"Die Probleme werden komplexer"

Tanja Bury

Von Tanja Bury

Do, 13. Dezember 2018

Titisee-Neustadt

BZ-INTERVIEW mit Vertretern des Caritasverbands Hochschwarzwald zur sozialen Situation und den Hilfen aus der BZ-Aktion.

HOCHSCHWARZWALD. Rund 43 000 Euro haben die Hochschwarzwälder im vergangenen Jahr für die BZ-Aktion Weihnachtswunsch gespendet. Und auch in dieser Saison soll wieder eine stattliche Summe zusammenkommen, um Familien, alte und kranke Menschen zu unterstützen. Dabei geht es nicht nur um großen Beistand, sondern um viele kleine Hilfen. Das zeigt das Gespräch von Tanja Bury mit Christoph Schlosser, Carmen Walker, Bernadette Schlosser und Wendelin Schuler vom Caritasverband Hochschwarzwald.

BZ: Wie sieht die soziale Situation im Hochschwarzwald aus?
Christoph Schlosser: Im vergangenen Jahr haben sich rund 400 Menschen an uns gewandt und um Hilfe in den verschiedensten Bereichen gebeten. Nicht mitgezählt sind die Leute, die die Tafel besuchen. Derzeit sind dafür 250 Ausweise ausgestellt. Allerdings stehen dahinter nicht nur Einzelpersonen, sondern oft Familien.
BZ: Hat die Zahl der Bedürftigen damit zugenommen?
Schuler: Nein, das nicht. Aber die Intensität der Probleme hat zugenommen. Sie sind komplexer, ihre Lösung zeitaufwändiger geworden. Daran hat die Bürokratie einen großen Anteil. Aber in meinem Bereich, der Beratungsstelle für ältere Menschen, braucht es schlicht Zeit, bis man den Zugang zu den Menschen bekommt.
Walker: Manche Menschen kommen erst sehr spät zu uns – wenn Vieles schon im Argen liegt, Ansprüche verwirkt sind. Dementsprechend viel haben wir dann mit solchen Fällen zu tun. Die Leute schämen sich, dass sie es nicht allein schaffen. Sie wollen die Dinge innerhalb der Familie regeln oder verdrängen die Probleme.
BZ: Wie sehen die aus?
Bernadette Schlosser: Es sind sehr oft existenzielle Nöte, die durch Ereignisse wie den Verlust der Arbeit, durch Trennung oder Krankheit ausgelöst werden. Auch der Übergang von der einen in die andere Hilfe kann Probleme machen.
Walker: Oder auch von der Arbeitslosigkeit zurück in die Berufstätigkeit.
BZ: Wie das?
Bernadette Schlosser: Arbeitslosengeld II wird Anfang oder Mitte des Monats ausbezahlt, der Lohn dann aber oft Ende des kommenden Monats. Dadurch entstehen Lücken, die diese Menschen nur schwer oder gar nicht überbrücken können. Im Gegenteil: Manche machen in dieser Zeit neue Schulden. Hier können wir durch die Gelder der BZ-Aktion schnell und unbürokratisch Hilfe leisten, in dem wir ein kleines Darlehen geben.
BZ: In der Stadt sowieso, aber auch auf dem Land ist Wohnraum knapp. Welche Rolle spielt die Wohnungsnot in Ihrer Arbeit?
Walker: Eine große. Die Menschen, die bei uns Hilfe suchen, sind finanziell nicht gut aufgestellt. Der Wohnraum, den sie sich leisten können, liegt oft weit außerhalb. Aber ein Auto haben sie nicht, Busfahren ist teuer und der ÖPNV-Anschluss oft schlecht. Das ist ein großes Problem. Dazu kommt, dass Wohnungen nicht gut isoliert oder mit teuren Nachtspeicheröfen ausgestattet sind. Die Folge: Hohe Kosten für Leute, die sowieso schon wenig haben. Manche mieten aus Verzweiflung eine größere Wohnung an, müssen einen Eigenanteil bezahlen – und schon geht die Schuldenspirale los.
Schuler: Manchmal scheitert es auch an der Kaution, die die Menschen nicht aufbringen können. Auch hier setzen wir Mittel der BZ-Aktion Weihnachtswunsch ein. Ebenfalls ein drängendes Problem: behindertengerechter Wohnraum.
BZ: Gibt es hochschwarzwaldtypische Erscheinungen, die Ihre Kollegen so nicht kennen?
Walker: Ganz klar die Kälte, die für unsere Klienten zu hohen Heizkosten und Nachzahlungen führt.
