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23. April 2013 00:00 Uhr

Bühnenweihfestspiel

Wagner in Freiburg: Hitlerjunge Parsifal

Neues Nachdenken über das Unbehagen an Wagners Bühnenweihfestspiel: Frank Hilbrich inszeniert und Fabrice Bollon dirigiert einen großartigen Abend in Freiburg.

  1. Der reine Tor: Parsifal (Christian Voigt) allein unter Gralsrittern Foto: Korbel

"…aber gerade waren wir noch in der Kirche". Der Einwand, den Nike Wagner in ihrem Essay "Unbehagen am Parsifal" zu Richard Wagners finalem Bühnenwerk formuliert, ist ein zentraler: Da das Theater mit seinen Insignien Kulisse, Kostüm Maske. Dort die Kunst als Religion – das "Bühnenweihfestspiel". Schon des Komponisten Gattungsbezeichnung hat Generationen von Wagnerianern und Wagner-Interpreten zum erbitterten Diskurs über Werk und Weihe herausgefordert.

In Freiburg ist keine Weihe. Nach dem ersten Aufzug brandet statt der üblichen Gottesdienst-Andacht stürmischer Beifall im Stadttheater auf. Nach fünf – wie im Fluge vergangenen – Aufführungsstunden kennt der Jubel keine Grenzen: eine Viertelstunde Applaus, einhellig auch für die Regie. Vielleicht, weil Frank Hilbrich mit seiner sechsten Freiburger Wagner-Regiearbeit etwas ganz Verblüffendes gelingt: Er verleiht dem "Unbehagen" an diesem Werk kollektiven Ausdruck, ohne es zu demontieren. Indem er das Schicksal der Titelfigur verfolgt, wird der Zuschauer selbst zum durch Mitleid Wissenden. Hilbrich erzählt einen szenischen, aber nicht linearen Entwicklungsroman. Denn Parsifal, der tumbe Tor erlebt keine Gesellschaft mit Vorbildcharakter. So verliert auch er seine reine – weiße – Weste.

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Seine Läuterung ist von Blut begleitet – dem des "heiligen" Schwans, den er im Gralsbezirk als noch Unwissender tötet; und dem der nicht heilen wollenden Wunde des sündigen Amfortas. Wenn Gurnemanz ihn nach dem kunstreligiösen Gralsritual fragt, "Weißt du, was du sahst", zeigt er auf die Blutlache, die der Gralskönig hinterließ – einzig "greifbares" Relikt aus dem Zeremoniell.

Man könnte Hilbrichs Lesart vom Grundsatz her als religionskritisch begreifen. Genauer greift wohl – als ideologiezweiflerisch. Die Gralsritterschaft gibt sich in den dunkelblauen Rollkragenpullis (Kostüme: Gabriele Rupprecht) als verkrustete Avantgarde von vorgestern zu erkennen – im postmodern-grünen Freiburg lässt einen das schmunzeln. Man lebt seine Ideologie in sinnentleerten Ritualen und Äußerlichkeiten, der Nachwuchs schreibt sich Parolen wie "Dieu est amour – Gott ist Liebe" auf die T-Shirts, aber was der Gral ist – das "sagt sich" mit Wagners Worten wirklich "nicht". Am Ende wird Parsifal doch einen Kelch hervorholen, ein Muster ohne Wert. Denn bis dahin sind alle zentralen Figuren tot, die Ritterschaft wendet sich ab und der neue Erlöser setzt sich in Buddha-Manier auf die Tafel: Parsifal allein zu Haus. Eine überraschende Volte, lässt Hilbrich den im dritten Akt "Wissenden" mit Kampfstiefeln und in schwarzer Faschistenuniform auftreten. Hitlerjunge Parsifal? In jedem Fall kein Heiliger, sondern einer, in dem sich jenes "dunkle Gefühl" äußert, das der späte Nietzsche gegenüber Wagner beschrieb. Dazu passt die hermetische Machtarchitektur, die Volker Thiele in den dunkelgrünen Marmorfarben von Hitlers Reichskanzlei auf die Bühne stellt. Ihre Fenster sind Spiegel oder Löcher – kontaminierte Reflexionsfelder.

Klug ist das alles erdacht, näher an Wagners Texten als an der Sakralisierung, die mit der Vereinnahmung des Werks durch Witwe Cosima einherging, und nahe an der Ästhetik des Symbolismus, der bekanntlich durch "Parsifal" wichtige Impulse erfuhr. Vor allem der Kundry-Figur lässt die Regie, reich an Querverweisen, ihre Vielschichtigkeit zwischen Madonna, Verführerin, Dienerin und Ausgestoßener. Sigrun Schell und Christian Voigt machen die, wie Wagner schrieb, "furchtbare Katastrophe zwischen Kundry und Parsifal" mit beziehungsreichem, intensivem Spiel be-greifbar – und sie sind auch zwei großartige vokale Protagonisten. Schell verfügt über den gewaltigen Umfang der Partie souverän, meistert die Intervallsprünge im zweiten Akt geradezu brillant und versteht es auch, ihren dunklen, dramatischen Sopran so aufzuhellen, dass alles Schrille ausbleibt. Voigts Tenor wächst weiter, bemerkenswert gestählt ist seine Schlusssequenz; er verfällt indes dort nicht in unnötiges Forcieren, wo in seiner Stimme noch das Sensible, Lyrische dominiert. Einen großartigen Abend bestreitet Frank van Hove: Sein empfindsamer Gurnemanz ist fern von langweiligem Salbadern – man spürt die am Kunstlied orientierte Melodieführung des späten Wagner. Juan Orozco gibt einen beeindruckenden Amfortas, der Leidensgestus kulminiert im kräftigen, dichten Fluten seines voluminösen Baritons. Die Partie des gefallenen Ritters Klingsor ist Neal Schwantes auf die Stimme geschrieben: ganz plastisch, naturalistisch verkörpert er diese Figur. Ohne Tadel: Jin Seok Lees Titurel und Quin Dus Altsolo. Exzellent ausbalanciert ist das Blumenmädchen-Sextett mit Viktória Varga, Jardena Flückiger, Soojin Moon, Catalana Bertucci, Lini Gong und Sally Wilson. Ins Schwärmen kommt man angesichts der perfekten, mächtigen Opernchöre (Bernhard Moncado) und des ätherischen Kinderchorklangs (Thomas Schmieger).

Hohe Wagner-Reife beim

Philharmonischen Orchester

Ein Klangrausch dringt aus dem "mystischem Abgrund": Das Philharmonische Orchester spielt seine Wagner-Erfahrung aus und zeigt in der Umsetzung der vielschichtigen Partitur hohe Reife, gestalterische Sensibilität und Ausgewogenheit. Auch dahinter steckt ein kluger Kopf: Generalmusikdirektor Fabrice Bollon weiß mit den Möglichkeiten eines mittelgroßen Hauses und Orchesters umzugehen und daraus maximalen Wagner-Klanggewinn zu schöpfen. Seine "Parsifal"-Lesart orientiert sich an den zügigeren – 1:35 Stunde im ersten Akt – schneller geht’s kaum. Aber es geht nicht um Rekorde, sondern um eine stringente Deutung, die einerseits auf das Filigrane der Musik abzielt, andererseits deren in den Symbolismus weisenden Klang herausarbeitet. Und darin begegnen sich Szene und Musik auf wundersame Art. Von den bemerkenswerten Freiburger Wagner-Abenden der bislang wohl größte!
– Weitere Aufführungen: 27.4., 9., 19., 30.5. und 9., 22.6. Tel. 0761/496 8888 . http://www.theater.freiburg.de

Autor: Alexander Dick