970 in München – der angeblichen Großstadt mit Herz – geboren, ist ein Freiburger der Herzen. Mit tobendem Applaus wird er am Samstagabend begrüßt; kein Wunder, der in Freiburg lebende Kabarettist, Autor und Fotograf nennt das Vorderhaus "meine Heimatbühne". Seit 25 Jahren tritt er hier wie im deutschsprachigen Raum vor Publikum auf, doch mag er anlässlich dieses Jubiläums keine Soloperformance abliefern. "Ich finde es schön, wenn man die Bühne teilt", sagt Jochimsen schlicht – wie schön das in den nächsten zwei Stunden wird, wie lustig, berührend, warmherzig, fetzig, das kann man da noch gar nicht ahnen.

Ein Jubiläum ist stets Anlass, zurückzublicken. Das tut Jochimsen – etwa, indem er seine bayerischen "Hardcore-Hippie-Eltern" Renate und Eberhardt wieder auftauchen lässt, oder seinen Opa, der ein "Nazi, aber ein guter," war, und auf dessen Beerdigung der kleine Jess zum allerersten Mal so viel Cola trinken durfte, wie in ihn hineinging. Auch gibt er zum besten, wie er vor Jahren mit einem selbstgeschriebenen Text in einem Schulbuch landete – und wie stolz ihn diese Auswahl machte. Wiedererweckt hat Jochimsen auch eine Figur, die den Zuschauern die Lachtränen ins Gesicht trieb: den Frosch. Von grünen Bühnenspots angeleuchtet, bläst Jochimsen, auf einem kleinen Tisch hockend, die Backen auf, verdreht die Augen, streckt die Zunge raus. Was er in behäbigem Bayerisch von sich gibt, sind sinnfreie kleine Geschichtchen, wie die vom Froschcousin Heinz, der sich, um jünger auszusehen, nicht vom Kaulquappenschwänzchen trennen mag. Das Publikum genießt es sichtlich, mal so albern sein zu dürfen.

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In Sachen Komik freilich hat der Abend noch weitere Höhepunkte zu bieten – etwa den Auftritt von Robert Blöchl und Roland Penzinger, bekannt als österreichisches Duo Blözinger. Auch diese Herren erzählen kleine absurde Geschichten auf der Bühne, spielen sie mithilfe von Pantomime und sagenhaftem Wortwitz. So sitzen sie in einem Sketch an einem imaginierten Lagerfeuer und überantworten den Flammen Erinnerungen, Fotos, E-Mails und Dessous ihrer Exfreundinnen. Ihre Ausbildung als Clowns sieht man diesen beiden handwerklich perfekten Künstlern an; auf einen ganzen Abend mit ihnen im Dezember im Vorderhaus darf man sich bereits freuen.

Für eine fabelhafte Mischung aus Comedy, Satire und Poetry Slam steht der 31-jährige Schweizer Renato Kaiser, der ebenfalls für zwei Auftritte die Vorderhaus-Bühne enterte. Seine auf den ersten Blick lapidaren Geschichten sind dem absurden Alltag abgeschaut und zugleich ins Allgemeingültige erweitert – etwa die, in der ein Mann beobachtet, wie ein anderer seinen Wagen in eine angeblich zu kleine Parklücke manövriert.

Für einen Moment der Rührung – nicht nur bei Jochimsen – sorgte Regisseur Peter W. Hermanns, der seinem Freund und Bühnenpartner ein Liebeslied sang. Schmissiger, aber auch mit einer Portion Melancholie, geriet der Auftritt des Kölner Musikers Martin Bechler alias Fortuna Ehrenfeld. Sein Erscheinen mit Federboa und einem Glas Rotwein könnte auf eine gewisse Divenhaftigkeit hinweisen, aber seine handgemachte Musik – er sang, begleitete sich mal am Klavier, mal an der Gitarre – ist ohne Schnörkel einfach gut. Zum Schluss standen sieben glückliche Männer auf der Bühne des Vorderhauses – das Publikum erlebte einen Jochimsen’schen Jubiläumsabend der besonderen Art.

Autor: Heidi Ossenberg