Neu im Kino

Thomas Stubers betörendes Liebesdrama "In den Gängen"

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Di, 22. Mai 2018 um 19:28 Uhr

Kino

Magischer Realismus, poetische Überhöhung schnöder Arbeitstristesse, warmer Humor: Thomas Stubers Film "In den Gängen" ist ein betörendes Liebesdrama.

Dass der Strauß-Walzer "An der schönen blauen Donau" selbst Tänze von galaktischen Ausmaßen "orchestrieren" kann, wissen wir spätestens seit der Science-Fiction-Saga "2001 – Odyssee im Weltraum", die Stanley Kubrick vor genau einem halben Jahrhundert gedreht hat. Da war Thomas Stuber noch lange nicht geboren: Der Regisseur und Drehbuchautor aus Leipzig, der an der Filmakademie Baden-Württemberg studierte, ist Jahrgang 1981. Und doch bereits vielfacher Preisträger: für sein Internatsdrama "Teenage Angst", den Kurzfilm "Von Kunden und Pferden", für "Herbert" über einen an ALS erkrankten Boxer, für seinen "Tatort"-Krimi über einen ermordeten Flüchtling. Stubers Markenzeichen sind die genaue Beobachtung, die authentische Milieuschilderung – und der kluge, subtile Einsatz von Musik. Die wird diesmal nachgerade zum vierten Hauptdarsteller.

Es scheint fast, als habe der junge Filmemacher Kubricks Klassiker vor seinem dramaturgischen Auge gehabt, wenn er "In den Gängen" mit äußerst verknappten Dialogen inszeniert und lieber Geräusch und Musik sprechen lässt, sobald sich eine Seelenlandschaft auftut.

Christian (Franz Rogowski), der neue Mitarbeiter in einem gigantischen Supermarkt irgendwo im ostdeutschen Nirgendwo, redet sowieso kein Wort zu viel, vielleicht weil er in seinem vorherigen Job auf dem Bau nicht musste, vielleicht weil er mal selbst für zwei Jahre im Bau war, wie er eines Abends Bruno (Peter Kurth, der auch schon Stubers "Herbert" war) erzählt, seinem Vorarbeiter bei den Getränken und väterlichen Freund.

"Du bist ja ne echte Tratschtante", witzelt Marion (Sandra Hüller) von den Süßwaren, aber sie schweigt gerne mit dem Frischling, wie sie ihn nennt. Und wenn sie sich mit ihm auf einen schnellen Automatenkaffee trifft, dann ist die kitschige Fototapete des Aufenthaltsraums hinter den Supermarktgängen das Südseeparadies selbst, mit prächtigen Palmen und einem Meeresrauschen, das sogar der Kinozuschauer hören kann.

Ja, das ist magischer Realismus, das ist eine poetische Überhöhung schnöder Arbeitstristesse. Obendrein gibt es auch viel warmen Humor in diesem Film – und ja, eigentlich werden sämtliche Supermarktmitarbeiter in ihrer blassen Schäbigkeit weichgezeichnet. Ein Wohlfühlfilm mit süßlichem Malocherpathos ist "In den Gängen" deshalb noch lange nicht.

Einsam, schweigsam, zärtlich: Franz Rogowskis starkes Spiel

Der Regisseur, der hier zum dritten Mal eine Kurzgeschichte des Schriftstellers Clemens Meyer aus Halle inszeniert, und sein Kameramann Peter Matjasko betrachten ihre Figuren einfach mit liebevollem Blick. Und zeigen den Mikrokosmos ihrer Arbeitsstätte als ganze weite Welt, in der das Leben so gut gelingen und scheitern kann wie anderswo. Wenn in diesem Universum der Gabelstapler seine schöne Choreografie zwischen die Warenregale tanzt, wird da auch einer Arbeit Respekt gezollt, die ansonsten ja nicht gerade zu den Traumberufen gehört.

Ohnehin ist nicht alles eitel Freude in diesem Film, es gibt auch Gewalt und Tod, und die Beziehung zwischen Christian und Marion ist mehr Verheißung als Erfüllung. Aber wenn sich dann, unendlich langsam, ihre Finger zum ersten Mal finden oder ihre Nasen zum Eskimokuss, glaubt man, die Liebe im Kino zum ersten Mal zu sehen. Was natürlich nicht zuletzt an den Darstellern liegt. Alle drei Protagonisten haben einschlägige Theatererfahrung: Franz Rogowski ist nach Stationen in Hamburg, Hannover und Berlin mittlerweile bei den Münchner Kammerspielen, Sandra Hüller, die von 2002 bis 2006 in Basel engagiert war, wurde 2013 von der Zeitschrift Theater heute zur Schauspielerin des Jahres gekürt, Peter Kurth 2014 zum Schauspieler des Jahres. Zusammen machen sie möglich, was man heute kaum mehr erwarten würde: dass ein so stiller, so ereignisarmer Kinofilm so betörende Wucht entfalten kann.

Die größte Leistung aber erbringt Franz Rogowski – und bekam dafür Ende April zu Recht den Deutschen Filmpreis. Der 1986 in Freiburg geborene Autodidakt, derzeit auch in Christian Petzolds Anna-Seghers-Verfilmung "Transit" in den Kinos, ist wie geschaffen für die Rolle dieses einsamen Helden, dem er mit seinem von einer Lippenspalte herrührenden Lispeln ganz eigene Glaubwürdigkeit verleiht. Wenn Christian in einer Kneipe am Spielautomaten mit dem Stofftiergreifer steht – auch so eine virtuos eingesetzte Metapher für seine vergeblichen Versuche, doch mal eine Glückssträhne zu fassen zu kriegen –, dann zerreißt es einem fast das Herz. Der deutsche Film hat in ihm einen lonesome Cowboy, der Härte, Stoik und Lakonie, wie wir sie aus dem amerikanischen Kino kennen, mit zärtlicher, wilder Sehnsucht transzendiert. Wir wollen ihn bald wieder sehen.

"In den Gängen" (Regie: Thomas Stuber) kommt am Donnerstag in die Kinos. Ab 12.