Das Geheimnis von Plastikhausen

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Mi, 16. April 2014

Theater

Ein Lese-Spektakel mit Finn-Ole Heinrich zu seinem Roman "Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt" im Theater Freiburg.

Wenn Paulina der Maul packt, dann rette sich, wer kann. Dann bebt die Erde, dann explodiert etwas in ihrem Kopf, dann kriegt sie Bärenkräfte, muss brüllen, stampfen, kratzen, beißen. Nur hilft das alles nicht die Bohne. Schließlich hat die temperamentvolle Heldin in Finn-Ole Heinrichs Kinderbuch "Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt" nach der Trennung ihrer Eltern ihr ganzes Königreich verloren: Mauldawien ist futsch, die Prinzessin haust vaterlos in Plastikhausen.

So beginnt das vom Theater Freiburg in Kooperation mit dem Autor inszenierte Lese-Spektakel mit zwei pittoresk vollgestopften Bretterbuden auf der Werkraumbühne (Regie: Benedikt Grubel): In einer brutzelt Finn-Ole Heinrich Pfannkuchen, in der anderen bastelt Live-Musiker Spaceman Spiff alias Hannes Wittmer an einer Soundcollage, indem er Alltagsgeräusche mit Schere, Flasche und Papier in die Loop-Maschine speist. "Es war einmal, da hatten wir noch alles", liest Heinrich wenig später auf dem Bademeister-Hochsitz, erzählt von jenem Altbauparadies im vierten Stock, von Licht und Lachen, von Nähe und Gemütlichkeit. Das ist nun vorbei. Schwupps, die Bretterbuden umgedreht, schon wird aus der Lichterkette eine Neonröhre, aus kreativem Chaos eine weißlackierte Ödnis mit kleinen Fensterlöchern und handtuchgroßem Plastikrasen (Ausstattung: Nina Hofmann).

Sprach- und bildermächtig ist Heinrichs Roman, vielschichtig und mit Rezepten, Bauanleitungen, Comics und allerlei wilden Fantasien angereichert. Es ist nicht einfach, dieses Assoziationsgespinst für die Bühne zu adaptieren – und so zerfasert der Erzählstrang zu Anfang für jene, die das Buch nicht kennen. Denn wer ist diese Maulina? Was ist Wirklichkeit, was Poesie, was Traum? Dafür gibt’s pralle Atmosphäre und herrlich schräge Spielideen: Maulinas neue Mitschüler agieren als Kasperletheater-Ensemble, ihre Köpfe sind an Stöcke geheftete Fotokopien. Der Großvater ist ein Käsegeneral mit Pfannkuchen-Mundharmonikalied, seine verschwurbelten Weisheiten scheppern aus dem Kassettenrecorder. Und als Maulina und ihr Freund Paul dem Geheimnis von Plastikhausen auf der Spur sind, jagen Heinrich und Spaceman Spiff mit Trenchcoats, Hüten und Taschenlampen über die dunkle Bühne, während im Hintergrund ein sehr witziges Freiburgvideo zehn ultimative Agententricks zeigt.

Überhaupt machen die beiden Darsteller trotz schneller Rollenwechsel ihre Sache richtig gut: Die Spannung hält, steckt voller Brüche, Überraschungen und Action, die Maulinas anarchische Innenwelten in Szene setzen. Dann wieder schwebt ein zauberhaft zarter Erzählton über dem Geschehen. Dass hier mit Trennung und Krankheit ziemlich heftiger Stoff verhandelt wird, vergisst man da bisweilen. Doch mit dem Herzen zu begreifen, dass manche Dinge nicht zu ändern sind, daran geht auch hier kein Weg vorbei. Ein selten kreatives Theatererlebnis mit viel Musik und Tiefgang.


– Weitere Vorstellungen: 27. April (16 Uhr), 28. April (10 Uhr), 29. April (10 Uhr), 30. April (10 Uhr und 21.30 Uhr), Ab 10. Karten: Tel. 0761/201 2853