Besucher sind geschockt

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Do, 23. März 2017

Titisee-Neustadt

Der Film "Bauer unser" stellt Fragen zur Zukunft der landwirtschaftlichen Produktion .

TITISEE-NEUSTADT. Der Kinosaal ist krachend voll, einige Besucher müssen mit einem Nebenraum vorlieb nehmen. Und das an einem Sonntag zu einer Matinee um 11 Uhr. Kein Hollywood-Blockbuster, sondern die Vorpremiere von "Bauer unser", ein Film des österreichischen Regisseurs Robert Schabus war angekündigt. Er konnte es an Spannung und Eindringlichkeit mit jedem Thriller aufnehmen.

Laut Werbung zeigt der Film, "wie es auf Bauernhöfen zugeht". Und wie’s da zugeht: Da ist der dynamische Milchbauer, der den elterlichen Hof von einem Kleinbetrieb mit 17 000 Liter Jahresproduktion mit Investitionen von 2 Millionen Euro zu einem industrialisierten Großbetrieb mit 3800 Liter Tagesleistung umfunktioniert hat. Ähnlich die Entwicklung eines Eierbauern, dessen 65 000 Legehühner zwischen endlosen Regalen sich zwar auf dem 18. Teil eines Quadratmeters bewegen und ein paar Mal mit den Flügeln schlagen können, deren sonstiges Leben aber untrennbar an einen voll automatisierten Ablauf gekettet ist. Auch ein Schweinemäster hat sich spezialisiert und führt in einem jeweils 120 Tage dauernden Zyklus 1300 Mastschweine den Schlachthöfen zu.

Sie repräsentieren eine landwirtschaftliche Produktionsweise, die nur an Leistung und Ertrag orientiert ist, und sie haben sich ihr unterworfen. Dies kommt unmissverständlich zum Ausdruck. Sie sagen: Nur wer wächst und sich nach den Marktbedürfnissen richtet, überlebt.

Die gleiche Haltung vertreten im Film Verbands- und Genossenschaftsfunktionäre, Landwirtschaftsminister, EU-Kommissar und Handelskettenmanager. Es soll in der Landwirtschaft für den internationalen Markt und möglichst billig produziert werden, dies wird subventioniert. Man erfährt, dass durch diesen Konzentrationsprozess innerhalb der EU jährlich 350 000 Bauernhöfe schließen, in Österreich alle dreieinhalb Stunden einer.

Da ist aber auch das Biobauernpaar, das mit Schafen, Schafsprodukten, Gemüse, Wein und Getreide durch Direktvermarktung ein zufriedenstellendes Auskommen erwirtschaftet. Ein anderer Bio-Gemüsebauer versorgt durch seinen Hofladen und mit Gemüse-Abo-Kisten an die 700 Haushalte in seiner Umgebung. Sein Credo: "Ich will wissen, für wen ich arbeite und die Leute sollen wissen, wer und wie für sie produziert".

BLHV-Chef Tritschler kritisiert Leistungsmaxime

Diese und noch weitere Protagonisten werden ohne jeden wertenden Kommentar in Situationen ihres Alltags filmisch begleitet. Inhaltliche Analysen und Meinungen unterschiedlichster Art kommen in O-Tönen von Experten vor. Benedikt Haerlin, Mitverfasser des Weltagrarberichts 2013 zeigt auf: Durch die subventionierte und deshalb billige Milchproduktion in Europa zum Beispiel in Ghana kostet ein Liter importierte Milch nur ein Drittel so viel, wie ein vor Ort produzierter; das erzeugt eine immense Landflucht und lässt immer größere Abhängigkeit entstehen. Dagegen wird derselbe Vorgang vom irischen EU-Kommissar Phil Hogan als Ausdruck erfolgreicher Marktpolitik gepriesen. Viele Aspekte führen dem Betrachter immer wieder den Gegensatz von spezialisierter, konventionell-industrieller und kleinbäuerlicher, auf mehreren Standbeinen und regionaler Vermarktung basierter Landwirtschaft, vor Augen. Schabus überlässt es dem Zuschauer, seine Schlüsse selbst zu ziehen. Die Bildsprache verzichtet auf filmischen Mätzchen und Tricks. Trotzdem erzielen die Bilder emotionale Tiefenwirkung, etwa wenn den Aufnahmen von Schlachtvorgängen im Akkordtempo in einer Schlachtfabrik dieselbe Handlung des Schafbauernpaars gegenübergestellt wird. Der Film verschweigt nichts, er zeigt, wie es ist, nach allen Seiten.

Der Regisseur stellte sich der Diskussion. Selbst auf einem kleinbäuerlichen Hof in Österreich aufgewachsen, ließ er keinen Zweifel daran, wo er selbst steht. Der Schock über die globalen Konsequenzen industrieller Agrarproduktion sprach aus mehreren Beiträgen der Besucher und die Verantwortung des Verbrauchers wurde angemahnt, sich beim Einkauf nicht in erster Linie am Preis zu orientieren.

Eugen Tritschler, BLHV-Kreisvorsitzender, kritisierte, dass die Absolventen landwirtschaftlicher Ausbildungsgänge "nur auf Leistung getrimmt werden" und forderte einen grundsätzlichen Richtungswechsel hin zu mehr regionaler und nachhaltiger Produktion, wohl wissend, dass im eigenen Verband die konventionelle Arbeitsweise favorisiert wird.

Wer sich für Fragen der Zukunft der Landwirtschaft und der Ernährung interessiert, findet in "Bauer unser" Stoff und Anregung für eigenes Nachdenken. Der Film läuft von heute an flächendeckend.