Bernadette Schlosser: Die langen und oft umständlichen Anfahrtswege, der fehlende ÖPNV. Für die Menschen ist es oft unheimlich schwierig, zur Arbeit zu kommen. Ein Beispiel: Wir betreuen einen jungen Mann, der in Neustadt Nachtschicht arbeitet und rund 20 Kilometer weg in einem kleinen Dorf wohnt. Um nach Hause zu kommen, muss er mit dem Taxi fahren. Damit ist ein Großteil seines Verdienstes schon weg.
Walker: Wenn noch Kinder zu versorgen sind, ist es ganz schwierig, eine Arbeitsstelle anzunehmen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden muss. Da können die Familien noch so guten Willens sein – es funktioniert nicht.
BZ: Wo sollen, wo müssen die Kommunen aktiv werden?
Walker: Sozialer Wohnungsbau ist ein großes und drängendes Thema – es braucht mehr bezahlbare Wohnungen. Auch wünschen wir uns ein Sozialticket für den ÖPNV. Es würde den Menschen, die auf Bus und Bahn angewiesen sind, sehr helfen. Was eine Erleichterung und eine Bereicherung wäre, ist ein Bürgerbus. In Kirchzarten oder Bad Krozingen gibt es dieses Angebot bereits.
Schuler: Gerade für ältere Menschen, die am Dennenberg oder an der Fehrn wohnen, ist es schwierig, in die Stadt und wieder zurückzukommen. Das Taxi ist wegen der Kosten nicht für jeden die Lösung dieses Problems.
Bernadette Schlosser: Es fehlen vor allem in Titisee-Neustadt Betreuungsplätze für Kinder. Keine Kinderbetreuung zu haben heißt, nicht arbeiten zu können. Viele Familien aber brauchen zwei Einkommen. Wir betreuen eine Frau, die geht jetzt samstags putzen, weil sie dann ihre Tochter mitnehmen kann. Unter der Woche hat sie niemanden für ihr Kind.
Schuler: Es fehlt auch an Pflegeheimplätzen. Sie werden dringend gebraucht.
BZ: Blick in die Zukunft: Welche Probleme könnten zunehmen?
Bernadette Schlosser: Es gibt weniger Arbeitslose, es ist Arbeit da. Aber immer mehr Leute sind Leiharbeiter. Sie leben mit der Unsicherheit, wie lange sie ihre Stelle haben. Die Not, dass Menschen mehrere Jobs machen müssen, kehrt mehr und mehr auch bei uns ein.
Walker: Der Druck auf Familien, dass beide Eltern arbeiten gehen müssen, wird größer. Und ja: Die Bürokratie nimmt zu, alles wird komplizierter und bringt manch einen in Nöte.
BZ: Welches sind Ihre schönsten Erlebnisse im Rahmen der Aktion?
Christoph Schlosser: Es sind die kleinen Hilfen, die anrühren.
Bernadette Schlosser: Genau. Dass sich eine Frau endlich die Salbe kaufen kann, die bei ihrem Ausschlag hilft.
Schuler: Ich konnte einen Zuschuss für eine Brille möglich machen. Der Betroffene hat sie dringend gebraucht, konnte aber den Eigenanteil nicht bezahlen.
Walker: Viele Familien kommen gerade so über die Runden, aber wenn dann zum Beispiel der Schulanfang mit vielen Anschaffungen ansteht, kommen sie in Schwierigkeiten. Wir können durch die Mittel Familien am gesellschaftlichen Leben teilhaben lassen: Eine Geburtstagsparty für das Kind, damit es auch mal Freunde einladen kann.
Christoph Schlosser: Das Geld aus der BZ-Aktion macht es möglich, schnell und unbürokratisch zu helfen, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Und das nicht nur an Weihnachten, sondern das ganze Jahr.

Die Gesprächspartner: Carmen Walker (Sozialpädagogin) arbeitet seit 23 Jahren im Caritasverband Hochschwarzwald im Sozialdienst, der Schwangerschafts- und Kurberatung. Bernadette Schlosser (Sozialpädagogin) gehört seit 31 Jahren zum Neustädter Caritasteam, ist bei Sozialdienst, Schwangerschaftsberatung und Tafel tätig. Sozialpädagoge Wendelin Schuler betreut die Beratungsstelle für ältere Menschen. Christoph Schlosser (Sozialpädagoge) ist seit 30 Jahren beim Caritasverband Hochschwarzwald und leitet ihn.

Spenden sind möglich unter:

Sparkasse Hochschwarzwald:

IBAN: DE28 6805 1004 0004 0100 88

BIC: SOLADES1HSW

Volksbank Freiburg:

IBAN: DE21 6809 0000 0018 0981 05

BIC: GENODE61FR