Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

27. September 2014

Psychoterror mit bekanntem Ausgang

Buseke/Lüdin inszenieren in Basel Björn Steierts "Heros".

  1. Michael Buseke spielt in der Basler „Heros“-Version John Lennons Mörder. Foto: Annette Mahro

Wie oft haben wir uns die Frage gestellt und tun es gerade aktuell immer wieder, warum Menschen andere ermorden. Warum die Mörder scheinbar ohne jeden Affekt und Anlass Ihresgleichen töten, ohne die Opfer auch nur gekannt, gefürchtet oder gar gehasst zu haben. Gut möglich, dass viele der Mordgesellen von ähnlichen Motiven getrieben sind, wie jener Niemand im Stück des Lörracher Autors Björn Steiert, das jetzt im Basler Ackermannshof zu sehen ist. Einen Mord zu begehen, hieße das, um der Bedeutungslosigkeit eine Tat entgegenzusetzen, sich selbst hervorzuheben, zu inszenieren.

"Heros" spielt in der Gedankenwelt des Mannes, der am 8. Dezember 1980 vor dessen New Yorker Domizil dem Beatles-Gründer John Lennon auflauert und ihn erschießt. Tags zuvor hatte er sich von ihm noch eine Schallplatte signieren lassen. Der Niemand ermordet das Idol einer ganzen Generation, an dessen Ruhm er teilhaben will. "Meine Geschichte, die von seiner bald nicht mehr zu trennen sein wird, werdet ihr kennen", ruft der Protagonist des Wahns dem Publikum zu. Die Inszenierung des Theaterkollektivs von Michael Buseke (Spiel) und Dominique Lüdi (Regie) bricht die übliche Rollenverteilung auf. Nicht ein Zuschauerraum liegt der Bühne gegenüber, sondern viele. Immer wieder blenden Scheinwerfer auf, da kann es jeden treffen.

Werbung


In der Bühnentheorie ließe sich der Mord noch verhindern, auch wenn er definitiv vor 34 Jahren schon stattgefunden hat. Michael Buseke lässt seine Figur zwischen Mordsucht und unerträglicher Selbst- und Weltsicht taumeln, schwitzen und heiser brüllend Songtextfetzen deklamieren. Bald wird er sein Publikum vor die alles entscheidende Frage stellen. Man nenne ihm einen treffenden Grund, weshalb er die Tat nicht begehen solle, die an diesem Punkt des Dramas noch nicht stattgefunden hat. Strafandrohungen können Amokläufer nicht stoppen, religiöse Gebote lassen sich ins Gegenteil kippen, wie viele wollen Stimmen gehört haben, die ihnen ihre Taten befahlen?

Was also lässt sich einem Mörder entgegnen und ist es nicht am Ende leichter, Gründe dafür, als solche dagegen zu finden? Auch wenn alle Versuche scheitern müssen, am Ruhm, am Geliebtsein oder nur dem unschuldigen Leben des Opfers durch die Tat teilzuhaben, ist das Ende aber nicht mehr rückgängig zu machen. Steiert/Buseke lassen ihren Mörder schließlich, längst selbst gekrümmt am Boden liegend, genau das versuchen: "Er lebt!" Wie somnambul in spärlich gesetzten Einschüben hier und da am Rand der Szene vorbeilaufend, lässt die junge Sängerin Drilona Musa Lennon-Songs aufblitzen. Natürlich auch das berühmte "Imagine", seine große Friedensbotschaft und Absage an Mord und Tod.

Das 2008 mit dem Paula-Rombach-Preis ausgezeichnete Stück wurde 2011 auch schon als Prolog zum Lörracher Stimmen-Festival gegeben, damals unter der Regie von Tempus-Fugit-Chefin Karin Maßen. Die aktuell in Basel laufende Version schlägt den Bogen jetzt noch einmal weiter ins Publikum hinein. Dagegen fehlen die in Lörrach mehrfach abgebrochenen bildhaft atemlosen Versuche des Protagonisten, die eigentliche Bühnenebene des Lebens zu erklimmen. Buseke/Lüdi setzen gleichsam später ein und reißen ihr Publikum noch gewaltsamer mit. Die Therapie ist bisweilen rücksichtslos. Sie soll es sein.
– Weitere Aufführungen: 2. und 3. Oktober, 20 Uhr, Ackermannshof (St. Johannsvorstadt 19-21), Basel, Reservierung: Tel.  004176/2141091, Info: http://www.buseke-luedi.com

Autor: ama