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25. Juli 2016

Open-Air-Theater

Bei den Freiburger Rathaushofspielen wird Dürrenmatts "Romulus der Große" gezeigt

Es ist ein Spiel von Hühnern und Helden: Im Innenhof des Freiburger Rathaus zeigt das Wallgraben Theater seit Freitag Dürrenmatts "Romolus der Große".

  1. Amtsmüder Herrscher nebst ehrgeiziger Frau: Romulus (Hans Poeschl) und Julia (Sybille Denker) Foto: duARTE

Romulus ist ein, nun sagen wir, ungewöhnlicher Herrscher. Das römische Imperium hat er 20 Jahre lang von seinem Landsitz aus regiert – oder besser gesagt: nicht regiert. Kriege sind ihm verhasst, Machtspiele macht er nicht mit, Tochter Rea hat er versucht beizubringen, dass die Liebe zu einem Menschen wichtiger ist, als die zu einem Land. Leidenschaftlich züchtet Romulus Hühner, die er nach anderen Herrschern benannt hat und über deren Legetätigkeit er sich akribisch von seinen Kammerdienern Achilles und Pyramis Bericht erstatten lässt. Hans Poeschl ist dieser Romulus bei den diesjährigen Rathaushofspielen des Freiburger Wallgraben Theaters, für die Inszenierung des Stücks von Friedrich Dürrenmatt, 1949 in Basel uraufgeführt, ist Peter W. Hermanns verantwortlich.

Man könnte meinen, Romulus ist einfach nur faul. Oder ein sympathischer Depp. Oder beides. Man könnte meinen, "Romulus der Große" sei nur eine Komödie. Eine gute Komödie, mit feinem Sprachwitz, mit Situationskomik und Hühnern statt Helden. Das aber ist nur die eine Seite. Es gibt auch eine tragische Seite, und eine moralische. Darum auch ist die Wahl des Stücks ein Glücksfall für das Publikum, denn hier wird es bestens unterhalten – und es darf nachdenken, wie denn die Politik ihres Landes, ihres Europas, ihrer Welt sich gerade so gestaltet...

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Das Römische Reich pfeift in dieser, so Dürrenmatt, "ungeschichtlich historischen Komödie" aus dem letzten Loch. Romulus muss die letzten goldenen Blätter aus seinem Lorbeerkranz zupfen, um seine Bediensteten zu bezahlen, der Finanzminister ist mit der leeren Staatskasse geflohen – und die Germanen stehen vor der Tür. "Dann sollen sie hereinkommen", ist Romulus’ lakonischer Kommentar dazu – er hängt weder an seinem Reich noch an seinem Leben.

Aber die anderen hängen an der Macht. Da wären Romulus’ ehrgeizige Frau Julia, seine dem Land gegenüber überaus loyale Tochter Rea, der ängstliche oströmische Kaiser Zeno, Reas Freund Ämilian, der rachedurstig aus der Kriegsgefangenschaft der Germanen zurückkehrt und Romulus' Minister Tullius Rotundus und Mares, die für die "totale Mobilmachung" sind. Während der Kaiser schon das Tafelsilber an den Kunsthändler Apollyon verscherbelt, tritt der Hosenfabrikant Cäsar Rupf als Retter des Reiches auf: Wenn er Prinzessin Rea heiraten darf – und künftig die Hose im Reich obligatorisches Kleidungsstück wird – so macht er genug Geld locker, um das römische Imperium zu retten. Allein: Der Herrscher will nicht. Er will nicht nur nicht gerettet werden, er wollte immer, dass das Reich mit ihm untergeht.

So einem ist nicht beizukommen. Es sei denn durch einen weiteren ebenbürtigen Herrscher. So kommt es, wie es kommen muss: Huhn Odoaker legt ein drittes Ei – schon steht der leibhaftige Germanenführer Odoaker vor der Tür. Aber er will Romulus nicht ermorden, er will ihn nur in Rente schicken – auch der Germane ist ein friedliebender Hühnerzüchter!

Es gibt viel zu lachen in Peter W. Hermanns Version von "Romulus der Große". Er hat Typen auf die Bühne gestellt, die an Karikaturen erinnern – Juliane Hollerbach steckte den Kunsthändler in ein kurzes römisches Kleidchen und Highheels, den Hosenfabrikanten in eine feine Anzugjacke und halblange Feinrippunterhosen – aber er gibt sie nicht der Lächerlichkeit preis. Er hat das von Romulus’ Thron beherrschte schlichte Bühnenbild zu Ende gedacht: Das Freiburger Rathaus wird organisch mit einbezogen und die gezielten Gags, wie das lebendige Huhn in Poeschls Arm oder das stetige Gegackere, wenn eine Figur von der Bühne abgeht, sind absolut stimmig.

Darüber hinaus erlebte das Premierenpublikum (übrigens auf neuen, überaus bequemen Stühlen!) ein super aufgelegtes, neunköpfiges Schauspielensemble: Textsicher, souverän und überaus präsent agieren Hans Poeschl, Sybille Denker, Peter Haug-Lamersdorf, Matthias Happach, Natalia Herrera, Katharina Rauenbusch, Johann Jakoby, Burkhard Wein und Ives Pancera. Ein besonderes Lob gilt dem Letztgenannten. In gleich drei Rollen überzeugt Pancera an diesem Abend besonders: irre komisch als tuntiger Kunsthändler, als überheblich-selbstverliebter und auf Schweizerdeutsch parlierender Hosenfabrikant und schließlich als zur Revolution bereiter Innenminister. Großer Schlussbeifall für einen tollen Freiluft-Theaterabend.

Weitere Termine bis 3. September, je 20.30 Uhr. Informationen über den Spielplan unter mehr.bz/romulus BZ-Kartenservice Tel. 0761/4968888.

Autor: Heidi Ossenberg