Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

16. März 2009

Wunder und Schrecken

Das Theaterprojekt "Generation XY. . . ungelöst!" hatte im Freiburger Werkraum Premiere

  1. Die Jugend von heute? Szene aus dem Theaterprojekt Foto: nina Kiefer

Die Jugend von heute – nicht nur Aristoteles wusste wenig Gutes über sie zu sagen. Frech, zuchtlos und faul sei sie, und schon eine Keilschrift aus Ur um 2000 vor Christus sah in ihr nicht etwa die Hoffnung auf Zukunft, sondern das Ende der Welt. Dass eine Annäherung an diese diskriminierte Bevölkerungsschicht aber schon deswegen unbedingt lohnt, weil sich dadurch die eigene Jugend mit all ihren Gefühlen, Ängsten und Sehnsüchten noch einmal regt, zeigt das Theaterprojekt "Generation XY. . . ungelöst!", das jetzt im Werkraum des Freiburger Theaters Premiere hatte.

Ein rundum spannendes Experiment, denn wie der Titel schon sagt, brachten Ina Annett Keppel und Michael Kaiser dazu 30 Kinder und junge Erwachsene zwischen zehn und 30 Jahren zusammen: einmal die nach dem Roman von Douglas Coupland benannte "Generation X", die nach den 70er Jahren geboren wurde, und dann die in den 90er Jahren geborene "Generation Y". Dabei wurde die Gruppe der 15- bis 20-Jährigen bewusst ausgespart: Rückblick und Ausblick sind also da, die aktuelle Jugend aber fehlt.

Das hört sich zunächst nach soziologischen Analysen und komplexem Insiderwissen an, doch genau darum geht es nicht in dieser pulsierend lebendigen Collage aus 16 ganz unterschiedlichen Szenen. Im Gegenteil: Hier erzählen und spielen die Experten selbst – und das tun sie mit Humor, Energie und Ehrlichkeit. Dabei ist die Klassifizierung über Mode und Musik nicht das Thema, sondern eine dramatische Lebensphase der Wunder und Schrecken. In einer sechswöchigen Probephase kam so durch Improvisationen ein durchaus facettenreicher Geschichtenpool zusammen, aus dem dann gemeinsam Exemplarisches herausgefiltert wurde.

Werbung


Laut, schnell und turbulent geht es auf der Bühne des Werkraums zu, wenn 30 junge Leute kreischend durcheinander rennen, zu Musik der Band Nirvana tanzen, Sido-Texte singen, Disco oder Demo spielen. Selbst ein kollektives headbanging bei Heavy Metal bleibt dem Publikum nicht erspart. Doch kein Grund für Berührungsängste, schließlich gibt es auch viele nachdenkliche, poetische und berührende Momente. So etwa, wenn eine von ihrem letzten Sommer als Mauerblümchen erzählt, vom Tod des Freundes oder vom Tag, als Papa auszog. Wenn aus Tagebüchern vorgelesen oder Tanzkurs-Katastrophen gebeichtet werden, wenn es um Sorgen und Komplexe geht. Doch der Grundton bleibt positiv und überraschend: So urkomisch fungiert die Gruppe beispielsweise bei einem schrägen ICQ-Internet-Chat als menschliche Leitung, dass nicht nur Kenner hellauf begeistert sind.

Das Themenspektrum ist jedenfalls gewaltig, die Bühnenpräsenz der jungen Akteure umwerfend. Energetisch spürbar ist allerdings auch der hohe Mädchenanteil: Gerade mal fünf Jungs hatten sich beim ersten Projekttreffen eingefunden, doch das Konzept der beiden Macher war, dass alle Interessierten mitmachen können. "Es war ein extrem harmonisches Miteinander und für uns erstaunlich, wie viel Lust die beiden Altersgruppen aufeinander hatten", erzählt Gastregisseurin Ina Annett Keppel. Lust auf Jugend macht dieses Stück auch dem Publikum und beweist sich damit als Projekt, das dem Motto "Theaterlabor" aufs Prickelndste gerecht wird.
– Weitere Aufführungen: am 20. und 22. März, jeweils 18 Uhr, im Werkraum des Theaters Freiburg. Tel. 01805/556656.

Autor: Marion Klötzer